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Tiefseebohrung : China sichert sich im Meer Öl und Einfluss

Chinas erste Ölplattform im südchinesischen Meer Bild: dapd

Die Volksrepublik hat erste Tiefseebohrungen aufgenommen. Sie will damit ihren Energiebedarf decken und Ansprüche im Südchinesischen Meer durchsetzen. Derzeit tobt ein Streit mit den Philippinen.

          Es ist ein Zufall, dass China ausgerechnet vor einer Woche die erste Tiefseebohrung nach Erdöl im Südchinesischen Meer begonnen hat, aber es ist ein Zufall mit Symbolkraft. Denn etwa zeitgleich mit der Inbetriebnahme der Plattform schlugen wegen eines maritimen Territorialstreits zwischen der Volksrepublik und den Philippinen die Wellen hoch.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          In dem Disput geht es, jedenfalls vordergründig, um die Fischereirechte rund um das Scarborough-Riff, das die Chinesen Huangyan-Inseln nennen. Seitdem die philippinische Marine dort chinesische Fischer aufgebracht hat, stehen sich sogar Kriegsschiffe gegenüber. Ähnliche Konflikte hatte es zuvor schon zwischen Vietnam und China gegeben, auch Malaysia, Taiwan und Brunei erheben Ansprüche im Südchinesischen Meer. Die Kraftprobe erweckt ungute Erinnerungen an 1974, als China Vietnam von den Paracel-Inseln (Xisha-Inseln) vertrieb; damals starben 71 Soldaten.

          In umstrittenen Gewässern

          Den Zusammenhang mit der Bohrinsel stellte niemand Geringeres her als der Chef der staatlichen chinesischen Fördergesellschaft Cnooc, Wang Yilin. Die großen neuen Halbtaucherbohrinseln seien „unser mobiles nationales Territorium und eine strategische Waffe, um die Entwicklung der Ölförderung im Meer voranzutreiben“, sagte Wang nach Angaben der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua. Die Bohrung diene nicht nur der Energiesicherheit, sondern auch Chinas souveränen Rechten in den umstrittenen Gewässern. Die Plattform bohrt zwischen den Paracel-Inseln und der Macclesfield Bank (Zhongsha-Inseln). Letztere wird von China und Taiwan beansprucht.

          Tatsächlich geht es bei den Auseinandersetzungen um mehr als um Fische, Korallenriffe und um nationales Prestige, es geht vor allem um Bodenschätze. Ob Paracel-, Spratley-, Scarborough- oder Zhongshan-Inseln, im ganzen Südchinesischen Meer - das in Manila Westphilippinisches Meer heißt - werden große Öl- und Gasreserven vermutet. Danach schielen alle Anrainer, denn kaum einer fördert zu Hause genügend Rohstoffe für den stark wachsenden Eigenbedarf.

          Der Ölverbrauch in China nimmt zu

          Gerade Chinas Hunger ist gigantisch. Es ist zum größten Energienutzer der Welt aufgestiegen und zum zweitgrößten Ölverbraucher hinter den Vereinigten Staaten. Bis in die neunziger Jahre war es noch Nettoexporteur, dann wuchs der Bedarf so sprunghaft, dass das Land bis 2009 zum zweitgrößten Nettoimporteur von Rohöl wurde. Im selben Jahr löste es Amerika als größter Automarkt der Welt ab. Seitdem entfallen mehr als ein Drittel des Wachstums im Ölverbrauch auf China. 2011 förderte China 204 Millionen Tonnen und verbrauchte 415 Millionen Tonnen.

          Um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, gehen die Chinesen mehrgleisig vor. Sie propagieren das Energiesparen, den Ausbau alternativer Stromquellen und Fahrzeugantriebe sowie die Ausbeutung neuer Quellen, etwa unkonventioneller Erdgase. Vor allem aber sichern sie sich langfristige Lieferungen aus dem Ausland, sie kaufen sich in fremde Unternehmen oder Lagerstätten ein - und sie versuchen sich neuerdings in Tiefseebohrungen. Dafür bietet sich das Südchinesische Meer an, denn dort werden 30 Milliarden Tonnen Öl und 16.000 Milliarden Kubikmeter Erdgas vermutet. Nach Angaben von Xinhua sind das ein Drittel der chinesischen Vorkommen. Einer Aufstellung des Rohstoffkonzerns BP zufolge wurden in China bisher aber erst 2 Milliarden Tonnen Öl und 2800 Milliarden Kubikmeter Gas nachgewiesen.

          Erster Versuch Chinas

          “Das Problem ist, dass China immer mehr Öl verbraucht, seine eigene Förderung aber nicht ausweiten kann“, sagt Xia Yishan, Energie-Fachmann am Chinesischen Institut für Internationale Studien in Peking. Er hat errechnet, dass die Importabhängigkeit bis 2020 von heute 51 auf 70 Prozent steigen wird. „Um wenigstens das heutige Fördervolumen zu halten, sind Tiefseebohrungen unerlässlich“, sagt Xia.

          Die Plattform, die jetzt in Betrieb ging, ist der erste chinesische Versuch, derartige Lagerstätten im Meer zu finden und anzuzapfen. Und sie ist die erste Tiefseebohrinsel im Südchinesischen Meer. Das Explorationsgebiet liegt 320 Kilometer südöstlich von Hongkong. Das Wasser ist hier 1500 Meter tief, die maximale Bohrtiefe beträgt 10.000 Meter.

          Der Betreiber Cnooc bezeichnet die 114 mal 89 Meter große und 117 Meter hohe Anlage als chinesische Eigenentwicklung. Doch gilt es als wahrscheinlich, dass ausländische Kenntnisse eingeflossen sind. 2008 kaufte Cnooc für 2,4 Milliarden Euro den norwegischen Förderer Awilco. Dadurch sicherte man sich sieben Plattformen und die neueste Bohrtechnik für die Tiefseeausbeute. Die Kassen sind auch weiter gut gefüllt. Der Staatsbetrieb erwirtschaftete 2011 aus rund 241 Milliarden Yuan (30 Milliarden Euro) Umsatz einen Jahresüberschuss von 70,3 Milliarden Yuan (8,7 Milliarden Euro). Die Gruppe beschäftigt fast 100.000 Mitarbeiter.

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