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Thyssen will Aufzüge testen : Ein Riesenturm für Rottweil

Computersimulation des geplanten 235-Meter-Turms Bild: dpa

Zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb plant Thyssen-Krupp einen Turm von 235 Metern Höhe. Das Unternehmen will darin Hochgeschwindigkeitsaufzüge testen.

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          Der ältere Herr rückt die Schildmütze zurecht, legt den Kopf immer stärker in den Nacken, und doch findet er nicht, was er am Himmel über Rottweil sucht: einen roten Ballon, der signalisieren soll, wie hoch das höchste Bauwerk Baden-Württembergs bald aufragen könnte: 235 Meter hoch soll der Turm werden, den Thyssen-Krupp hier im Neckartal zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb errichten will. Hier sollen Hochgeschwindigkeitsaufzüge getestet werden für Hochhäuser in Millionenstädten.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Unvorstellbar, wie hoch das sei, haben die Bürger bemängelt - und nun zieht es sie an diesem Samstag in Scharen an den Rand der Rottweiler Altstadt, wo Thyssen-Krupp einen seiner Service-Laster zur Informationszentrale umgewandelt hat. Und sie sehen, dass man den Kopf gar nicht in den Nacken legen muss. Der Ballon fällt kaum auf hinter den Häusern der Umgebung. Mancher starrt erst einmal verwundert auf sein Smartphone, weil sich das Fotografieren des unscheinbaren Himmelskörpers als schwierig erweist.

          In 12 Schächten sollen Aufzüge getestet werden

          Der Turm freilich wäre deutlich sichtbarer. Der Ballon hat zwar vier Meter Durchmesser, aber, so finden die Bürger im Thyssen-Lastwagen durch konsequentes Nachfragen heraus, der Turm wird ein Vielfaches davon haben. Geplant sind zwölf Aufzugsschächte, sagt Alexander Keller, Europa-Chef der Thyssen-Krupp Elevators AG, ohne genauere Angaben zu machen, was das nun in Metern bedeutet. Aber er strahlt Begeisterung aus: „Wir möchten, dass der Turm für sich spricht, schon durch seine Architektur ein Wahrzeichen der Ingenieurskunst.“ Noch gibt es keine konkreten Entwürfe.

          Helfer haben am Wochenende einen großen Ballon in die Luft steigen lassen. Er soll simulieren, wie hoch der geplante Testturm werden soll.
          Helfer haben am Wochenende einen großen Ballon in die Luft steigen lassen. Er soll simulieren, wie hoch der geplante Testturm werden soll. : Bild: dpa

          Auf einer eigens eingerichteten Internetseite www.aufzugsturm-rottweil.de wird der Turm als ein geradezu filigranes Bauwerk simuliert, das schon wegen seiner äußeren Gestalt einlädt zu einem weiten Blick über die Landschaft, vielleicht gar bis zu den Alpen. Danach werde ständig gefragt, berichtet Martina Behrend, die für die Aufzüge-Sparte Kommunikation und Marketing verantwortet. Eine heikle Aufgabe ist das, weil es durchaus eine Handvoll aktiver Gegner des Projekts gibt. „Das sind doch immer die Gleichen, die protestieren“, meint ein Besucher des Thyssen-Informationsstandes und spottet: Wieder einmal werde die Gelbbauchunke ins Spiel gebracht. Mit der möglichen Gefährdung dieser hübsch gepunkteten Lurche hatte man in Rottweil schon gegen die Ansiedlung einer Haftanstalt gekämpft.

