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Reiseveranstalter pleite : 140.000 deutsche Urlauber sind betroffen

  • Aktualisiert am

Flugzeuge von Thomas Cook auf dem Rollfeld des Flughafens von Manchester Bild: dpa

Der Reiseveranstalter Thomas Cook steht vor dem Aus. Der britische Konzern hat kein Geld mehr und den Betrieb mit sofortiger Wirkung eingestellt. Hunderttausende Urlauber müssen jetzt auf anderem Weg zurückgeholt werden.

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          Der britische Reisekonzern Thomas Cook ist pleite. Man habe keine Alternative gehabt, als mit sofortiger Wirkung das Konkursverfahren einzuleiten, teilte der älteste Touristikkonzern der Welt in der Nacht mit.

          Unmittelbar vom Zusammenbruch betroffen sind etwa 600.000 Touristen, darunter Zehntausende Deutsche. Die britische Flugbehörde CAA gab die Einstellung aller Thomas-Cook-Flüge bekannt und kündigte eine Rückholaktion für mehr als 150.000 Briten an. Der britische Premierminister Boris Johnson versprach den gestrandeten britischen Urlaubern die Hilfe seiner Regierung. "Wir werden unser Bestes tun, um sie nach Hause zu holen. Es wird Pläne dafür geben, wenn es notwendig wird", sagte Johnson. Die Finanzierungsbitte des britischen Reisekonzerns über 150 Millionen Pfund (knapp 170 Millionen Euro) lehnte er jedoch ab. Die Transportgewerkschaft TSSA und die Oppositionspartei Labour kritisierten die Entscheidung.

          Auch die deutschen Konzerntöchter, darunter Marken wie Neckermann Reisen, Bucher Last Minute, Öger Tours, Air Marin und Thomas Cook Signature, haben den Verkauf von Reisen nach eigenen Angaben komplett gestoppt. Man könne nicht gewährleisten, dass gebuchte Reisen mit Abreisedatum 23. und 24. September stattfinden, teilte die Thomas Cook GmbH am Morgen in Oberursel bei Frankfurt mit. „Das Unternehmen lotet derzeit letzte Optionen aus“, hieß es weiter. Sollten diese Optionen scheitern, sehe sich die Geschäftsführung gezwungen, auch für die Thomas Cook GmbH und weitere Gesellschaften Insolvenz zu beantragen.

          Der Ferienflieger Condor, ein Tochterunternehmen, versicherte kurz nach Bekanntwerden der Insolvenzpläne, dass der Flugbetrieb weitergehe. „Condor Flüge werden weiterhin durchgeführt, obwohl die Muttergesellschaft Thomas Cook Group plc Insolvenz eingereicht hat“, hieß es in einer Mitteilung vom frühen Montagmorgen. „Um Liquiditätsengpässe bei Condor zu verhindern, wurde ein staatlich verbürgter Überbrückungskredit beantragt. Dieser wird derzeit von der Bundesregierung geprüft.“

          Türkei kündigt Unterstützung an

          Das türkische Tourismusministerium hat ein Unterstützungspaket für betroffene heimische Unternehmen in Aussicht gestellt. Das Paket werde „in kürzester Zeit" verabschiedet, teilte
          das Ministerium in Ankara am Montag via Twitter mit. Details wurden zunächst nicht genannt.

          In der Türkei seien 21.033 Reisende mit Thomas Cook England untergekommen, hieß es weiter. Hotels dürften keine Zahlungen von Gästen verlangen oder sie dazu auffordern, ihre Zimmer zu räumen, sonst drohten ihnen gerichtliche Konsequenzen. Die Zahlungen von Reisenden, die bis 22. September eine Unterkunft gebucht hatten, seien abgesichert.

          In Griechenland sind rund 50.000 Touristen gestrandet, die nun zurückgeholt werden müssen. Die Urlauber befänden sich vor allem auf den griechischen Inseln wie Zakynthos, Kos, Korfu, Skiathos und Kreta, sagte ein Vertreter des griechischen Tourismusministeriums am Montag. „Die oberste Priorität ist jetzt, sie in ihre Heimat zurückzubringen", betonte er.

          Verhandlungen in der Nacht gescheitert

          Thomas-Cook-Konzernchef Peter Fankhauser sprach in einer Erklärung von „tiefem Bedauern“, dass man keine Lösung für die Rettung des Konzerns gefunden habe. Zwar sei eine Einigung bereits zu einem großen Teil ausgearbeitet worden. Zusätzliche Forderungen in den letzten Tagen der Verhandlungen hätten sich am Ende jedoch als „unüberwindbare Herausforderung“ erwiesen. Fankhauser entschuldigte sich bei „unseren Millionen Kunden und Tausenden Angestellten, Zulieferern und Partnern“. Die Konzernspitze hatte für Sonntagabend Verhandlungen mit Banken, Gläubigern und der Regierung angesetzt. Banken hatten zuletzt zu einem schon ausgehandelten Rettungspaket über 900 Millionen Pfund (knapp eine Milliarde Euro) weitere 200 Millionen Pfund gefordert. Das Traditionsunternehmen benötigte das Geld, um in die Zukunft seines Geschäfts zu investieren.

