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Thyssen-Krupp : Schaurig ist’s auf dem Hügel

  • -Aktualisiert am

Die Villa Hügel, (noch) das Machtzentrum von Thyssen-Krupp in Essen Bild: Agentur Bilderberg

Thyssen-Krupp kämpft um die Existenz. Vorstandsvorsitzender Heinrich Hiesinger streicht Posten, Privilegien, Ehrentitel. Doch sein größtes Problem bekommt er nicht in den Griff.

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          Am kommenden Donnerstag muss Heinrich Hiesinger sich mit Platz drei begnügen. Wenn kurz vor elf Uhr 400 Gäste in den oberen Saal der Villa Hügel streben, um an den kurz vor seinem hundertsten Geburtstag verstorbenen Berthold Beitz zu erinnern, den großen Mann von Thyssen-Krupp, dann sieht die Rede-Reihenfolge so aus: Erst spricht Bundespräsident Joachim Gauck, 12 bis 15 Minuten sind dafür vorgesehen, danach NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, sie muss sich kürzer fassen. Es folgt Musik – Schubert –, dann erst er: Hiesinger, aktueller Chef von Thyssen-Krupp und Mann im Sturm.

          Um den Stahl- und Industriekonzern wird es kaum gehen, wenn Hiesinger spricht. Das ist auch gut so, die Lage ist desaströs, nichts für eine Trauerfeier. Nach Milliardenverlusten ist vom Kapital nicht mehr viel übrig, die Eigenkapitalquote liegt bei bedenklichen acht Prozent – zwanzig Prozent sind üblich. Schuld daran sind gigantische Fehlinvestitionen in Brasilien und Amerika, verlustreiche Stahlwerke, für die Hiesinger, so hatte er es versprochen, bis zum 30. September, dem Ende des Geschäftsjahres, einen Abnehmer hatte finden wollen. Dass das klappt, daran glaubt er nun selbst nicht mehr. „Wir haben uns verschätzt, der Verkauf dauert länger als zunächst erwartet“, sagt der Vorstandschef.

          Ein Vakuum der Macht

          Eine dunkle Wolke, die über der Trauerfeier am Donnerstag hängen wird. In Hiesingers Rede wird es aber stattdessen um seine Beziehung zu Berthold Beitz gehen, den Mann, der Krupp und später Thyssen-Krupp über Jahrzehnte steuerte – bis kurz vor seinem Tod. „Herr Beitz war eine beeindruckende Person und ein wertvoller Ratgeber“, sagt Hiesinger. Einmal im Monat hat er seit seinem Antritt bei Thyssen-Krupp Anfang 2011 bis kurz vor Beitz’ Tod mit dem Patriarchen gesprochen, manchmal kurz und knackig, manchmal länger beim Mittagessen. „Die Gespräche mit Beitz fehlen mir“, sagt Hiesinger.

          Seit Beitz verstarb, ohne die Nachfolge in der dominierenden Krupp-Stiftung klar zu regeln, steht Hiesinger allein da. Beitz hinterlässt ein Vakuum der Macht, das Hiesinger gerne füllen will, bevor es ein anderer tut. Am besten geht das, das hat er von Beitz gelernt, indem man sich als Testamentsvollstrecker des mächtigen Vorgängers inszeniert. „Beitz war überzeugt von der Notwendigkeit zum Wandel“, sagt er. Und macht damit deutlich: Der radikale Konzernumbau, den er selbst gerade vornimmt, ist hundert Prozent im Sinne des Ruhrbarons. Ob das zutrifft, kann nun niemand mehr erfragen.

          Thyssen Krupp
          Thyssen Krupp : Bild: F.A.Z.

          Hiesingers Plan ist klar: Alles soll anders, besser werden. Thyssen-Krupp bewege sich nicht „auf Industrieniveau“ heißt Hiesingers böses Wort dazu. Oder noch klarer: „Wir sind viel zu teuer, viel zu komplex.“ Beispiele dafür hat der Vorstandschef zuhauf: So konkurrierten 40 verschiedene E-Mail-Systeme in einem Konzern, der sich auf 700 selbständige Gesellschaften verteilt. Von den altertümlichen Gewohnheiten ganz zu schweigen. Man ließ es sich gutgehen unter Ruhrbaronen: Die firmeneigene Jagd hat Hiesinger gestrichen, auch die Luxusflüge.

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