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Thomas Middelhoff : „Deutschland braucht endlich gute Laune“

  • Aktualisiert am

Der Vorstandsvorsitzende von KarstadtQuelle, Thomas Middelhoff Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Mit der bisherigen Sanierung von Karstadt Quelle ist Thomas Middelhoff zufrieden. In der F.A.S. spricht er über den Verkauf aller Gebäude, die Eskapaden des Herrn Deus und die Stimmungskiller in Berlin.

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          Karstadt-Quelle-Chef Thomas Middelhoff über Stimmungskiller in Berlin, den Verkauf aller Gebäude und die Eskapaden des Herrn Deus.

          Herr Middelhoff, was können Sie besser: Hosen zusammenlegen oder Unternehmen umstrukturieren?

          Daß ich Hosen falten kann, habe ich am vergangenen Samstag einen Tag lang an der Kasse unserer Bielefelder Karstadt-Filiale bewiesen. Es hat richtig Spaß gemacht, in so einem eingeschworenen Team mitzumachen.


          Deshalb jetzt jeden Samstag.

          Natürlich nicht. Aber ich werde demnächst einen Tag im Call Center der Quelle AG unsere Berater unterstützen. Alle unsere Vorstände machen das. Das schärft den Blick für die Kleinigkeiten, die manchmal über den Erfolg entscheiden.


          Und es lenkt ab von der rauhen Wirklichkeit. Sie haben jetzt 300 Millionen Euro auf dem Kapitalmarkt aufgenommen und zahlen dafür 14 Prozent Zinsen. Das nennt man eine Ramschanleihe.


          Nun mal langsam. Der Kreditgeber bekommt dafür auch keine Sicherheit. Er gibt uns den Kredit für unsere treuen blauen Augen als Vertrauensvorschuß auf das, was wir dieses Jahr geleistet haben. Unter solchen Bedingungen zahlt man eben einen Risikoaufschlag.


          Sie versprechen, bis Ende 2006 Karstadt-Quelle von seinen über drei Milliarden Schulden zu befreien. Wie soll das Zauberstück gelingen?


          Wir haben uns entschlossen, alle unsere Immobilien zu verkaufen und künftig selbst dort nur noch als Mieter aufzutreten. Dafür suchen wir entweder einen Finanzinvestor, oder wir bringen die Kaufhausimmobilien an die Börse.

          Wieviel Geld soll das bringen?


          Drei Milliarden Euro plus.

          Plus wieviel?

          Wir haben klare Wertvorstellungen, aber ich werde einen Teufel tun, sie jetzt hier zu verraten. Wir werden nach dem Verkauf schuldenfrei sein. Und das ist für ein Unternehmen, das vor gut einem Jahr haarscharf an der Pleite vorbeigeschrammt ist, nicht ganz schlecht.


          Warum sollen ausländische Investoren gerade in Deutschland Kaufhausimmobilien erwerben?


          Wir haben schon 77 Kleinwarenhäuser verkauft und damit bewiesen, daß wir das können, obwohl wir monatelang von öffentlichen Zweifeln begleitet wurden. Wichtig für die Investoren ist das Vertrauen in die Mieter. Deshalb hätten wir diesen Immobiliendeal, der bei einem Komplettverkauf der Gebäude einer der größten in Europa sein wird, Anfang dieses Jahres noch nicht machen können.


          Was hat sich geändert?

          Wir haben in den vergangenen zwölf Monaten bewiesen, daß wir ein Geschäft drehen können. Wir haben eine klare Strategie und werden damit wieder planbar für die Investoren.


          Wie sieht eigentlich Karstadt-Quelle heute aus? Wir haben nach all den Verkäufen ein wenig den Überblick verloren.


          Das kann ich verstehen. Wir haben uns in sieben Monaten von zahlreichen Randbeteiligungen und 25 000 Mitarbeitern getrennt, ohne daß das operative Geschäft gelitten hätte. Das ist eine einzigartige Turn-around-Geschichte in Europa. Das honorieren gegenwärtig insbesondere Investoren aus dem angelsächsischen Raum, die sich bei uns engagieren. Sie vergleichen Karstadt-Quelle bereits mit so großen Restrukturierungen wie bei Rhodia oder Alstom. Bis vor einem Jahr waren wir ein wilder Gemischtwarenladen mit kleinen und großen Kaufhäusern, Versandhandel, Fernsehbeteiligungen, Einzelhandelsgeschäften und Cafes. Künftig werden wir ein Unternehmen mit 90 Warenhäusern und 34 Sporthäusern, Versandhandel, E-Commerce und Touristik sein. Und wir werden ein Konzern sein mit einer Eigenkapitalquote von über 20 Prozent.


          Wenn Sie so schön am Verkaufen sind, warum verkaufen Sie nicht die 50-Prozent-Beteiligung am Touristikkonzern Thomas Cook?


          Touristik ist Stammgeschäft. Wir glauben, daß die Touristik wieder stärker wachsen wird und daß künftig deutlich mehr Reisen im Internet gebucht werden. Dafür bieten wir die richtige Plattform: Neckermann.de. Neckermann Reisen steuert jetzt schon 70 Prozent zum Thomas-Cook-Umsatz in Deutschland bei.

          Dann werden Sie Lufthansa die andere Hälfte von Thomas Cook abkaufen.

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