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Skandal um Textilbetriebe : Keine Kontrollen wegen Rassismus-Vorwürfen?

Der Modekonzern Boohoo kündigte eine unabhängige Untersuchung der Vorwürfe an. Bild: AFP

Nach Berichten über illegale Zustände in Textilbetrieben in Leicester vermutet die britische Innenministerin Priti Patel, die Behörden hätten in der Vergangenheit aus „kulturellen Sensitivitäten“ Kontrollen gescheut.

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          In dem Skandal um Textilbetriebe in der mittelenglischen Stadt Leicester, die Hungerlöhne zahlen, hat Innenministerin Priti Patel einen Verdacht geäußert, warum die Firmen nicht besser kontrolliert wurden: Die Behörden hätten Kontrollen aus „kulturellen Sensitivitäten“ gescheut, weil sie Rassismus-Vorwürfe fürchteten bei Ermittlungen in den Betrieben, die „Asiaten“ gehören und viele Immigranten, besonders indische oder pakistanische Näherinnen und Arbeiterinnen zu Hungerlöhnen beschäftigten. So gibt die „Sunday Times“ die Ansicht der Innenministerin wieder, die selbst aus einer indischen Einwandererfamilie stammt.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Patel zog sogar einen Vergleich zum Skandal des massenhaften sexuellen Missbrauchs von Mädchen und jungen Frauen durch überwiegend pakistanische Gangs in Rotherham und anderen Städten, der über viele Jahre nicht gestoppt wurde, auch weil Sozialbehörden und Polizei wegen Rassismus-Vorwürfen wegsahen.

          Eine Undercover-Recherche der „Sunday Times“ hat vor einer Woche illegale Zustände in Textilindustrieunternehmen in Leicester aufgedeckt und eine nationale Debatte über „moderne Sklaverei“ angestoßen. Die Arbeiter in dem Betrieb Jaswal Fashions, einen Zulieferer des Modekonzerns Boohoo, bekommen laut dem Bericht nur 3,50 bis 4 Pfund Stundenlohn gezahlt. Der gesetzlich vorgeschriebene Mindestlohn liegt bei 8,72 Pfund. Außerdem werden laut dem Bericht in den Fabriken, die Textilien bearbeiten und verpacken, die gesetzlichen Abstandsregeln zum Schutz vor Corona-Ansteckungen nicht eingehalten. Es gab mehrere Fälle von Viruserkrankungen.

          „Die lokalen Behörden wissen seit Jahren, dass diese Ausbeuterbetriebe existieren“

          Schon 2015 hatte eine Studie der Universität Leicester über „endemische“ Mindestlohn-Verstöße berichtet. Die Ende 2019 neu gewählte Labour-Abgeordnete für den Wahlkreis Ost-Leicester, Claudia Webbe, hat im Parlament im März Stundenlöhne von nur 3 Pfund in mehreren Textilfabriken in der alten Industriestadt in den Midlands angeprangert. Sie berichtet von anonymen Hinweisen von Arbeitern und Arbeiterinnen, die sogar weniger als 3 Pfund in der Stunde erhielten. Es geschehe aber nichts. Der Polizeibeamte Raj Mann, der den Kontakt mit indischen Sikh-Gemeinden hält, berichtet von einer Clique von Textilfabrikanten, die sich gegenseitig billige Arbeiter zuschieben und vor Razzien gewarnt werden.

          Die britsche Innenministerin Priti Patel
          Die britsche Innenministerin Priti Patel : Bild: dpa

          „Die lokalen Behörden wissen seit Jahren, dass diese Ausbeuterbetriebe existieren, aber sie tun nichts aus Angst, dass man ihnen vorwirft, dass sie die Immigranten- und Flüchtlingsgemeinden aufs Korn nehmen“, ließ sich Raj zitieren. Nun ermitteln mehrere Behörden wegen mutmaßlichen Verstößen gegen den „Modern Slavery Act“.

          Der Modekonzern Boohoo hat abgestritten, dass es in die ausbeuterischen Praktiken involviert sei. Boohoo ist dennoch nun mit in den Strudel der Negativschlagzeilen gekommen. Der Aktienkurs des 2006 gegründeten und rasant gewachsenen Unternehmens für billige Kleider ist in der vergangenen Woche zeitweilig um mehr als 30 Prozent abgestürzt. Der Börsenwert fiel um mehr als eine Milliarde Pfund. Boohoo kündigte eine unabhängige Untersuchung der Vorwürfe an.

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