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Textilrecycling-Kollaps : „Kleidung degeneriert zum Wegwerfprodukt“

Solche Berge an aussortierten Schuhen und Klamotten wie in den vergangenen Monaten gab es noch nie: Die Lager sind voll. Bild: Lorenz Wittmann GmbH

Die Altkleider-Container quellen über, die Absatzmärkte in Osteuropa und Afrika sind weitgehend zusammengebrochen. Das Sammelsystem steht vor dem Kollaps. Verantwortung übernehmen soll die Textilindustrie.

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          Der Lockdown war die Zeit des großen Aufräumens und Ausmistens. Auch in den Kleiderschränken. Solche Berge an aussortierten Schuhen und Klamotten wie in den vergangenen Monaten hat Martin Wittmann noch nicht erlebt. Die Altkleider-Container quellen über, sein Familienbetrieb im niederbayrischen Geisenhausen weiß kaum noch, wohin mit dem Zeug. Was nach goldenen Zeiten für die Recycling-Branche klingt, ist für Wittmann ein Desaster. „Das Sammelsystem steht kurz vor dem Kollaps“, warnt der Unternehmer und Vizepräsident des Bundesverbandes Sekundärrohstoffe und Entsorgung (BVSE) in Bonn.

          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Corona hat die Lage noch einmal drastisch verschärft. Üblicherweise wird aussortiert, was sich wieder verkaufen lässt. Um die sechzig Prozent der ausrangierten T-Shirts, Hosen, Jacken und Pullover wurden zuvor nach Osteuropa und Afrika exportiert. Aber dort sind die Absatzmärkte weitgehend zusammengebrochen. Die Sortierer und Händler nehmen kaum noch Ware an, die Preise hätten sich halbiert. Manche Sammler haben ihre Container deshalb schon geschlossen, auch karitative Organisationen hätten die Altkleidersammlung eingestellt, berichtete Wittmann bei einem Pressegespräch. Gleichzeitig nutzen viele Kunden die Container und deren Stellplätze als Mülltonne – auch deshalb, weil die kommunalen Wertstoffhöfe gesperrt oder nur eingeschränkt zugänglich waren.

          „Kleidung degeneriert zum Wegwerfprodukt“

          Der wachsende „Beifang aus Dreck“ muss teuer entsorgt werden, weil die Müllverbrennungsanlagen ordentlich an der Preisschraube gedreht haben. Um Pleiten zu verhindern und Arbeitsplätze zu sichern – rund 10.000 Menschen verdienen ihr Geld mit Alttextilien –, ruft die Branche nach finanzieller Entlastung. Die Kommunen sollen die Mieten für die Container-Standplätze senken und sich an den Entsorgungskosten für den Müll beteiligen. Aber das sind nur kurzfristige Notmaßnahmen, die auf Dauer wenig helfen. Die eigentliche Crux sieht der BVSE darin, dass immer mehr Billigfummel auf den Markt kommen. Schnell gekauft, einige Mal angezogen und weg damit.

          „Kleidung degeneriert zum Wegwerfprodukt“, sagt Wittmann. Die Modekette Zara bringe jedes Jahr bis zu zwei Dutzend Kollektionen heraus, bei H&M wechsele das Sortiment sechzehnmal, schreibt der BVSE in einer Marktstudie. Die vorzugsweise in Asien produzierten Klamotten zum Discount-Tarif sind vor allem bei jungen Leuten beliebt, taugen aber nicht für die Sammler und Verwerter. Die aber müssen stetig steigende Mengen bewältigen. Rund 1,3 Millionen Tonnen Alttextilien waren es 2018, rund ein Drittel mehr als fünf Jahre zuvor. Die Tendenz zeigt weiter nach oben, weil die großen Fast-Fashion-Häuser und Textildiscounter kräftig expandieren, wenn nicht in den Filialen, dann im Netz. Aber wohin mit der schnelllebigen Ware, wenn sie nicht mehr gefällt?

          „Kleidung aus billiger Chemiefaser oder gar Fasermixen eignet sich weder als Secondhandware noch für die Weiterverwendung“, sagt Wittmann. „Die Textilindustrie muss Verantwortung übernehmen.“ Statt immer mehr immer schneller in die Läden zu bringen, sei „Design for Recycling“ gefordert. Langfristig gehört aus seiner Sicht dazu auch, Textilfasern wiederzuverwerten und für Neuware einzusetzen – eine Technik, die bisher in den Kinderschuhen steckt.

          Die Gegenwart sieht anders aus: Aus T-Shirts vom Textildiscounter lassen sich mitunter noch nicht mal Putzlappen oder Dämmstoffe herstellen. Auf diesem Weg wurden 2013 immerhin 21 Prozent der eingesammelten Mengen verarbeitet, inzwischen sind es 14 Prozent. So wandert ein wachsender Teil der Fast-Fashion-Mode aus dem Konsumkarussell direkt in den Müllofen. Die Sammler haben versucht, auf der anderen Seite des Qualitätssegments mehr Brauchbares auszusortieren. Mit dem Verkauf dieser Ware ließ sich der weniger einträgliche Rest quersubventionieren. Aber schon vor Corona schwächelte die Nachfrage, während minderwertige Klamotten in die Container kamen. Hier macht das Internet Konkurrenz: Immer mehr Verbraucher versuchen, einen Secondhandkäufer für den gut erhaltenen teuren Pulli oder die schicke Jacke zu finden. Da immerhin tut sich etwas.

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