https://www.faz.net/-gqe-vw54

Textilindustrie : Gehversuche in Indien

Meterware aus Indien Bild: REUTERS

Indien verspricht für deutsche Textilfirmen gute Geschäfte. Sie wagen die ersten Schritte, müssen aber auch viel Geduld mitbringen. Judith Lembke berichtet aus Indien von der Sonderausstellung „High-Tex from Germany“.

          3 Min.

          Indien bedeutet für Eberhard Brack Verheißung und Bedrohung zugleich. Der Mittelständler aus Württemberg ist als geschäftsführender Gesellschafter von drei Textilherstellern eine gespaltene Unternehmerpersönlichkeit: Für das Traditionsunternehmen Glaeser aus Ulm, das vor allem im Textilrecycling tätig ist, und für die Thüringer Filamente GmbH will er den Subkontinent als neuen Absatzmarkt erschließen. Aus diesem Grund hat er in der vergangenen Woche gemeinsam mit einem indischen Partner eine Tochtergesellschaft in Nordindien gegründet. Für sein drittes Unternehmen, die Märkische Faser GmbH, einen Faserhersteller aus Premnitz in Brandenburg, bedeutet die schnell wachsende indische Textilindustrie hingegen eine unwillkommene Billigkonkurrenz hierzulande.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Wir entwickeln am laufenden Band Faserspezialitäten, aber wir brauchen auch eine Grundauslastung mit Massenprodukten“, stöhnt Brack und verweist auf das Gebiet, auf dem die Zukunft der deutschen Textilhersteller liegt: in den hochinnovativen technischen Textilien, die in fast allen industriellen Anwendungen - von Medizintechnik über Bau bis zu Automobil-, Luft- und Raumfahrtindustrie - zum Einsatz kommen.

          Die Hälfte des Umsatzes mit technischen Textilien

          Technische Textilien sind eine Erfolgsgeschichte in einer Branche, die in den vergangenen Jahrzehnten mit negativen Nachrichten Schlagzeilen machte. Während technische Textilien 1985 einen Anteil von 5 bis 8 Prozent am deutschen Textilumsatz hatten, machen sie mittlerweile mit knapp 6 Milliarden Euro etwa 45 Prozent des Umsatzes der deutschen Textilindustrie aus und haben damit die Heim- sowie Bekleidungshersteller mit einem Anteil von jeweils knapp 30 Prozent überholt. „Schon im kommenden Jahr wird die Hälfte des Textilumsatzes in Deutschland mit technischen Textilien gemacht“, prophezeit Werner Zirnzak, stellvertretender Geschäftsführer des Branchenverbandes IVGT. Er zieht eine Studie des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) heran. Das Institut hat technische Textilien zusammen mit Autoindustrie, Maschinenbau, Regeltechnik und Optik als die Zukunftsbranche in Deutschland ausgemacht.

          Produktion in Indien: Hier Fuß zu fassen, ist nicht leicht

          Dieses Selbstbewusstsein zeigen auch die etwa 50 deutschen Aussteller, die sich nach Mumbai aufgemacht haben, um ihre Produkte in dieser Woche auf der Sonderschau „High-Tex from Germany“ im Rahmen der indischen Textiltage zu präsentieren. Unterstützt mit Mitteln des Bundeswirtschaftsministeriums, versuchen vor allem mittelständische Textilunternehmen auf der Messe Käufer, Partner oder Lieferanten zu finden. Für viele Aussteller sind es die ersten Gehversuche auf dem indischen Markt. Die Nachfrage nach technischen Textilien ist riesig auf dem zweitgrößten Textilmarkt der Welt, denn Infrastrukturprojekte und wachsende Autoindustrie beispielsweise führen zur steigenden Nachfrage. Im Moment beträgt der Umsatz mit technischen Textilien in Indien etwa 6,7 Milliarden Dollar. Schon in drei Jahren könnte er sich verdoppelt haben, schätzen Experten.

          „Wir arbeiten schon seit Jahren mit Indern“

          Martin Schäfer, Geschäftsführer der Filzfabrik Fulda, räumt schnell noch ein paar exotische Süßigkeiten vom Tisch, die seine indischen Partner ihm massenhaft als Gastgeschenke mitgebracht haben. „Wir arbeiten schon seit Jahren mit Indern“, berichtet er. Die Fuldaer Filzfabrik beziehe Stoffe aus Indien, liefere aber auch in den Markt. Unterkragenfilze für die Anzughersteller und Nadelfilze, die als Luftfilter in der Automobilindustrie eingesetzt würden, verkauften sich gut.