          Die nun angekündigte Rückholaktion für rund 150.000 Briten ist für Großbritannien die größte derartige Aktion in der Geschichte des Landes. Nach Angaben des Senders BBC hatten die zivile Luftfahrtbehörde CAA für den Notfall bereits am Sonntag zahlreiche Flugzeuge bereitgestellt. Die Rückholaktion trage den Codenamen „Matterhorn“. In der Nacht seien bereits die ersten Flugzeuge zu verschiedenen Zielen gestartet, um britische Urlauber nach Hause zu holen.

          Von der Bundesregierung war am Wochenende keine Stellungnahme zu erhalten gewesen, ob es Vorbereitungen gebe, Zehntausende Menschen nach Deutschland zurückzuholen. In der Bundesrepublik sind Pauschalreisen mit Reisesicherungsscheinen gegen Ausfälle gesichert, daher sind im Notfall die Versicherer dafür verantwortlich, die Urlauber zurückzubringen. In der Praxis helfen dann andere Fluggesellschaften, Touristen nach Deutschland zu holen, wenn deren Reiseanbieter oder die gebuchte Airline Pleite ist.

          Konzern in Schieflage

          Thomas Cook war durch eine milliardenschwere Abschreibung auf ein Tochterunternehmen und ein schwächeres Reisegeschäft ins Schleudern geraten. Zudem litt der Konzern stärker als die Rivalen wie TUI und unter der mit dem Brexit und schwächerem Pfund einhergehenden Reiseunlust der Briten. Bereits 2012 hatten mehrere Banken den Konzern nach immensen Abschreibungen auf das britische Geschäft und IT-Systeme mit frischem Geld vor dem Untergang gerettet. Auch dadurch sitzt Thomas Cook auf einem Schuldenberg in Milliardenhöhe und ächzt unter der hohen Zinslast.

          Größter Aktionär ist die chinesische Fosun-Gruppe. Thomas Cook war 1841 gegründet worden und betreibt Hotels, Ferienressorts, Airlines und veranstaltet Kreuzfahrten. Von den 105 Flugzeugen im Konzern fliegen 58 für Condor. Weltweit hat Thomas Cook rund 21.000 Mitarbeiter in 16 Ländern. Davon sind etwa 4500 in Deutschland bei Condor beschäftigt.

          Insolvenzen in der Tourismusbranche

          Der Tourismus boomt, die Reiselaune der Deutschen ist ungebrochen. Doch bei den Reiseanbietern gab es auch schon so manche Insolvenz.

          JT Touristik: Der Berliner Reiseveranstalter mit damals rund 60 Mitarbeitern ist Ende September 2016 zahlungsunfähig. Der Discounter Lidl übernimmt JT Touristik Anfang 2018, die Marke bleibt erhalten. Das Unternehmen war 2009 von der gebürtigen Iranerin Jasmin Taylor gegründet worden.

          Unister: Wenige Tage nach dem Unfalltod ihres Chefs Thomas Wagner beantragt die Leipziger Internetfirma im Juli 2016 Insolvenz. Bald darauf ist auch die Unister Travel Betriebsgesellschaft pleite. Unter dem Dach der Tochtergesellschaft mit knapp 500 Mitarbeitern sind die Reisegeschäfte des Internetkonzerns gebündelt, darunter auch die Portale ab-in-den-urlaub.de und fluege.de. Das tschechische Reiseunternehmen Invia kauft die Portale im Frühjahr 2017.

          Vural Öger: Binnen weniger Tage muss der türkische Reiseveranstalter zum Jahreswechsel 2015/2016 für zwei seiner Unternehmen Insolvenz anmelden: für die auf Türkeireisen spezialisierte Firma V.Ö. Travel und Öger Turk Tur, einen der größten Anbieter von Türkei-Flügen in Deutschland. Grund sei vor allem der rückläufige Türkei-Tourismus, sagt Öger. 2010 hatte er sein Unternehmen Öger Tours für rund 30 Millionen Euro an den Reiseveranstalter Thomas Cook verkauft.

          GTI-Travel: Tausende Urlauber werden im Juni 2013 von der Pleite der Düsseldorfer Reiseveranstalter GTI-Travel und Buchmal Reisen überrascht. Ursache sollen finanzielle Probleme der türkischen Kayi Group gewesen sein, zu der beide gehörten. Auch die dazugehörige Fluggesellschaft Sky Airlines stellt den Betrieb ein.

          (Quelle: dpa)

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