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Teuerster Fernsehfilm des Jahres : Ein bisschen Hollywood für RTL

Einer der „Helden“: Hannes Jaenicke bahnt sich im RTL-Katastrophenfilm den Weg durch ein Deutschland im Ausnahmezustand Bild: RTL/Ennenbach

„Helden“ wird der teuerste Fernsehfilm 2013. Die Sender setzen auf solche Eigenproduktionen. Produzenten wie Dreamtool und Filmfinanzierer wie die Commerzbank wittern ein gutes Geschäft. Doch ohne Risiko ist es nicht.

          Nicht nur der Reichstag ist eine Ruine. Ganz Berlin liegt in Trümmern, nachdem ein Nachrichtensatellit eingeschlagen ist. Flugzeuge stürzen vom Himmel, die Kommunikation bricht zusammen. „Helden“ heißt das Menschheitsdrama der Neuzeit, mit vielen Stars opulent in Szene gesetzt, das der Privatsender RTL in diesem Herbst ausstrahlen wird.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Es ist der teuerste Fernsehfilm des Jahres. Das Schauspieler-Ensemble liest sich wie das Who‘s who? des deutschen Fernsehens: Christiane Paul, Hannes Jaenicke, Christine Neubauer, Armin Rohde, Yvonne Catterfeld, Heikko Deutschmann.

          „Das ist deutsches Fernsehen, aber auf Weltklasse-Niveau“, sagt Felix Zackor, der Geschäftsführer der Produktionsgesellschaft Dreamtool Entertainment. Vermeintliches Weltklasse-Niveau ist Marktführer RTL viel wert, schließlich ist deutsche Fiction beim Zuschauer gefragt, sichert hohe Einschaltquoten und ausgebuchte Werbeplätze. 8 Millionen Euro kostet „Helden“, viermal so viel wie ein normaler Fernsehfilm vom Format eines „Tatort“ der ARD.

          „Immer ein wirtschaftliches Risiko“

          Nach Minutenpreisen gerechnet, ist das 140-Minuten-Spektakel so teuer wie der ZDF-Dreiteiler „Adlon“, der zum Jahresauftakt 10 Millionen Zuschauer hatte. Über den Trend zu mehr Eigenproduktionen freuen sich Filmemacher wie die Dreamtool Entertainment aus München, an der der frühere Kirch-Manager Jan Mojto beteiligt ist. „Bermuda-Dreieeck Nordsee“ und „Die Jagd nach der Heiligen Lanze“ waren die jüngsten Produktionen, die recht erfolgreich bei RTL liefen.

          Eine Garantie sei das im schnelllebigen Filmgeschäft nicht, gibt Zackor zu: „Eine Filmproduktion ist immer ein wirtschaftliches Risiko, erst recht wenn es ein so riesiges, so außergewöhnliches Projekt wie ,Helden‘ ist.“ Da trifft es sich gut, dass es in Deutschland genügend Filmfördergesellschaften gibt. Fast jedes Bundesland besitzt eine solche.

          Und „Helden“ wurde gleich von fünf regionalen Filmförderern mit 3 Millionen Euro subventioniert. Hinzu kamen weitere 800.000 Euro aus Österreich. Dreamtool sicherte den Förderern zu, in den jeweiligen Ländern zu drehen. Natürlich beteiligt sich auch RTL in nicht genannter Höhe. Zackors Produktionsfirma ist ebenfalls ins Risiko gegangen.

          Zum Drehstart weitgehend gegenfinanziert

          Viele Banken haben sich dagegen aus dem Filmgeschäft verabschiedet. Nicht so die Commerzbank, die in der Branche bevorzugt Zwischenfinanzierungen übernimmt - wie für „Helden“. „Für unser Haus war es eine weitgehend risikolose Finanzierung. Wir kannten die Abnehmer und den Track Record der Produzenten und haben die Kreditentscheidung innerhalb von drei Tagen getroffen“, sagt Risikomanager Guido Vos, der bei der Commerzbank ein Team mit 80 Mitarbeitern führt. Zum Drehstart im August war „Helden“ dank Vorabverkäufen im Ausland weitgehend gegenfinanziert.

          Vorfinanzierungen über vertraglich fixierte Sendergelder, öffentliche Filmfördermittel oder Garantien aus Vorabverkäufen sind die Idealfälle für Banken. Der Finanzmarkt für Fernsehproduktionen hat in Deutschland ein Volumen zwischen 1 und 1,5 Milliarden Euro. Marktführer ist die DZ Bank, die es nach eigenen Angaben auf einen Anteil von 60 Prozent bringt. Neben der staatseigenen KfW-Bankengruppe tummeln sich auch die Hypovereinsbank und große Sparkassen in der Glamourbranche.

          Keine andere Bank hat sich ein so ehrgeiziges Wachstumsziel gesetzt wie die Commerzbank, die bislang jedes Jahr 30 bis 35 Produktionen mit einem Gesamtvolumen zwischen 100 und 150 Millionen Euro finanziert hat. „Unser Ziel ist es, bis 2016 unseren Marktanteil in der Filmfinanzierung auf 30 Prozent zu verdoppeln“, sagt Vos. Damit würde die Bank deutlich stärker wachsen als der etwa 3,5 Milliarden Euro schwere Markt für Auftragsproduktionen.

          Finanzierungsvolumen von 300 Millionen

          80 Fernsehproduktionen mit einem Finanzierungsvolumen von 300 Millionen Euro jedes Jahr, heißt das für die Commerzbank. Um näher an den Produzenten zu sein, hat die Bank seit Mitte des vergangenen Jahres ein neues, dreiköpfiges Team in München zusammengestellt, neben den schon länger bestehenden in Berlin, Hamburg und Köln. Es soll Kunden wie Zackors Dreamtool betreuen und neue Projekte akquirieren.

          Dass sich andere Banken aus dem Geschäft zurückgezogen haben, kann Vos aus Ertrags-und Risikoperspektive nicht nachvollziehen: „Die Margen sind durchschnittlich so hoch wie bei jedem anderen Mittelstandskredit, aber die Ausfallraten waren in den letzten fünf Jahren deutlich niedriger.“ Allerdings, fügt Vos hinzu, sei die Filmfinanzierung ein sehr persönliches Geschäft, in dem langjährige Beziehungen hilfreich seien.

          Obwohl erst 39 Jahre alt, ist Zackor schon lange im Geschäft. Entsprechend gut sind seine Beziehungen zu Geldgebern wie der Commerzbank. Gemeinsam mit seinem Studienfreund Stefan Raiser machte sich Zackor gleich nach dem Examen 1999 selbständig. Drei Jahre später war das erste, 1,5 Millionen Mark teure Projekt abgedreht, damals finanziert von der Kreissparkasse Ludwigsburg. „Unser erstes Fernsehspiel ,Nicht Fisch, nicht Fleisch‘ hat die Kritiker überzeugt. Für uns als junge Produzenten sicher ein Erfolg, wenngleich in viel bescheideneren Dimensionen“, berichtet Zackor.

          Die Ansprüche an „Helden“ sind ungleich größer: Eine Einschaltquote von mindestens 20 Prozent bei den jüngeren Zuschauern dürfte RTL erwarten. Schließlich verspricht der Katastrophenfilm „Weltklasse-Niveau“ - ein bisschen Hollywood aus München. Sollte der Film beim Zielpublikum durchfallen, dürfte es Dreamtool beim nächsten Projekt dieser Größenordnung gewiss schwerer haben - trotz der persönlichen Kontakte und des „Track Record“ seiner Produzenten.

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