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Milliardenprojekt : Grüner Stahl von Thyssenkrupp

Stahlarbeiter in Duisburg Bild: Reuters

Der Stahlkonzern investiert in Duisburg, um künftig klimaschonender produzieren zu können. Zwar geht die gut 2 Milliarden Euro teure Anlage ein Jahr später als geplant in Betrieb, dafür wird sie deutlich größer.

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          Für Vorstandschefin Martina Merz ist es nicht weniger als eine „Zeitenwende für die Stahlproduktion im Ruhrgebiet“: Für mehr als 2 Milliarden Euro Gesamtkosten errichtet Thyssenkrupp in Duisburg eine erste riesige Anlage zur Erzeugung von grünem Stahl. Im Herbst sollen die Aufträge vergeben werden, der Produktionsstart ist 2026 geplant, ein Jahr später, als bisher vorgesehen.

          Helmut Bünder
          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Dafür wird die Anlage deutlich größer als ursprünglich kalkuliert: Ausgelegt ist sie auf eine Jahreskapazität von 2,5 Millionen Tonnen. Fast ein Viertel der aktuellen Flachstahlproduktion im Duisburger Werk könnte dann langfristig klimaschonend mithilfe von Wasserstoff hergestellt werden.

          Am Donnerstag haben der Aufsichtsrat und der Vorstand das Vorhaben genehmigt und den eigenen Finanzierungsanteil freigegeben. Wie viel der Konzern aus eigener Tasche investieren wird, blieb offen. Klar ist, dass ein Großteil des Geldes aus Zuschüssen kommen wird.

          „Das Großprojekt steht weiterhin unter dem Vorbehalt einer Förderung durch die öffentliche Hand“, teilte der Konzern mit. Die Anträge für Bundes- und Landesmittel liegen seit geraumer Zeit zur Prüfung in Brüssel. Wann die Freigabe kommt, sei noch nicht absehbar, hieß es.

          Investitionszuschüsse und Betriebsbeihilfen beantragt

          Thyssenkrupp hat nicht nur Investitionszuschüsse beantragt, sondern will auch Betriebsbeihilfen für die laufende Produktion, welche die Mehrkosten gegenüber konventionell erzeugtem Stahl zum Teil ausgleichen sollen. Auf Fragen zur Höhe des Eigenbeitrages wurde in Konzernkreisen auf den Konkurrenten Salzgitter AG und die dort genannten Größenordnungen verwiesen. Salzgitter hatte schon im Juli sein Umbauprogramm gestartet und dafür eigene Mittel in Höhe von 723 Millionen Euro freigegeben.

          Allerdings ist die geplante Kapazität deutlich kleiner: Angepeilt wird von 2025 an eine Jahresproduktion von 1,9 Millionen Tonnen grünem Stahl. Die Investitionskosten für diese erste Ausbaustufe waren auf rund 1,5 Milliarden Euro veranschlagt worden. Außerdem sind auch die technischen Konzepte zum Teil unterschiedlich.

          Die Stahlindustrie stößt sehr viel Kohlendioxid aus

          „Die Freigabe dieser enormen Investition erfolgt mitten im Umbau des Unternehmens, in einem zudem für alle sehr herausfordernden Umfeld“, ließ sich Vorstandschefin Merz zitieren. Thyssenkrupp unterstreiche damit seinen Anspruch, „einen entscheidenden und vor allem schnellen Beitrag zur grünen Transformation zu leisten“.

          Die Stahlindustrie gehört zu den Branchen mit dem höchsten Kohlendioxidausstoß überhaupt. Je Tonne Stahl entstehen auf der Hochofenroute mehr als 2 Tonnen des Treibhausgases, weil der im Erz gebundene Sauerstoff mithilfe von Koks herausgelöst werden muss. Allein in der Duisburger Stahlproduktion fallen 2,5 Prozent aller deutschen Kohlendioxidemissionen an. Bezogen auf das Ruhrgebiet sind es rund 25 Prozent.

          In der neuen Direktreduktionsanlage wird das Erz mit Wasserstoff reduziert. Der dabei entstehende Eisenschwamm wird in nachgeschalteten Einschmelzaggregaten zu Roheisen verflüssigt. Dieses kann dann in den schon bestehenden Anlagen zu Stahl und Zwischenprodukten verarbeitet werden. Auf diese Weise könne das gesamte Produktportfolio „ohne Qualitätsabstriche CO2-arm erzeugt werden“.

          Weitgehend klimaneutral oder „grün“ ist der Stahl nur dann, wenn der in riesigen Mengen benötigte Wasserstoff mithilfe von erneuerbaren Energien produziert wird. Erste Vorverträge sind abgeschlossen; Netzbetreiber entwickeln Pläne für Pipelines, die Wasserstoff aus dem Norden heranbringen sollen.

          Ziel sei es, im Wettbewerb um die grünen Stahlmärkte der Zukunft eine führende Rolle einzunehmen, sagte Stahlchef Bernhard Osburg. Die neue Anlage werde den eigenen CO2-Ausstoß um knapp ein Fünftel verringern. Bis 2030 soll sich die Kapazität für kohlendioxidarmen Stahl auf 5 Millionen Tonnen verdoppeln. Die grüne Transformation sei ein „klares Bekenntnis zur Beschäftigungssicherung und zur Zukunft unseres Standortes“, so der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Tekin Nasikkol. Zugleich mahnte er eine Qualifizierungsoffensive für die Stahlkocher an.

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