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Thyssen-Krupp : Das Corporate-Governance-Desaster

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Abseits der Rechtslage und nüchterner Regeln muss man feststellen, dass Cromme aus seinen langjährigen Erfahrungen als Krupp-Chef und danach als Mitglied der Doppelspitze von Thyssen-Krupp das Innenleben des Konzerns noch gut kennen sollte. Er hätte sich angesichts der gewaltigen Investitionsbeträge, die in Amerika offensichtlich auf dem Spiel standen, bei Zweifeln an der Umsetzung auch abseits der vorgesehenen Informationswege bei vertrauten Quellen im Unternehmen bedienen können.

Gegen eine andere Regel für gute Unternehmensführung verstößt der 69 Jahre alte Cromme dagegen nicht: Die halbamtliche Managerfibel fordert Aktiengesellschaften auf, eine Altersgrenze für Aufsichtsräte festzulegen. Das hat Thyssen-Krupp getan: Sie liegt bei 70 Jahren - und gilt für den Zeitpunkt der Wahl ins Kontrollgremium. Im Vorfeld der Hauptversammlung hat ein Verband von Aufsichtsräten sogar Crommes Rücktritt gefordert. „Cromme hat eine Vorbildfunktion und dieser wird er nicht gerecht“, sagte der Vize-Präsident der „Vereinigung der Aufsichtsräte in Deutschland“ (VARD), der Düsseldorfer Rechtsanwalt Peter Dehnen. Präsident der Organisation ist der ehemalige Metro-Chef Hans-Joachim Körber; Dietmar Kuhnt, einst Vorstandsvorsitzender von RWE, gehört ebenfalls dem Führungszirkel an. Die im vergangenen Jahr gegründete Organisation sieht sich als Interessenverband von Aufsichtsräten, hat sonst allerdings keinerlei prominente Mitglieder im Vorstand zu verzeichnen.

Ein Streitpunkt an der Unternehmensverfassung des Stahlkonzerns ist das Recht seines Großaktionärs, der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, an der Hauptversammlung vorbei drei Mitglieder des Aufsichtsrats alleine zu bestimmen. Das Entsenderecht ist im Jahr 2007 vom Landgericht Essen als rechtlich zulässig und im gegebenen Fall auch als gerechtfertigt bezeichnet worden. „Nach ihrer Satzung hat die Stiftung auf die Einheit der AG, auf den Erhalt des Unternehmens hinzuwirken. Sie ist daher mehr als jeder andere Aktionär dem Wohl der AG verpflichtet“, hatte das Landgericht damals geurteilt. Die britische Fondsgesellschaft Hermes meint dagegen, dieses Sonderrecht habe dem Unternehmen geschadet: Bei einigen der auf diese Weise benannten Aufseher habe es an der nötigen Qualifikation gefehlt, und die Aktionäre hätten damit nur eine eingeschränkte Kontrolle über das Gremium.

„Loslösung von der Kruppschen Fürsorge“

Der Berufsaufsichtsrat Christian Strenger, Mitglied der Kodex-Kommission, fordert eine „Loslösung von der Kruppschen Fürsorge“, weil das immer wieder ausgeübte Entsendungsrecht fast 75 Prozent der anderen Aktionäre nachhaltig vor vollendete Tatsachen stelle und zur Abhängigkeit jener Kontrolleure führe. „Angesichts der damit verbundenen, zuletzt so deutlichen Misserfolgsvita des Unternehmens sollte dieses ehedem überkommene Instrument nicht mehr genutzt werden“, forderte Strenger in dieser Zeitung: „Gerade jetzt ist eine von allen Aktionären getragene Wahl anstelle der vorgesehenen Einsetzung eines Vertreters der Krupp-Stiftung doch mehr als angezeigt.“ Beim Autobauer Volkswagen hat übrigens das Land Niedersachsen ein solches Entsendungsrecht.

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