          Über reges Interesse für seine Produkte freut sich Peter Funke, Inhaber des Spezialtextilwerkes Funke aus Hof. Als er vor zehn Jahren inmitten des Niederganges der traditionsreichen fränkischen Textilindustrie eine Weberei gründete, hätten ihn zunächst alle für verrückt erklärt, erzählt er. Doch Funke hatte eine besondere Nische im Blick. Er hat Gewebe entwickelt, die Hitze und Abrieb widerstehen; sie sind so geartet, dass sie in der aufwendigen Produktion von Handschuhen verwendet werden können. „Es gibt in Europa wahrscheinlich keinen Feuerwehrhandschuh, in dem nicht meine Textilien stecken“, sagt Funke. Da sich die lohnintensive Handschuhherstellung jedoch zunehmend nach Asien verlagere, habe er sich nun auch auf den Weg nach Indien gemacht. „Ich muss eben dorthin, wo die Handschuhindustrie sitzt“, sagt er. Eine Ausnahme macht Funke jedoch mit China. „In ein Land, wo die Menschenrechte so mit den Füßen getreten werden, gehe ich aus Überzeugung nicht“, sagt er.

          Riesiges Potential

          Größere Unternehmen mögen sich so viel unternehmerischen Idealismus auf Kosten ihres Wachstums nicht leisten. Die Unternehmensgruppe Freudenberg - auf der Messe mit ihrer Vliesstoffsparte vertreten - ist in China ebenso präsent wie in Indien. Vor neun Jahren wurde eine indische Niederlassung gegründet, die etwa hundert Mitarbeiter beschäftigt. Ein Großteil der Umsätze mit Vliesstoffen macht Freudenberg als Zulieferer für die Automobilindustrie.

          Textilien von Freudenberg kommen etwa als Filter- und Einlegestoffe für Bekleidung zum Einsatz; der feuerfeste Stoff „Fireblocker“ wird in die Anzüge der Männer eingenäht, die Formel-1-Rennwagen betanken. Das Engagement als Zulieferer für die Automobilindustrie ist für Freudenberg nach eigenen Angaben der Hauptgrund für den Schritt nach Indien gewesen. Denn die deutsche Autoindustrie, die verstärkt dort produziert, verlangt von ihren Zulieferern, dass sie mitziehen. Indien habe ein riesiges Potential, aber es dauere auch lange, dort Fuß zu fassen, heißt es bei Freudenberg. Erst seit kurzem rentiere sich die indische Niederlassung. Die deutschen Textilmittelständler, die sich nun aufmachten, den neuen Markt zu erobern, müssen viel Geduld mitbringen.

          Weitere Themen

          Was 15-Jährige mal werden wollen

          OECD-Studie : Was 15-Jährige mal werden wollen

          Die Industrieländerorganisation hat Pisa-Daten von 2018 und 2002 verglichen. Das Ergebnis: Die Jobwünsche der Jugendlichen sind nahezu konstant. Doch wird es all diese Berufe in Zukunft noch geben? Die OECD-Fachleute haben Zweifel.

          Trump und Thunberg auf Konfrontationskurs Video-Seite öffnen

          Davos : Trump und Thunberg auf Konfrontationskurs

          Zum Auftakt des Weltwirtschaftsforums in Davos ist der amerikanische Präsident Donald Trump auf Konfrontationskurs zur Klimaaktivistin Greta Thunberg gegangen. „Wir müssen die ewigen Propheten des Untergangs und ihre Vorhersagen der Apokalypse zurückweisen“, sagte er.

          Toyota ruft 3,4 Millionen Autos zurück

          Defekte Airbags : Toyota ruft 3,4 Millionen Autos zurück

          Toyota und Honda rufen wegen technischer Defekte Autos zurück: Toyota 3,4 Millionen, Honda 2,4 Millonen. Europa und Japan sind davon nicht betroffen. Japanische Autohersteller haben Erfahrungen mit solchen Fällen.

          Topmeldungen

          Impeachment-Verfahren im Senat : Scheitern mit Ansage

          Gut zwölf Stunden dauerte der erste Tag des Prozesses gegen Donald Trump im Senat. Dabei ging es nur um die Verfahrensregeln. Die Demokraten stellten lauter Änderungsanträge. Die Republikaner schmetterten alles ab.
          Löst das Welthunger-Problem auch nicht: Ein als Ronald McDonald verkleideter Demonstrant fordert an Eröffnungstag des Weltwirtschaftsforums in Davos, „Eat the Rich“.

          Alles Öko? : Tage der Moralisten

          „Öko“ regiert Davos und die Grüne Woche: Alle ächzen unter der moralischen Last der Bewegung, nicht einmal die Biobauern atmen auf. Denn wer die Welt ernähren will, hat es schwer, die höchsten ethischen Standards zu erfüllen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.