https://www.faz.net/-gqe-a3a23

Teurer Abzug aus Niederlande : Ein kühner Plan gegen Unilever

Die Unilever-Zentrale in Rotterdam Bild: AFP

Unilever will seine Ko-Zentrale in Rotterdam schließen – und würde damit die niederländische Unternehmenswelt auf den Kopf stellen. Doch der Umzug könnte für den Konzern teuer werden.

          3 Min.

          Am 21. September sollen Unilever-Aktionäre zu einem unpatriotischen Akt schreiten. Nicht in persona, denn der Konsumgüterhersteller hat die anstehende außerordentliche Hauptversammlung des niederländischen Konzernteils gerade zu einer virtuellen herabgestuft, unter Berufung auf Corona. Aktionäre der Unilever N.V. in Rotterdam können nicht mehr live abstimmen, nur noch elektronisch vorab. Dabei gäbe es Historisches zu besprechen: Das Management will den niederländischen Teil des Doppelkonzerns und damit die Ko-Zentrale in Rotterdam aufgeben – es will künftig nur noch von London aus regieren. Maßgeblich dürfte das steuerlich motiviert sein.

          Klaus Max Smolka

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Stimmen die Anteilseigner mehrheitlich zu, wäre das ein Schlag für die heimische Konzernwelt. Der Hersteller von Rexona-Deos, Omo-Waschmitteln und Knorr-Suppen formt mit Shell das Duo der niederländisch-britischen Großkonzerne, das bis vor kurzem die heimische Unternehmenswelt dominierte. Erst kürzlich wurde es im Börsenwert überflügelt durch den Chipmaschinenhersteller ASML, dessen Aktienkurs und damit Marktkapitalisierung durch die Decke schießen. Am 12. Oktober sollen Aktionäre der britischen Unilever plc der Vereinigung beider Konzernteile zustimmen, eine einheitliche plc-Aktie soll am 23. November das Doppelkonstrukt ersetzen.

          Auch Shell zündelt

          Nachdem Unilever im Juni den Plan inklusive Wegzug aus Rotterdam bekanntgegeben hatte, begann auch Shell zu zündeln. Vorstandschef Ben van Beurden sprach in einem Interview von einer „Option“, den niederländischen Teil aufzugeben. Konkrete Pläne gebe es nicht, aber: „Nichts ist dauerhaft, und natürlich schauen wir auf das Standortklima.“

          Die Reaktionen in den Niederlanden waren zunächst überraschend gelassen – dabei gab es im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts noch eine muntere Debatte über den Ausverkauf niederländischer Unternehmen. Die Besatzung in der Unilever-Verwaltung in Rotterdam ist nicht allzu groß, aber in Zentralen fallen Entscheidungen, und der Einfluss der Niederlande sänke.

          Grüner will Rechnung ausstellen

          Ein Parlamentarier will den Wegzug Unilevers aber doch noch verhindern. Per Gesetz, und er erhält dabei wohlwollende Reaktionen aus verschiedenen politischen Richtungen. Der Abgeordnete Bart Snels von den oppositionellen Grünen will Konzernen, die in steuergünstigere Länder abwandern, eine Schlussrechnung präsentieren. Das sieht er im vorliegenden Fall gegeben, denn auf die N.V.-Aktien in den Niederlanden fällt eine Dividendensteuer an, auf plc-Aktien in England nicht – ein entscheidender Unterschied aus Investorensicht, auch wenn manche einen Ausnahmestatus genießen oder sich die Steuer erstatten lassen können.

          Die Gesetzesinitiative sieht vor, dass Unternehmen abhängig von ihrer Größe einen Teil einbehaltener Gewinne zahlen sollen. Das Vorhaben ist zur Prüfung an ein Beratungsorgan der Regierung gegangen, den Staatsrat. Der hat Snels inzwischen mit seiner Expertise geantwortet, wie eine Sprecherin des Abgeordneten der F.A.Z. sagte. Wie diese Antwort ausfiel, dürfe sie wegen börsenrelevanter Informationen nicht sagen. Üblicherweise passen Abgeordnete in so einem Fall ihren Vorschlag mindestens in Details an.

          Weitere Themen

          Alle wichtigen Fakten zum BER Video-Seite öffnen

          Langer Anlauf, lange Eröffnung : Alle wichtigen Fakten zum BER

          Die Eröffnung wurde immer wieder verschoben, und die Kosten explodierten – der neue Berliner Flughafen sorgte über Jahre für Negativschlagzeilen. Mit neun Jahren Verspätung geht der Flughafen „Willy Brandt“ vor den Toren der Hauptstadt nun in Betrieb.

          Topmeldungen

          Präsident Donald Trump am 10. Oktober auf dem Balkon des Weißen Hauses

          Druck auf Impfstoff-Hersteller : Trump im Nacken

          Der amerikanische Impfstoffhersteller Pfizer steht bei der Suche nach einem Corona-Impfstoff an vorderster Front. Konzernchef Bourla spürt viel Druck aus dem Weißen Haus, vor der Wahl gute Nachrichten zu liefern.
          Biden-Unterstützerin bei einer Rally in der Kleinstadt Boca Raton, Florida

          Wählergruppe der Suburban Moms : Was Vorstadtmütter wirklich wollen

          Weiße Frauen der oberen Mittelschicht sind in Amerika eine umkämpfte Wählergruppe. Aber Donald Trumps Vorstellung einer Mutter aus der Vorstadt stammt aus den Fünfzigern – das könnte ihn diese wichtigen Stimmen kosten.

          Zum Tod des Schauspielers : Der höfliche Mister Connery

          Sean Connery wirkte dank seines Körpers rauh und barbarisch, doch er konnte auch zivilisiert auftreten. Um zu überzeugen, musste er stets nur er selbst sein. Mit 90 Jahren ist er nun gestorben.
          Unbedrängt bis vor das Kölner Tor: Münchens Serge Gnabry hat es leicht.

          Fußball-Bundesliga : Der FC Bayern macht, was er will

          Auch ohne Starstürmer Robert Lewandowski ist der FC Bayern derzeit nicht aufzuhalten. In Köln gibt es die nächsten drei Punkte – auch weil dem Gegner teilweise haarsträubende Fehler unterlaufen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.