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Thyssen-Krupp : Das Corporate-Governance-Desaster

  • -Aktualisiert am

Aufsichtsratsvorsitzende Gerhard Cromme: Ist er seiner Kontrollpflicht nicht nachgekommen? Bild: REUTERS

Thyssen-Krupp lädt an diesem Freitag seine Aktionäre zur Hauptversammlung. Das Unternehmen ist völlig aus der Spur. Drei Vorstände mussten gehen. Nur am Aufsichtsrat und seinem Vorsitzenden Cromme prallen alle Vorwürfe ab.

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          Nie zuvor ist in Deutschland eine andere große Publikumsgesellschaft so stark aus der Spur geraten, dass allein ein völliger Neubeginn dem Konzern wieder zur Normalform verhelfen kann. Thyssen-Krupp mit zuletzt 40 Milliarden Euro Umsatz und 150.000 Arbeitsplätzen steht an diesem Punkt. Das ganze Desaster ist erst im Dezember bei der Vorlage des 5 Milliarden Euro betragenden Rekordverlustes im vergangenen Geschäftsjahr öffentlich geworden. Die Frage nach der Verantwortung wird im Mittelpunkt der Hauptversammlung am Freitag in Bochum stehen.

          Diverse Vertreter von Finanzunternehmen, Kapitalmarktorganisationen und auch Aktionäre haben im Vorfeld der Hauptversammlung Opposition gegen die von der Verwaltung vorgeschlagene Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat angemeldet. Für den Zorn der geschädigten Aktionäre konkret greifbar sind die Investitionen in zwei neue Stahlstandorte in Amerika. Statt der vom Aufsichtsrat anfangs genehmigten rund 5 Milliarden Euro Investitionen hat der Konzern inzwischen rund 12 Milliarden Euro in die neuen Standorte gesteckt. Aber die Strategie ist gescheitert und zu einem Mühlstein für die Fortentwicklung des Konzerns geworden.

          Von den Spitzenkräften, die seinerzeit das Projekt im Vorstand und Aufsichtsrat begleitet haben, ist nur noch der Aufsichtsratsvorsitzende Gerhard Cromme. an Bord. So wird nun vor allem ihm in den Gegenanträgen - mehr oder weniger scharf - vorgeworfen, er sei seinen Kontrollpflichten nicht gerecht geworden.

          Aktionäre fordern Crommes Rücktritt

          Cromme hat in diversen Rechtsgutachten feststellen lassen, dass der Aufsichtsrat die Entwicklung der Investitionen hinterfragt, aber vom Vorstand falsch informiert worden sei. Dessen ungeachtet, fordern Aktionäre, dass Cromme die Gesamtverantwortung übernimmt und zurücktritt. Die Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz gibt sich pragmatischer. Sie will durch einen gerichtlich bestellten Sonderprüfer die Milliardenverluste in Amerika und die Verstöße im Unternehmen gegen Kartellrecht und Corporate-Governance-Regeln durchleuchten lassen. Die Schutzvereinigung schlägt die Vertagung der Entlastung des Aufsichtsrates und der drei Vorstände vor, deren Vertrag Ende 2012 vorzeitig aufgelöst wurde. Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Schutzvereinigung, fordert Cromme zu einer konsequenten Aufräumarbeit wie einst beim Schmiergeldskandal bei Siemens auf. „Wenn er aber in einigen Monaten nicht liefert, werden wir über diese Personalie reden müssen“, sagte Tüngler am Mittwoch der Nachrichtenagentur dpa. Oft ist kritisiert worden, dass Gerhard Cromme einst vom Chefposten im Vorstand auf jenen im Aufsichtsrat gewechselt ist. Nach den Buchstaben des Deutschen Corporate-Governance-Kodex war das zwar nicht verboten - dem Geist des freiwilligen Regelwerks entspricht es allerdings auch nicht: und das, obwohl ausgerechnet Cromme jahrelang Vorsitzender der Regierungskommission war, die den Kodex erarbeitet hat.

