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Merz übernimmt für Kerkhoff : Die neue Frau an der Spitze von Thyssen-Krupp

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Der bisherige Thyssen-Krupp-Vorstandschef Guido Kerkhoff und Aufsichtsratsvorsitzende Martina Merz Bild: Reuters

Die Aufsichtsratschefin Martina Merz soll für maximal ein Jahr den Vorstandsvorsitz bei Thyssen-Krupp übernehmen. Im Unternehmen gilt die Managerin als resolut und zupackend.

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          Thyssen-Krupp-Vorstandschef Guido Kerkhoff soll nach dem Willen maßgeblicher Aufsichtsräte nach etwas mehr als einem Jahr schon wieder gehen. Der Personalausschuss des Aufsichtsrats habe dem Aufsichtsrat empfohlen, mit Kerkhoff  „Verhandlungen über eine zeitnahe Beendigung seines Vorstandsmandates aufzunehmen“, wie der Industriekonzern am Dienstagabend überraschend in Essen mitteilte. Aufsichtsratschefin Martina Merz soll für maximal zwölf Monate als Vorstandschefin übernehmen.

          Erst im Januar war Merz an die Spitze des Aufsichtsrats gewählt worden. Der kleine Makel, dass sie nur eine Ersatzlösung war, haftet ihr noch immer an. Mehrere Wunschkandidaten, neben Uebber auch Airbus-Chef Tom Enders, der frühere Bayer-Vorstandsvorsitzende Marijn Dekkers und der ehemalige Deutsche-Bank-Vorstand Marcus Schenck, waren gefragt worden, aber sie wollten nicht. Dem Selbstbewusstsein der Baden-Württembergerin dürfte das aber keinen Abbruch getan haben.

          Aufgewachsen ist sie in Durchhausen, einem Dörfchen im Kreis Tuttlingen. Schon als Schulsprecherin tat sie sich mit Führungsqualitäten hervor. Nach dem Maschinenbaustudium mit Schwerpunkt Fertigungstechnik an der Berufsakademie Stuttgart folgte eine Blitzkarriere. Wer es als Frau in einem männerdominierten Unternehmen wie Bosch in wenigen Jahren auf Spitzenpositionen schafft, muss nicht nur fachlich bestens auf der Höhe sein, sondern auch eine Menge Durchsetzungsvermögen mitbringen. Merz war bei dem Autozulieferer seit 2001 für Schließsysteme verantwortlich. Später übernahm sie die Leitung des Bremsengeschäftes. Als es 2012 an einen amerikanischen Finanzinvestor verkauft wurde, ging Merz als Chefin mit.

          Viel Erfahrung in der Unternehmensaufsicht

          Dass sie zuvor noch nie im Vorstand eines Dax-Konzerns gearbeitet hat, ist möglicherweise ein Manko. Aber nun ist Bosch erstens ebenfalls eine sehr ordentliche Hausnummer, und zweitens bringt Merz ein Maß an Aufsichtsratserfahrung mit, das die „Dax-Lücke“ aufwiegen sollte. Andere stoßen sich genau daran und bemängeln eine Ämterhäufung, die ihr für den anspruchsvollen Posten bei Thyssen-Krupp möglicherweise zu wenig Zeit lasse.

          Die international bestens vernetzte Powerfrau aus der schwäbischen Provinz hat die Unternehmensaufsicht seit 2015 zu ihrem Hauptberuf gemacht. Sie sitzt bei der Deutschen Lufthansa im Kontrollgremium, überwacht die Geschäfte des Lastwagenherstellers Volvo, des französischen Baustoffkonzerns Imerys und des belgischen Stahldrahtproduzenten Bekaert. Beim Nutzfahrzeugzulieferer SAF Holland hat sie sogar den Vorsitz im Board of Directors. Ob sie diese Fülle an Mandaten durchhalten kann, muss sich zeigen.

          Dass sie auch Sanierung kann, zeigte sich nach dem Verkauf der Bosch-Schließsysteme an Brose, wo sie einen schmerzhaften Personalabbau durchziehen musste. Merz wird als zupackend und geradeheraus beschrieben. Dazu passt, wie sie sich mit ihrem offiziellen Foto auf der Internetseite von Thyssen-Krupp präsentiert: sportlich-burschikos, in Nappalederjacke und mit modischer blonder Kurzhaarfrisur. „Ich lasse es gern auch mal krachen“, hat sie einmal über sich erzählt.

          Über Privates ist wenig bekannt. Zu den Medien hält sie Distanz. Interviews und Zitate sind rar. Eine der wenigen Ausnahmen war ein Gespräch mit der „Stuttgarter Zeitung“, als sie bei Bosch noch das Bremsengeschäft leitete. „Schwache Führungskräfte scheuen sich, kritische Themen anzusprechen“, wird sie da zitiert. Es ist ein Satz, der vielleicht erklärt, wie es zu dem Chaos bei Thyssen-Krupp kommen konnte. Auf Merz warten große Herausforderungen. Schwäche wird sie sich nicht leisten können.

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