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Thomas Middelhoff : Die Karstadt-Mieten werden zum Politikum

Bild: F.A.Z.

Karstadt zahlt seit Donnerstag keine Mieten mehr für seine Warenhäuser. Der Konzern hatte die Immobilien vor zwei Jahren verkauft. Vor allem der ehemalige Arcandor-Chef Thomas Middelhoff wird nun heftig kritisiert. Die undurchsichtigen Geschäfte rufen die Politik und die Staatsanwaltschaft auf den Plan.

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          Wegen der drohenden Insolvenz des Warenhaus- und Touristikkonzerns Arcandor rücken seit Jahren umstrittene Immobiliengeschäfte rund um die Immobilien der Karstadt-Kaufhäuser wieder in den Blickpunkt. In diesem Zusammenhang wird vor allem der ehemalige Arcandor-Vorstandsvorsitzende Thomas Middelhoff kritisiert.

          Zum anderen fällt mit der grundsätzlichen Bemerkung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), insbesondere bei den Mietverträgen gebe es "ungünstige Vertragsgestaltungen" zu Lasten von Arcandor, ein schlechtes Licht auf alle Vermieter des Konzerns. Hierzu zählen Immobilienfonds, die gemeinsam von der Privatbank Sal. Oppenheim und dem Projektentwickler Josef Esch aufgelegt worden waren, sowie das Vermieterkonsortium "Highstreet", an dem der Whitehall-Fonds der Investmentbank Goldman Sachs mit 51 Prozent beteiligt ist. Auch deshalb gehört Goldman-Deutschlandchef Alexander Dibelius zu der Runde, die am Wochenende in München mit den Chefs von Metro/Kaufhof, Eckhard Cordes, und Arcandor/Karstadt, Karl-Gerhard Eick, nach einer gemeinschaftlichen Lösung für Arcandor gesucht hat. Die zuletzt fälligen Mieten von 23 Millionen Euro wurden von Arcandor schon am vergangenen Donnerstag nicht mehr bezahlt (siehe auch Merkel lehnt Staatshilfe für Arcandor ab).

          Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) hatte sich zuvor dafür ausgesprochen, die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens gegen Middelhoff zu prüfen. Sie sei über Berichte beunruhigt, der Manager und seine Ehefrau seien an den Esch-Immobilienfonds beteiligt, die mehrere Gebäude zu außergewöhnlich hohen Mieten an Karstadt verpachteten, schrieb Zypries an ihre nordrhein-westfälische Amtskollegin Roswitha Müller-Piepenkötter (CDU). Das Düsseldorfer Justizministerium hat das Schreiben nach Angaben eines Sprechers an die zuständige Staatsanwaltschaft am Arcandor-Stammsitz Essen weitergeleitet.

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          Middelhoff: Sehe die Vorwürfe gelassen

          In dieser Diskussion geht es um fünf Gebäude, die von Arcandor - noch bevor Middelhoff zu dem Konzern kam, also unter dem damaligen Warenhaus-Chef Wolfgang Urban - zu bemerkenswert hohen Preisen von Esch gemietet worden sind. Tatsächlich zahlt Arcandor für diese Objekte in München, Leipzig, Potsdam, Wiesbaden und Karlsruhe eine Jahresmiete von 42,6 Millionen Euro, während "Highstreet" für die 164 übrigen Immobilien 280 Millionen Euro bekommt. Im Gegenzug sollte Esch den Konzern offenbar an Gewinnen aus seinen Großprojekten beteiligen. Zu den Geschäften ist es aber nicht oder nur in Ansätzen gekommen. Der Arcandor-Vorstand hat die Ausfälle einst auf rund 100 Millionen Euro beziffert.