          Abseits der Rechtslage und nüchterner Regeln muss man feststellen, dass Cromme aus seinen langjährigen Erfahrungen als Krupp-Chef und danach als Mitglied der Doppelspitze von Thyssen-Krupp das Innenleben des Konzerns noch gut kennen sollte. Er hätte sich angesichts der gewaltigen Investitionsbeträge, die in Amerika offensichtlich auf dem Spiel standen, bei Zweifeln an der Umsetzung auch abseits der vorgesehenen Informationswege bei vertrauten Quellen im Unternehmen bedienen können.

          Gegen eine andere Regel für gute Unternehmensführung verstößt der 69 Jahre alte Cromme dagegen nicht: Die halbamtliche Managerfibel fordert Aktiengesellschaften auf, eine Altersgrenze für Aufsichtsräte festzulegen. Das hat Thyssen-Krupp getan: Sie liegt bei 70 Jahren - und gilt für den Zeitpunkt der Wahl ins Kontrollgremium. Im Vorfeld der Hauptversammlung hat ein Verband von Aufsichtsräten sogar Crommes Rücktritt gefordert. „Cromme hat eine Vorbildfunktion und dieser wird er nicht gerecht“, sagte der Vize-Präsident der „Vereinigung der Aufsichtsräte in Deutschland“ (VARD), der Düsseldorfer Rechtsanwalt Peter Dehnen. Präsident der Organisation ist der ehemalige Metro-Chef Hans-Joachim Körber; Dietmar Kuhnt, einst Vorstandsvorsitzender von RWE, gehört ebenfalls dem Führungszirkel an. Die im vergangenen Jahr gegründete Organisation sieht sich als Interessenverband von Aufsichtsräten, hat sonst allerdings keinerlei prominente Mitglieder im Vorstand zu verzeichnen.

          Ein Streitpunkt an der Unternehmensverfassung des Stahlkonzerns ist das Recht seines Großaktionärs, der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, an der Hauptversammlung vorbei drei Mitglieder des Aufsichtsrats alleine zu bestimmen. Das Entsenderecht ist im Jahr 2007 vom Landgericht Essen als rechtlich zulässig und im gegebenen Fall auch als gerechtfertigt bezeichnet worden. „Nach ihrer Satzung hat die Stiftung auf die Einheit der AG, auf den Erhalt des Unternehmens hinzuwirken. Sie ist daher mehr als jeder andere Aktionär dem Wohl der AG verpflichtet“, hatte das Landgericht damals geurteilt. Die britische Fondsgesellschaft Hermes meint dagegen, dieses Sonderrecht habe dem Unternehmen geschadet: Bei einigen der auf diese Weise benannten Aufseher habe es an der nötigen Qualifikation gefehlt, und die Aktionäre hätten damit nur eine eingeschränkte Kontrolle über das Gremium.

          „Loslösung von der Kruppschen Fürsorge“

          Der Berufsaufsichtsrat Christian Strenger, Mitglied der Kodex-Kommission, fordert eine „Loslösung von der Kruppschen Fürsorge“, weil das immer wieder ausgeübte Entsendungsrecht fast 75 Prozent der anderen Aktionäre nachhaltig vor vollendete Tatsachen stelle und zur Abhängigkeit jener Kontrolleure führe. „Angesichts der damit verbundenen, zuletzt so deutlichen Misserfolgsvita des Unternehmens sollte dieses ehedem überkommene Instrument nicht mehr genutzt werden“, forderte Strenger in dieser Zeitung: „Gerade jetzt ist eine von allen Aktionären getragene Wahl anstelle der vorgesehenen Einsetzung eines Vertreters der Krupp-Stiftung doch mehr als angezeigt.“ Beim Autobauer Volkswagen hat übrigens das Land Niedersachsen ein solches Entsendungsrecht.

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