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Gewerkschaft empört : Thyssen-Krupp erwägt Ausstieg aus Marinegeschäft

Das deutsche U-Boot „U 31“ liegt am 24.05.2017 in Kiel(Schleswig-Holstein) auf dem Gelände der Werft „Thyssen Krupp Maribe Systems (TKMS). Bild: Picture-Alliance

Die Niederlage bei einem Milliardenauftrag der Bundeswehr lässt im Dax-Konzern Planspiele aufleben, das Militärgeschäft zu veräußern. IG Metall fürchtet ein „Desaster im Schiffsbau“.

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          Nach dem Ausschluss von einem Bundeswehr-Großauftrag für den Bau von vier Mehrzweck-Kampfschiffen des Typs MKS 180 prüft Thyssen-Krupp mögliche Konsequenzen für seine Marinesparte. „Das war ein herber Schlag und eine Überraschung“, kommentiert ein Sprecher die jüngste Entscheidung der Militärs in Bonn, die vor Wochen durchsickerte. Danach hat unter den drei Bietergruppen wohl die Hamburger Werft Blohm+Voss die besten Chancen, die nächste Fregatten-Generation der Bundeswehr zu bauen.

          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Weichen für Thyssen Krupp Marine Systems (TKMS) müssen seitdem neu gestellt werden. Ob die Strategen des Mutterkonzerns die seit Jahren diskutierten Verkaufspläne für das Militärgeschäft aktivieren oder aber eine Partnerschaft mit einem Konkurrenten in Europa anstreben, ist jedoch offen. Einen entsprechenden Medienbericht bezeichnete der Konzern allerdings als Spekulation.

          Denn Thyssen-Krupp gibt sich im aktuellen Bieterrennen um die MKS 180-Schiffe wohl noch nicht geschlagen. Im Hintergrund werden daher Möglichkeiten ausgelotet, dort noch zum Zuge zu kommen. „Für TKMS ist der Überwasserschiffbau ein zentrales Standbein“, sagte der Sprecher, „deshalb setzen wir alles daran, bei wegweisenden Schiffbauprojekten wie der MKS 180 unsere Leistungsfähigkeit und Erfahrung einzubringen“.

          „Drohendes Desaster im Marineschiffbau“

          Thyssen-Krupp-Lenker Heinrich Hiesinger weiß Politiker in den Küstenländern hinter sich, welche um die rund 1000 Arbeitsplätze an den TKMS-Werftenstandorten in Emden und Hamburg fürchten. In Niedersachsen und Schleswig-Holstein gibt es deshalb wenig Verständnis dafür, dass sich das Verteidigungsministerium für eine europaweite Ausschreibung entschieden hat. Unterstützung kommt auch von der Gewerkschaft IG Metall.

          Die machte am Freitag die Bundesregierung für das „drohende Desaster im Marineschiffbau“ mitverantwortlich. Erst im Frühjahr hatte die Bundeswehr das Bietergespann aus TKMS und der Lürssen Werft in Bremen aus dem weiteren Vergabeverfahren ausgeschlossen. Dabei geht es um ein Auftragsvolumen von zunächst 3,5 Milliarden Euro für die vier bestellten Kampfschiffe. Einschließlich der Option für zwei weitere Schiffe dürfte das Volumen sogar auf rund 5 Milliarden Euro steigen.

          Der Vorstand der Thyssenkrupp-Werftentochter hat
          nach den Berichten über einen möglichen Verkauf des Geschäfts und einem drohenden Stellenabbau versucht, die Sorgen der Beschäftigten zu zerstreuen. „Fakt ist: Für uns ist und bleibt der Überwasserschiffbau ein zentrales Standbein, an dem wir festhalten wollen. Kein erfolgreicher Systemanbieter baut nur U-Boote. Fakt ist auch, dass wir keinen Stellenabbau planen“, hieß es in einer Mitarbeiter-Info des Spartenvorstands. In der Info hieß es zudem zu Berichten über einen möglichen Verkauf: „Das stand ja mal zur Debatte. Es gehört allerdings auch zur Tagesordnung jedes Konzerns, sein Portfolio an verschiedensten Geschäften stetig zu überprüfen.“

          Ebenso wie die Gewerkschaft verweist auch Thyssen-Krupp auf den Koalitionsvertrag, in dem die Bundesregierung den Überwasserschiffbau als „Schlüsseltechnologie“ einstuft und verspricht, „faire Wettbewerbsbedingungen“ für die deutschen Werften zu schaffen.

          Konsequenzen für Auslandsgeschäft

          TKMS war mit vergleichsweise hohen Preisvorstellungen in das Rennen um den MKS-Auftrag gegangen. Der Konzern verteidigt seine Kalkulation. Schließlich gehe es um ein komplexes Vorhaben, in dem ein großer Teil der Komponenten komplett neu entwickelt und zugelassen werden müsse. Was von der deutschen Marine gewünscht werde, lasse sich seriöserweise nicht zu geringeren Kosten bauen, hieß es. Das ist als Hinweis zu verstehen, dass auch die bisherigen Favoriten für den Prestigeauftrag die Kosten in ihren Angeboten aufgrund der vielen Vorgaben der Marine-Einkäufer nach oben korrigieren müssen.

          Neben der bislang favorisierten Hamburger Werft Blohm+Voss, die sich mit der niederländischen Werftengruppe Damen für den Milliardenauftrag verbündete, ist noch die Kiel ansässige German Naval Yards mit im Rennen. Eine Entscheidung über die Auftragsvergabe wird frühestens zum Jahresende erwartet. Die Offerte von Blohm+Voss/Damen erscheint für die Militärs deshalb attraktiv, weil der deutsche Anteil an der Wertschöpfung für die MKS-180-Schiffe bei stattlichen 70 Prozent liegen wird. Danach können wohl mehr als hundert Zulieferer aus verschiedenen Bundesländern mit lukrativen Aufträgen rechnen (F.A.Z. vom 3. April).

          Wenn TKMS bei der deutschen Marine nicht zum Zuge kommt, könnte dies negative Folgen für neue Aufträge aus dem Ausland haben, weil die eigene Reputation unter der Niederlage leiden würde. Aktuell geht es etwa um eine ägyptische Ausschreibung für vier Fregatten. Deutlich besser als im Überwasserschiffbau steht TKMS im U-Boot-Bau da. Dort ist mit rund 5000 Mitarbeitern der Löwenanteil der Marinebeschäftigten tätig. Hinzu kommt: „In der U-Boot-Sparte sind wir auf Jahre gut ausgelastet“, heißt es. Wie es um die Rentabilität der Marinesparte steht, legt der Konzern allerdings nicht offen.

          Geführt wird TKMS im Essener Konzern als Teil des Geschäftsfeldes Industrial Solutions, in dem der Bau von Großanlagen für die Industrie überwiegt. Die Division hat aber zu kämpfen. Mit einem Spar- und Effizienzprogramm versucht der Konzern, die Margen zu verbessern. Nach der Auslagerung des Stahlgeschäfts in ein Joint-Venture mit Tata Steel will der Vorstand über die weitere Umbauten entscheiden. Großaktionäre wie der Finanzinvestor Cevian und der Hedgefonds Elliott favorisieren die Abspaltung weiterer Geschäftsfelder.

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