          „Unterwegs zu höchster Zufriedenheit“ prangt es demonstrativ auf dem Thyssen-Lastwagen, vor dem sich Alexander Keller gemeinsam mit Ralf Broß, dem parteilosen Rottweiler Oberbürgermeister, zu einer Art Pressekonferenz mit spontaner Bürgerfragestunde aufbaut. „Kommunikation bedeutet Information, aber eben auch Dialog“, sagt er und zieht dann den Lokal-Trumpf: „Mir schwätzet miteinander.“

          Als Europa-Chef der Thyssen-Aufzugssparte mit ihren 11.000 Mitarbeitern hat Keller seinen Dienstsitz zwar in Essen, aber er kommt aus der Region und wohnt mit seiner Familie im Landkreis Rottweil. Der Standort sei prima für die internationale Kundschaft, die man habe, sagt Keller. „Es mag sich zwar komisch anhören“, sagt er mit Blick auf die vor ihm versammelten Bürger, „aber im internationalen Vergleich ist die Stunde Fahrzeit zum Flughafen Zürich oder Stuttgart richtig gut.“

          Nach dem Aufstieg: Eine Frau schaut auf den roten Testballon
          Nach dem Aufstieg: Eine Frau schaut auf den roten Testballon : Bild: dpa

          Und ums internationale Geschäft geht es hier. Gebäude wie das World Financial Center in Schanghai stattet der Hersteller aus, oder das One World Trade Center in Manhattan. „Stellen Sie sich vor, da arbeiten 5000 Menschen in dem Hochhaus. Und alle haben Hunger, wollen rauchen, machen Müll. Da steckt hinter der Aufzugsanlage ein ausgeklügeltes logistisches Konzept“, gibt Keller den staunenden Bürgern Einblick in das Geschäft des Aufzugbauers. 5000 Menschen, das ist etwa ein Fünftel der Einwohnerschaft von Rottweil.

          Der bisherige 50-Meter-Test-Turm reicht nicht mehr aus

          Mit zehn Metern pro Sekunde werden die Hochhausnutzer in Manhattan von den Thyssen-Krupp-Aufzügen an ihr Ziel befördert. In Neuhausen, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Stuttgarter Flughafen wird schon an deutlich höheren Geschwindigkeiten geforscht, in Rottweil soll dann getestet werden. Details will man nicht nennen, weil auch die Konkurrenz Zeitung liest. Der Turm beim Entwicklungszentrum in Neuhausen mit seinen 50 Metern reicht jedenfalls nicht mehr aus, und der bisher höchste Testturm von Thyssen in Südkorea mit seinen 153 Metern ebenfalls nicht: Man braucht ja nicht nur Strecke zum Beschleunigen und zum Bremsen, sondern auch für die konstante Geschwindigkeit.

          Der Markt für Aufzüge
          Der Markt für Aufzüge : Bild: F.A.Z.

          Hitachi hat schon einen Turm von 213 Metern in Betrieb, der von Mitsubishi soll gar 260 Meter hoch sein. Für die Rottweiler gilt derweil: Mit 235 Metern wäre der Thyssen-Turm höher als der legendäre Stuttgarter Fernsehturm und fast so hoch wie der Messeturm oder das Commerzbank-Hochhaus in Frankfurt. Dort und in anderen Wirtschaftszentren würde Rottweil wohl ganz anders wahrgenommen, wenn der Turm realisiert würde, erwartet Oberbürgermeister Broß: „Das Projekt zeigt unsere wirtschaftsfreundliche Gesinnung“, sagt er und zählt die weiteren „hervorragenden Standortfaktoren“ auf. Abgesehen davon sieht er den Turm als Touristenmagnet. „Jeder, der will, wird hochkommen“, verspricht er.

          Eine Aussichtsplattform, die die Rottweiler sich wünschen, hat Thyssen in den Investitionskosten von rund 40 Millionen Euro schon einkalkuliert. Welchen Blick man haben könnte, wird das Unternehmen interessierten Bürgern bei einer Infoveranstaltung am 14. Oktober präsentieren: Zusammen mit dem Ballon wurden am Wochenende nämlich auch Kameras in den Himmel geschickt, um eine Rundumsicht zu ermöglichen. Wenn die Rottweiler keine Hürden mehr errichten, könnte der Turm Anfang 2016 fertig sein und den Fernblick in echt möglich machen. Der Gemeinderat hat vorigen Mittwoch schon einmal die Vorbereitung des Planverfahrens in Auftrag gegeben.

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