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Theo Waigel : Aufpasser für Siemens

  • -Aktualisiert am

Soll bei Siemens nach dem Rechten sehen: Theo Waigel Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Das Bundesbezirksgericht in Washington hat keinen amerikanischen Rechtsanwalt, sondern Theo Waigel zum unabhängigen Wächter über Siemens bestimmt. Er soll die geschäftsethische Sauberkeit an den deutschen und ausländischen Unternehmensstandorten sicherstellen.

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          Theo Waigel ist ein weitgereister Mann. In den neuneinhalb Jahren als bisher am längsten amtierender Bundesfinanzminister (von 1989 bis 1998) und auch seither war er so oft in den Vereinigten Staaten, dass es nicht weiter auffiel, als er vor wenigen Wochen wieder einmal in Washington war. Schon damals hatte der CSU-Politiker und damalige Parteivorsitzende einen untadeligen Ruf, was dazu beitrug, dass er nicht nur seine jeweiligen Kollegen an der Spitze des amerikanischen Finanzministeriums traf, sondern auch die Präsidenten jener Zeit, George Bush Vater und Bill Clinton.

          Bei seiner jüngsten Reise ging es gleichfalls um Waigels Ansehen, seinen Leumund, seine Verlässlichkeit, insgesamt um seine Vertrauenswürdigkeit - und ganz, ganz nebenbei auch um den sportlichen Erfolg seiner Frau Irene Epple sowie deren Silbermedaille 1980 in Lake Placid. Der Mann wurde nicht nur moralisch auf Herz und Nieren geprüft, entscheidender noch war, dass er dieser Prüfung für wert gefunden wurde. Nach einer Stunde waren das amerikanische Justizministerium und die Börsenaufsicht SEC zufrieden: es hatte sich auch nach Waigels Amtszeit nichts ergeben, was seinen Ruf aus der Ministerzeit getrübt hätte.

          Beeindruckendes Zeichen der Wertschätzung

          Das war die Vorgeschichte für die Sensation, die am Montagabend bekanntwurde. Das Bundesbezirksgericht in Washington hat Theo Waigel - und nicht etwa einen amerikanischen Rechtsanwalt - zum unabhängigen Wächter (Compliance Monitor) über das Weltunternehmen Siemens mit Sitz in der bayerischen Landeshauptstadt bestimmt. Der Schwabe mit den charakteristischen Augenbrauen und einem Anwaltssitz in München braucht sich allerdings nicht mit der langjährigen Korruption bei dem Konzern herumzuschlagen, das wird bald ein abgeschlossenes Kapitel sein, sondern er hat die Aufgabe, die geschäftsethische Sauberkeit an den deutschen und ausländischen Unternehmensstandorten sicherzustellen.

          Die Siemens-Zentrale in München
          Die Siemens-Zentrale in München : Bild: dpa

          Da dies nicht einer allein schaffen kann, wird Waigel - sobald die Einzelheiten vertraglich geklärt sind - an der Spitze einer Gruppe stehen. Das ist keine leichte Aufgabe und auch kein Posten, um endlich reich zu werden. Der Anwalt in der Sozietät Gaßner, Stockmann und Kollegen muss dafür andere Mandate aufgeben, die mit Technik und angrenzenden Gebieten zu tun haben. Dass seine Kollegen für diese ehrenvolle Berufung gleichfalls zu Opfern bereit sind - sie dürfen über die drei Jahre dauernde Amtszeit hinaus weitere zwei Jahre keine Mandate des beaufsichtigten Unternehmens annehmen -, ist gleichfalls ein beeindruckendes Zeichen der Wertschätzung für den bekanntesten Mann in ihrem Kreis.

          Erhaltung gemeinwohlförderlicher Kunstwerke

          Theo Waigel hat so gegen Schluss eines langen beruflichen Lebensweges noch einmal eine Position erhalten, die als solche, wenn auch nicht in ihren alltäglichen Einzelheiten, im Licht der Öffentlichkeit steht. Der bayerische Patriot, der am 22. April 1939 in Oberrohr bei Krumbach in kleine Verhältnisse geboren wurde, hat dort gelernt, mit Anstand pfiffig und durchsetzungsfähig zu sein. Aus dem Elternhaus stammen seine religiösen Bindungen und die Zielstrebigkeit, die er sowohl in der Juristenausbildung als auch in der Jungen Union aufscheinen ließ.

          Von 1972 bis 2002 gehörte er dem Bundestag an, war CSU-Vorsitzender und innerhalb der Union Kohls gewichtiger Partner bei der deutschen Einheit und dem Euro. Dies alles wissen fast alle Bürger über ihn. Viel weniger Leute kennen den Liebhaber von Musik und bildender Kunst. Und nur Eingeweihte wissen, dass der dreifache Vater Waigel ein geradezu unbeugsamer Eintreiber von Förder- und Sponsorengeldern für die Erhaltung gemeinwohlförderlicher Kunstwerke, nicht zuletzt der „kleinen Wieskirche“ an seinem Wohnort Seeg, ist.

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