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Thyssen-Krupp-Chef Hiesinger : „Das beste Fachwissen kann heute nachgeahmt werden“

Heinrich Hiesinger Bild: dpa

Industrie 4.0 im Praxistest: Thyssen-Krupp hat erkannt, dass teuer entwickeltes Know-How inzwischen durch die Sammlung vieler Daten kopiert werden kann. Der Vorstandsvorsitzende Heinrich Hiesinger erlebt in Davos eine kopernikanische Wende.

          Heinrich Hiesinger weiß, wovon die Rede ist. In der langen Geschichte von Thyssen-Krupp musste schon manche technische Revolution gemeistert werden. Nun dreht sich auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos zumindest das Oberthema allein um die sogenannte „vierte industrielle Revolution“, also die Digitalisierung ganzer Wertschöpfungsketten. Und der Vorstandsvorsitzende des Stahl- und Technologiekonzerns will vermeiden, dass sein Unternehmen in der Diskussion darüber falsch wahrgenommen wird.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          „Es ist wichtig, eher traditionelle Industrien und Unternehmen bei diesen Zukunftsthemen nicht durch eine oberflächliche Betrachtung zu disqualifizieren“, sagt auch Davos-Gast Hiesinger, der Vorstandsvorsitzende von Thyssen-Krupp, zum Siegeszug des Internets der Dinge in Wirtschaft und Unternehmen. Bei Industrie 4.0 gehe es nicht darum, was hergestellt werde, sondern wie produziert werde, und zugleich auch besonders darum, wie ein Unternehmen mit Kunden und Zulieferern über digitale Plattformen verbunden sei. Der ehemalige SAP-Chef Henning Kagermann übertreibe wohl nicht, wenn er von einer „kopernikanischen Wende“ spreche, die nicht nur die Produktion selbst verändern werde, sondern auch die Organisation von Unternehmen und damit unsere ganze Arbeitskultur.

          Hiesinger ist überzeugt, dass die deutsche Wirtschaft von dieser Entwicklung profitieren kann. Es gebe zwar Befürchtungen, dass im Zuge dieser Entwicklung zahlreiche Arbeitsplätze überflüssig werden, weil Maschinen und Computer die Arbeit übernehmen, die bisher von Menschen verrichtet worden ist. Das Argument sei auch nicht von der Hand zu weisen. Unstrittig sei es allerdings, dass im Zuge der Digitalisierung auch hochwertige neue Arbeitsplätze mit komplexen Anforderungsprofilen entstünden. Die Chance sei groß, dass in der Summe am Ende ein Plus stehe.

          Doch: „Niemand kann heute sagen, wie genau sich die Wirtschaft durch die Digitalisierung verändern wird. Das Schlagwort Industrie 4.0 verweist nicht auf etwas Abgeschlossenes, sondern auf eine Entwicklung, die in vollem Gange ist. Es gibt keinen Masterplan, der uns sagen könnte, was wir tun müssen, um das Beste aus den Möglichkeiten der Digitalisierung zu machen“, sagt Hiesinger. „Es ist daher unsere Aufgabe, permanent zu prüfen, wie wir unsere Wertschöpfungsketten und Kundenbindung mit Hilfe digitaler Anwendungen verbessern können. Was Hiesinger mit Sorge umtreibt, ist der in Deutschland so ausgeprägte Fokus auf die technologischen Aspekte der Digitalisierung. „Sicher bildet Technologie die Basis, die Veränderung ist jedoch viel umfassender. Sie erfordert einen Kulturwandel in Unternehmen, vor allem die Fähigkeit der flexiblen Zusammenarbeit über Organisationsgrenzen hinweg, oft über das eigene Unternehmen hinaus, die Nutzung von großen Datenmengen, ein ständiges Hinterfragen der Geschäftsmodelle, um auch künftig den Kundenzugang und die Kundenbindung zu verteidigen.“

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