https://www.faz.net/-gqe-9evhv

Kommentar : Thyssen-Krupp wagt den Befreiungsschlag

Der Essener Mischkonzern spaltet sich in zwei selbständige börsennotierte Unternehmen auf. Bild: dpa

Fast drei Monate hat die Führungskrise Thyssen-Krupp und seine 160.000 Mitarbeiter in Atem gehalten. Nun scheint es der vermeintlichen Ersatzmannschaft an der Konzernspitze zu gelingen, den Knoten zu durchschlagen.

          Eon hat es vorgemacht, jetzt zieht Thyssen-Krupp nach. Der Essener Mischkonzern spaltet sich auf: in zwei selbständige börsennotierte Unternehmen. Anders als bei Eon werden nicht die vermeintlich perspektivlosen Geschäftszweige ausgelagert, sondern die Zukunftssparten. Unter dem Dach des traditionsreichen Mutterkonzerns, der Thyssen-Krupp Materials heißen soll, bleiben die Geschäfte um den Stahl. Manche würden sagen: die Vergangenheit aus Hochöfen, Werkstoffhandel, der Weiterverarbeitung von Stahl und Edelstahl. Auch die Marinesparte findet hier ihre neue Obhut. Wer an das zyklische Stahlgeschäft glaubt, kann sich künftig gezielt für Aktien dieser Gesellschaft entscheiden. Die großen Hoffnungen vieler Investoren richten sich aber auf die renditestärkeren Industriesparten: die Geschäfte mit Aufzügen, Autoteilen und dem Bau von Industrieanlagen, an denen Thyssen-Krupp Materials AG nur eine Minderheit halten soll.

          Wichtige Eckpunkte und Details stehen noch aus. Doch der Plan, den der Konzernvorstand hinter den Kulissen vorbereitet hat, stößt auf Begeisterung. Die Börse feiert mit sagenhaften Kursgewinnen; die Gewerkschaft steht hinter dem Konzept und ist froh, dass es den befürchteten Ausverkauf nicht geben soll; einflussreiche Investoren wie die Krupp-Stiftung und die schwedische Finanzgesellschaft Cevian als zweitgrößter Aktionär bekunden ihre Unterstützung.

          Ein Happy End ist noch nicht sicher

          Es sieht also nach einem erfolgreichen Befreiungsschlag aus. Fast drei Monate hat die Führungskrise nach dem Doppelrücktritt von Vorstandschef Hiesinger und Aufsichtsratschef Lehner den Konzern und seine 160.000 Mitarbeiter in Atem gehalten. Nun scheint es der vermeintlichen Ersatzmannschaft an der Konzernspitze zu gelingen, den Knoten zu durchschlagen. Der eigentlich nur für den Übergang bestellte Vorstandsvorsitzende Guido Kerkhoff kann sich der Zustimmung sicher sein. Obwohl es sehr ungewöhnlich ist, dass eine so weitreichende Entscheidung von einem Aufsichtsrat abgesegnet werden soll, dem auf der Kapitalseite zwei Vertreter fehlen und der deshalb von einem Gewerkschaftsvertreter geführt wird.

          Die spannende Frage lautet, wie Thyssen-Krupp Materials auf Dauer mit ihrem Minderheitsanteil an den Zukunftsgeschäften der Schwestergesellschaft umgehen wird? Wird sich hier die Eon-Geschichte wiederholen und am Ende auch bei Thyssen-Krupp Industrials ein neuer Großaktionär einsteigen? Dann könnte es doch noch zum Ausverkauf kommen. Ein Happy End, das dauerhaft alle Beteiligten zufrieden stellt, ist noch nicht sicher.

          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Mexiko steckt in einer Guacamole-Krise

          Teure Avocados : Mexiko steckt in einer Guacamole-Krise

          Kann ein Dip landesweit für Empörung sorgen? In Mexiko passiert derzeit genau das: Dort ist die beliebte Guacamole durch einen billigen Abklatsch ersetzt worden. Das liegt am Nachbarland.

          Elon Musk will dem Mensch ans Hirn Video-Seite öffnen

          Neue Form der Kommunikation? : Elon Musk will dem Mensch ans Hirn

          Über implantierte Drähte und eine kabellose Verbindung will der Start-up-Unternehmer das menschliche Gehirn mit einem Interface außerhalb des Körpers verbinden. So soll eine neue Form der Kommunikation möglich werden.

          Topmeldungen

          Lichtverschmutzung : Der helle Wahnsinn

          Die Nacht verschwindet und mit ihr zahlreiche Tierarten. Dabei wäre es so einfach, das Licht in den Städten zu dimmen, ohne auf Sicherheit zu verzichten. Wie der Wandel gelingen kann, führt die Sternenstadt Fulda vor.

          FAZ Plus Artikel: AKK im Kabinett : Auf dem Marsch ins Kanzleramt

          Wer wie Annegret Kramp-Karrenbauer Regierungschefin werden will, darf sich vor dem Verteidigungsministerium nicht fürchten. Auch in der Politik gilt: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

          Shitstorm des Tages : Ein „Aufstand der Generäle“ als Rohrkrepierer

          Uwe Junge ist rhetorisch kampferprobt. Gegen die neue Verteidigungsministerin fährt der AfD-Politiker und ehemalige Stabsoffizier ganz großes Geschütz auf. Doch der Schuss geht nach hinten los. Übrig bleibt geistiges Brandstiftertum.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.