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Deutscher Traditionskonzern : Thyssen soll aufgespalten werden

Bekanntes Produkt: Das Thyssen-Logo auf einer Rolltreppe des Unternehmens. Bild: Reuters

Paukenschlag: Mitten in der Führungskrise bereitet sich das Essener Industrieunternehmen auf seine Zerteilung vor. Die Anleger reagieren begeistert.

          Paukenschlag bei Thyssen-Krupp: Mitten in der Führungskrise nach dem Doppelrücktritt von Vorstands- und Aufsichtsratschef bereitet sich der Essener Industriekonzern auf eine Aufspaltung vor. Am kommenden Sonntag soll dem Aufsichtsrat in einer außerordentlichen Sitzung eine Teilung des Traditionskonzerns in zwei „deutlich fokussierte und leistungsfähigere Unternehmen“ vorgeschlagen werden, wie das Unternehmen am späten Donnerstagnachmittag mitteilte. Danach sollen die Industriegüter- und die Werkstoffgeschäfte künftig als jeweiliges eigenständige börsennotierte Gesellschaften mit direktem Kapitalmarktzugang geführt werden. Beide Unternehmen sollen den Namen Thyssen-Krupp weiterführen, hieß es weiter. Der Vorstand sei davon überzeugt, dass die Geschäfte in dieser Neuaufstellung besser entwickelt und auf ihre Stärken konzentriert werden können.

          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Unter dem Druck unzufriedener Investoren sollen also das Aufzugsgeschäft, der Anlagenbau und die Autoteile-Sparte in die neue Gesellschaft ausgelagert werden, nämlich in die Thyssen-Krupp Industrials AG. Die heutigen Aktionäre des Unternehmens sollen bei diesem Abspaltungsmodell demnach künftig zwei statt einer Aktie halten: eine der künftigen Thyssen-Krupp Materials AG und eine der neuen Thyssen-Krupp Industrials AG. An der Thyssen-Krupp Materials AG, in der im Wesentlichen der 50-Prozent-Anteil an dem künftigen Gemeinschaftsunternehmen mit Tata, der Werkstoffhandel, die Großwälzlager, das Schmiede- und das Marinegeschäft zusammengefasst werden, sollen die bisherigen Aktionäre weiterhin zu 100 Prozent beteiligt bleiben.

          An der zweiten Gesellschaft sollen sie zunächst eine deutliche Mehrheit halten. Eine Minderheit an diesem wohl attraktiveren Part verbleibt zunächst als Rückbeteiligung bei Thyssen-Krupp Materials. Damit soll nach Erläuterungen des Vorstands eine angemessene Kapitalausstattung der mehr von den Werkstoffen geprägten Gesellschaft sichergestellt werden. Wie es heißt, sollen die beiden Konzerne eine vergleichbare Größenordnung haben. Das Industriegeschäft käme mit rund 90.000 Mitarbeitern auf 16 Milliarden Euro Umsatz, das Materials-Geschäft mit knapp 40.000 Mitarbeitern (ohne das Stahl-Gemeinschaftsunternehmen) auf etwa 18 Milliarden Euro Umsatz. 

          Blaupause für die neue Thyssen-Krupp-Struktur kommt völlig überraschend

          Die Anleger an der Börse reagierten begeistert auf die Pläne zur Aufspaltung. Nach dem ersten Durchsickern entsprechender Marktgerüchte kletterte der Aktienkurs im Verlauf des Nachmittags um mehr als 9 Prozent auf nahe zu 22 Euro und lag am frühen Abend zwischenzeitlich bei 12 Prozent. Damit wurden die Verlust der letzten beiden von den Führungsquerelen geprägten Monate wieder wettgemacht. Auch führte der Essener Industriekonzern die Gewinnerliste im Leitindex Dax an. Die Marktteilnehmer setzen darauf, dass die künftig getrennten Einheiten mehr wert sind als das Konglomerat. 

          In den vergangenen Wochen seien in der Öffentlichkeit unterschiedlichste strategische Optionen für Thyssen-Krupp diskutiert und sehr oft zugespitzt worden, meinte der derzeitige Vorstandsvorsitzende Guido Kerkhoff. „Doch die Welt ist nicht schwarz-weiß. Es gibt nicht nur ,Weiter so’ und Zerschlagung, sondern immer auch Alternativen, die der Verantwortung sowohl für unsere Mitarbeiter als auch für die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens gerecht werden. Genau danach haben wir als Vorstand gesucht – ohne Angst und Träumerei. Wir schlagen jetzt eine Lösung vor, die nicht nur Wert für unsere Aktionäre schafft, sondern auch die Entwicklungsperspektiven unserer Geschäfte spürbar verbessert.“

          Das Modell erinnert an die Aufspaltung des Energiekonzerns Eon. Der hatte 2016 seine konventionelle Stromerzeugung mehrheitlich in die Kraftwerksgesellschaft Uniper ausgelagert, um sich auf das Netzgeschäft, den Energievertrieb und erneuerbare Energien zu konzentrieren. Der Minderheitsanteil an Uniper war später an die Börse gebracht und an den finnischen Stromkonzern Fortum verkauft worden. 

          Die Blaupause für die neue Thyssen-Krupp-Struktur kommt völlig überraschend. Bisher war erwartet worden, dass der Essener Mischkonzern zunächst über die seit dem Weggang von Ulrich Lehner vor knapp drei Monaten vakante Führungsspitze des Aufsichtsrates entscheidet. Auch die Zukunft von Guido Kerkhoff ist noch offen: Der frühere Finanzvorstand war nach dem Rücktritt von Heinrich Hiesinger zunächst für eine Übergangszeit zum Vorstandsvorsitzenden berufen worden.

          Noch ist unklar, wie weit die Suche nach einem neuen Aufsichtsratschef gediehen ist. Der Nominierungsausschuss hat in den vergangenen Wochen mit einer Reihe von potentiellen Kandidaten gesprochen, sich aber bisher nur Absagen eingehandelt oder sich nicht auf einen Konsens verständigen können. Die Federführung liegt bei Ursula Gather, der Vorsitzenden der mit 21 Prozent beteiligten Krupp-Stiftung,  und Jens Tischendorff, der den schwedischen Finanzinvestor Cevian vertritt, den mit 18 Prozent zweitgrößten Aktionär.

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