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Theo Waigel, Siemens : „Sheriff, das trifft es überhaupt nicht“

  • Aktualisiert am

„Anstrengungen für saubere Geschäfte hören nie auf”: Waigel beobachtet Siemens Bild: AFP

Tausende Interviews mit Siemens-Mitarbeitern hat Theo Waigel für seinen ersten Bericht über Compliance - die regelgerechte Unternehmensführung - geführt. „Die Anstrengungen für saubere Geschäfte hören nie auf“, sagt der frühere Finanzminister, der von den Amerikanern zum Beobachter ernannt wurde.

          5 Min.

          Tausende Interviews mit Siemens-Mitarbeitern hat Theo Waigel für seinen ersten Bericht über Compliance - die regelgerechte Unternehmensführung - geführt. Der frühere Finanzminister wurde Ende 2008 von den Amerikanern zum Beobachter ernannt.

          Herr Waigel, sind Sie der Compliance-Polizist vom Wittelsbacher Platz?

          Ach, es sind alle möglichen Attribute gefallen: Sheriff, Aufseher, Oberaufseher, Aufpasser. Das trifft es überhaupt nicht. Selbst der Begriff Monitor ist ein interpretationsfähiges Wort. Mir würde dazu „unabhängiger Beobachter der Compliance von Siemens“ als beste Beschreibung einfallen. Unabhängig bin ich allemal. Wenn einer wie ich die 70 erreicht hat, der bewahrt sich seine Unabhängigkeit.

          Haben Sie einen neuen Korruptionsfall aufgedeckt?

          Nein. Und es ist auch nicht meine Aufgabe, investigativ tätig zu sein. Ich arbeite nicht die Vergangenheit auf. Ich schaue auf die Gegenwart und auf die Zukunft.

          Das bedeutet?

          Ich muss mir diejenigen Schnittstellen im Konzern anschauen, wo Probleme entstehen könnten. Daraus gilt es, Prozesse und Instrumente für eine wirksame Vermeidung von Verstößen gegen die Vorschriften abzuleiten. Dabei hilft mir ein kleines Team aus deutschen und amerikanischen Experten und Rechtsanwälten. Siemens ist in 190 Ländern vertreten, also in mehr Staaten, als Deutschland diplomatische Beziehungen unterhält.

          Und in allen wollen Sie kontrollieren?

          Wir können nicht alles abdecken. Sie brauchen aber nur in den Listen von Transparency International oder der Weltbank zu suchen, welche Länder neuralgisch sind. Dort blicken wir mit besonderem Augenmerk hin. Siemens muss noch wesentlich umsichtiger als andere Unternehmen agieren. Trotz mittlerweile sehr guter Compliance würde jeder neue Fall Probleme bringen und frühere Zeiten heraufbeschwören.

          Ihre Neutralität steht auf dem Prüfstand, wenn Sie Ende des Jahres Ihren ersten Bericht vorlegen?

          Der Bericht wird Ende September in seinen Grundzügen bereits stehen. Das wird die Grundlage von Gesprächen und Diskussionen sein. Ich werde erst einmal Stellungnahmen einholen, bevor ich ihn endgültig formuliere, zum Beispiel von Siemens. Im Oktober oder November führe ich in Amerika die entsprechenden Gespräche der SEC und dem Ministerium.

          Was soll der Bericht bezwecken?

          Es werden Empfehlungen darin stehen, wie Siemens in Zukunft mit Compliance weiter umgehen soll, nachdem ja längst in vorbildlicher Form die Kontrollsysteme und -organisation im Konzern implementiert und ein Kulturwandel eingeleitet worden sind. Die Anstrengungen für saubere Geschäfte hören aber nie auf. Zudem steht das Unternehmen noch drei bis vier Jahre unter genauer Beobachtung der amerikanischen Behörden.

          Wird das ein dicker Wälzer?

          Es könnte leicht einer werden. Wir haben Tausende von Interviews mit Mitarbeitern geführt. Die Dokumentation ist sehr umfangreich. Aber die Empfehlungen müssen für den Alltag handhabbar sein. Die Siemensianer sollen sie lesen und beherzigen, nicht wälzen.

          Sind Sie Autor einer Betriebsanleitung für korrektes Verhalten?

          Die ist doch schon längst da. Wir müssen Compliance nicht neu erfinden. Es geht um die Umsetzung im täglichen Tun, im Konzern, mit Geschäftspartnern. Wenn ich als Monitor da Vorgaben mache, ist das sehr ernst zu nehmen. Denn die Amerikaner haben ein Auge darauf.

          Was ist dem Bericht vorausgegangen?

          Viele Reisen. In Absprache mit den US-Behörden haben wir im März einen Arbeitsplan erstellt. Im vergangenen halben Jahr sind wir entsprechend diesem Plan vorgegangen, haben Stichproben gemacht.

          Wie verlief die Reiseroute?

          Die großen deutschen Standorte München, Berlin, Erlangen . . . Dann Österreich, zuständig auch für Mittel- und Osteuropa, sowie die Türkei . . . Dann Saudi-Arabien, Dubai und Russland . . . Brasilien, Schanghai und Peking in China, Vereinigte Staaten. Andere Mitglieder meines Teams waren in Indien und in Ländern Südamerikas.

          Gibt es noch mehr Reiseziele?

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