          In der Auseinandersetzung geht es nun um die Frage, warum Middelhoff später als Konzernchef auf eine Klage gegen Esch verzichtet hat, um das Geld einzuholen. Dazu gibt es von Middelhoff und einem früheren Justitiar von Arcandor unterschiedliche Darstellungen. Middelhoff selbst hat auf die Vorwürfe zunächst gelassen reagiert. Eine Untersuchung, wie sie Zypries anrege, werde "den jetzt aus der Anonymität heraus vorgetragenen Angriffen den Boden entziehen", sagte Middelhoff: "Ich werde die Arbeit der zuständigen Stellen vollumfänglich unterstützen." Der gesamte Sachverhalt sei von den zuständigen Gremien des Unternehmens unter Hinzuziehung von Wirtschaftsprüfern und Anwälten intensiv geprüft und abschließend bearbeitet worden. Gleichwohl lässt Eick den Vorgang um die Middelhoff-Immobilien derzeit durch eine externe Anwaltskanzlei prüfen. Das hatte Eick auch schon auf der Hauptversammlung am 18. März angekündigt. Hierbei geht es auch nicht nur um Middelhoff, sondern den gesamten Komplex des Oppenheim-Esch-Fonds.

          Merkel: Vermieter sollen sich an Rettung beteiligen

          Nicht zuletzt gibt es auch für die in dieser Sache nicht betroffenen "Highstreet"- Immobilien offenbar eine von Middelhoff hinterlassene Schwierigkeit: Um trotz Krise und nachgebender Immobilienpreise im Geschäftsjahr 2007/08 den schon fest eingeplanten Kaufpreis für die 49 Prozent zu erzielen, die Arcandor bis dahin noch am Whitehall/Goldman-Sachs-Fonds hielt, nahm Middelhoff 2008 Mieterhöhungen für die Karstadt-Filialen in Kauf. Dieser Anteil an den "Highstreet"-Immobilien liegt nun bei einem Konsortium, das den Fonds Rreef Alternative Investments einschließt, der der Deutschen Bank, Pirelli Real Estate und der Borletti Gruppe gehört. Und die erhöhten Mieten sind heute eine Belastung für das Warenhausgeschäft.

          In einem Gutachten, das die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Price Waterhouse Coopers für den Bürgschaftsausschuss des Bundes erarbeitet hat, heißt es zudem, dass ursprünglich von einem Verkaufserlös von 800 Millionen Euro ausgegangen worden sei, dieser tatsächlich aber bei lediglich 530 Millionen Euro gelegen habe. Nach weiteren Abzügen seien sogar nur liquide Mittel in Höhe von 470 Millionen Euro geflossen.

          Deshalb steht nun, nicht zuletzt auch wegen des öffentlichen Drucks der Kanzlerin, die Frage im Raum, in welcher Form sich die Vermieter rund um Oppenheim/Esch und Highstreet/Goldman Sachs/Rreef an der Rettung von Karstadt beteiligen können, damit es der Politik leichter fällt, einen Kredit der Staatsbank KfW zu gewähren.

          Hierzu gab es aus dem "Highstreet"-Konsortium am Sonntag keinen Kommentar. Im Umfeld des Konsortiums war aber zu hören, man sei an einer Insolvenz von Arcandor nicht interessiert. Vielmehr gehe es darum, konstruktiv an einer Lösung zu arbeiten. Man könne sich auch nicht vorstellen, dass allein die Mieten die Ursache der Schwierigkeiten von Karstadt/Arcandor seien. Eine Mietminderung stehe deshalb nicht zur Debatte und bringe Arcandor auch nicht nach vorn. Es müsse vielmehr darum gehen, die Immobilien besser zu vermarkten. Karstadt leide darunter, zu viel Geld für unprofitable Flächen zu bezahlen. An dieser Stelle müsse man zu flexibleren Lösungen kommen, für die man zur Verfügung stehe. Branchenkenner vermuten, dass es sich dabei um die Fremdvermietung von Teilflächen handeln könnte.

          Die Investitionen der Vermieter summieren sich auf 4,5 Milliarden Euro. Kommt keine Lösung zustande, droht ein fortgesetzter Mietausfall mit Filialschließungen. Zudem wurden die Kredite syndiziert, also auf viele Investorenschultern verteilt. "Bei einer Insolvenz fliegt uns die ganze Finanzierung auseinander", hieß es dazu aus Konsortiumskreisen von "Highstreet".

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