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Thyssen-Krupp : Das Schweigen des „Hügels“

Da lächeln sie noch: Ursula Gather, Professorin und Stiftungschefin, und Heinrich Hiesinger, Bauernsohn und nun ehemaliger Konzernboss. Bild: EPA

Während sich bei Thyssen-Krupp die Investoren zofften, ging die einst einflussreiche Krupp-Stiftung auf Tauchstation. Das fehlende Bekenntnis von Stiftungschefin Ursula Gather brachte Konzernchef Hiesinger zum Rücktritt.

          Hätte in solchen Chaoszeiten, wie sie derzeit der Essener Industriekonzern Thyssen-Krupp durchlebt, in früheren Jahren „der Hügel“ geschwiegen? Wohl kaum. Der im Jahr 2013 hochbetagt verstorbene Krupp-Nachlassverwalter und Ruhrbaron Berthold Beitz hätte die Dinge im Sinne des letzten Krupps zu gestalten gewusst. Er hatte als Kuratoriums-Chef der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung bis zuletzt erheblichen Einfluss auf den Konzern ausgeübt.

          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Brigitte Koch

          Wirtschaftskorrespondentin in Düsseldorf.

          Zwar hält die im Essener Süden auf dem Gelände der Villa Hügel residierende Stiftung heute nur noch 21 Prozent der Aktien. Damit ist sie aber nach wie vor größte Anteilseignerin des Dax-Konzerns. Indes: Im Kampf um die Stahlfusion mit Tata und in den Auseinandersetzungen mit streitbaren Finanzinvestoren, die wie Cevian und Elliott auf eine Zerschlagung des Konzerns drängen, ist die Stiftung auf Tauchstation gegangen. Ursula Gather, die heutige Kuratoriumsvorsitzende, stand vor einer schweren Entscheidung. Gemäß ihrer Satzung hat die Stiftung die Aufgabe, „im Geiste des Stifters“ darauf zu achten, dass „die Einheit dieses Unternehmens möglichst gewahrt und seine weitere Entwicklung gefördert wird“.

          Ist der Stifterwunsch noch erfüllbar?

          Die Frage ist, ob die beiden Teile dieses Auftrages sich noch miteinander vereinbaren lassen. So war bei Gather von einem klaren Bekenntnis zur Einheit des Konzerns wenig zu spüren. Dann hätte sie sich viel enger an die Seite des seit Freitag Ex-Vorstandsvorsitzenden Heinrich Hiesinger stellen müssen. Dessen erklärtes Ziel war es schließlich immer, den Restkonzern nach der Abspaltung der Stahlsparte möglichst zusammenzuhalten.

          Aber Stifter Alfried Krupp wusste auch: „Wer soziale Leistungen erbringen will, muss den wirtschaftlichen Ertrag sichern“. Und so sind Gather und Hiesinger wohl schon in der Vergangenheit öfter aneinandergeraten, wenn es darum ging, den richtigen Weg in die Zukunft festzulegen.

          Während sich der Aufsichtsratschef Ulrich Lehner auch öffentlich hinter den damaligen Vorstandsvorsitzenden stellte, hat es von der Stiftung, in dessen Kuratorium auch der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet sitzt, seit Monaten kein klärendes Wort gegeben.

          Dass die Risse nicht mehr zu kitten waren, sollte sich bei der Vorbereitung des Aufsichtsratsbeschlusses über die Stahl-Allianz mit Tata zeigen. Wenn es stimmt, was Insider berichten, stand es Spitz auf Knopf. Cevian-Statthalter Jens Tischendorff machte bei den Kapitalvertretern erwartungsgemäß Stimmung gegen Hiesinger. Der habe schlecht verhandelt; der Wertausgleich sei zu niedrig, die Zugeständnisse für Arbeitsplatz- und Standortsicherung gingen zu weit.

          Gather grantelt

          Obwohl der Vorstand immer wieder über den Stand der Dinge informiert, und Gutachten um Gutachten präsentiert hatte, fing auch Gather wieder an, die Sinnhaftigkeit und den Erfolg des Joint-Ventures in Frage zu stellen. Auch wenn sie letztlich zustimmte: Für Hiesinger war klar, dass das Tischtuch endgültig zerschnitten war und er auf den Rückhalt der Stiftung nicht mehr vertrauen konnte. Gather soll, wie zu hören war, auch veranlasst haben, die kommende Strategiesitzung zu verschieben – angeblich wegen eigener anderer Verpflichtungen, obwohl der Termin seit langem feststand.

          Im Konzern schütteln manche darüber nur den Kopf, auch darüber, dass Gather sich in einer schwarzen Mercedes-Limousine kutschieren lasse, die weiterhin das von Alfried Krupp und Berthold Beitz übernommene Kennzeichen E-RZ-1 trage. Aktionärsschützer erwarten, dass Gather endlich aus der Deckung kommt. „Die Krupp-Stiftung sollte jetzt Stellung beziehen“, forderte Thomas Hechtfischer von der Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz. Immerhin drückte die Stiftung am Freitagnachmittag „großes Bedauern“ über den Rückzug Hiesingers aus.

          Streitbare Professorin

          Die Berufung der Mathematik-Professorin als neue Kuratoriumsvorsitzende kam für die meisten Kenner der Szene seinerzeit überraschend. Schließlich hatte sie keinerlei Erfahrung in der Stahlindustrie. Für die Industriewelt und die Kapitalmarktakteure war die heute Fünfundsechzigjährige denn auch eher eine unbekannte Größe.

          Beitz persönlich, der sich jahrzehntelang bemüht hatte, den Konzern zusammenzuhalten, hatte Gather im Jahr 2011 in das Kuratorium der Stiftung geholt. Die Rektorin der Technischen Universität Dortmund ging damals mit Selbstbewusstsein an die Aufgabe. Sie habe die Verantwortung gern übernommen, sagte sie zu ihrem Start. Die Arbeit fortzusetzen, sei für sie eine besondere Ehre, aber auch eine Herausforderung. Der Stifterauftrag, die Einheit des Unternehmens zu wahren, sei ihr wichtig, war damals zu lesen.

          Hiesinger sprach bei ihrer Berufung vor fast fünf Jahren von einer „klugen, erfahrenen und streitbaren Wissenschaftlerin und Wissenschaftsmanagerin“. Das wurde von einigen Beobachtern damals so interpretiert, als ginge er fest davon aus, dass sich die erfolgreiche Professorin mehr um die Verteilung der Stiftungsgelder für die wissenschaftlichen, sozialen und kulturellen Projekte als um die Belange des Unternehmens kümmern werde.

          Die in Mönchengladbach geborene Mutter von zwei Söhnen hat eine beachtliche Karriere in der Wissenschaft absolviert. An der RWTH Aachen hat die vielfach ausgezeichnete, fleißig publizierende Akademikerin Mathematik studiert, ihre Promotion und später Habilitation angeschlossen.

          Bevor sie 1986 einen Ruf an die Universität Dortmund erhielt, hat sie ein Jahr an der University of Iowa in den Vereinigten Staaten gelehrt, wie sie auch später zahlreiche internationale und nationale Gastprofessuren angenommen hat. Einen ersten Kontakt mit der Stiftung hatte sie im Übrigen schon Mitte der 1980er Jahre: Damals erhielt sie den mit 850.000DM dotierten Alfred Krupp von Bohlen und Halbach-Förderpreis für junge Hochschullehrer.

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