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Klebstoff für Handtuchhalter : Tesa will das Bohren ersparen

Gutes Wachstumsfeld: Tesa bringt Klebesysteme für das Badezimmer in die Baumärkte – und verkauft Sanitärprodukte gleich mit. Bild: dpa

Der Klebstoffhersteller plant, neue Produkte in die Baumärkte zu bringen. Auch im Geschäft mit der Autoindustrie sieht er große Chancen.

          3 Min.

          Wer in einer Mietwohnung lebt, kennt diese Schwierigkeit. Neue Seifenhalter oder Handtuchhaken fürs Bad sollen her, doch ohne durch die Fliese zu bohren, lassen sich diese Alltagshelfer kaum anbringen. Der Klebstoffhersteller Tesa will jetzt Abhilfe schaffen. Er bringt ein System in die Baumärkte, das komplett ohne Schrauben funktioniert. Die zugehörige Klebetechnik hat Tesa nicht selbst entwickelt. Sie kommt vom Unternehmen „Nie wieder Bohren“ aus Hanau, das Tesa 2017 übernommen hatte. Die passenden Sanitärprodukte, vom Schminkspiegel bis zum Zahnputzbecher, holt sich Tesa von Auftragsfertigern und verkauft sie gleich mit. Der Vorstandsvorsitzende Robert Gereke verspricht sich davon sehr viel. „Damit steigen wir in ein ganz neues Marktsegment ein“, ist er überzeugt.

          Christian Müßgens

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Mit dem Vorstoß will Tesa seine Konsumgütersparte stärken, die das Herz und die Keimzelle des international bekannten Markenartiklers aus Norderstedt bei Hamburg bildet. Zwar läuft das Geschäft mit Produkten wie dem Tesafilm oder den Klebestiften insgesamt gut; 2017 ist der Umsatz in diesem Segment um gut 5 Prozent auf 527 Millionen Euro gestiegen. Doch der wachsende Wettbewerb, besonders durch billige Eigenmarken der Handelsketten, zwingt den Konzern dazu, seine Produktpalette laufend durch Neuheiten zu ergänzen, die es nur von Tesa gibt. Das Badezimmer sei dafür ein gutes Wachstumsfeld, sagte er. Schließlich wachse der Markt für Bad-Accessoires, die Kunden im Baumarkt kaufen und dann selbst an der Wand anbringen, schon seit Jahren und habe allein in Deutschland ein Volumen von 140 Millionen Euro.

          Standardkleber für die neueste Smartphone-Generation

          Die Artikel für Endverbraucher sind eine wichtige Säule des Geschäfts. Große Wachstumssprünge macht Tesa, eine Tochtergesellschaft des Nivea-Konzerns Beiersdorf, aber im Moment auf anderen Gebieten. So beliefert das Unternehmen große Elektronikhersteller wie Apple und Samsung mit speziellen Klebemitteln für die Produktion von Smartphones und Tablet-Computern – ein Geschäft, das 2017 um rund 32 Prozent zugelegt hat. Tesa habe eine Reihe neuer Klebemittel entwickelt, die gleich mehrere große Hersteller zum Standardkleber für ihre neueste Smartphone-Generation gemacht hätten, sagte Gereke auf der Bilanzpressekonferenz in Hamburg. Damit sei Tesa wieder in die Offensive gekommen, nachdem das Geschäft mit den Elektronikkonzernen über Jahre geschwächelt hatte.

          Auch in der Autoindustrie ist das Unternehmen vertreten und hat im vergangenen Jahr den Marktanteil gesteigert. Tesa produziert unter anderem Klebstoffe, mit denen sich Fensterscheiben, Zierleisten oder Sensoren am Fahrzeug befestigen lassen. Zudem brauchen große Autohersteller und ihre Zulieferer spezielle Kleber von Tesa, um die wachsende Menge von digitalen Displays für das Auto herzustellen und anzubringen – ein Segment, in dem es zunehmend Überschneidungen mit den Produkten für die Smartphone-Hersteller gibt.

          Insgesamt ist das Geschäft mit der Autobranche im vergangenen Jahr um gut 13 Prozent gewachsen. Gemeinsam mit den Produkten für die Elektronikkonzerne erreichte die Industriesparte von Tesa damit einen Umsatz von 725 Millionen Euro nach 640 Millionen im Jahr zuvor.

          Chancen durch die Digitalisierung der Autotechnik

          In Summe hat der Tesa-Konzern im vergangenen Jahr fast 1,3 Milliarden Euro umgesetzt, ein knappes Zehntel mehr als 2016. Die operative Umsatzrendite lag bei 16,5 Prozent, womit das Unternehmen über der Marge des Mutterkonzerns Beiersdorf von zuletzt 15,4 Prozent lag. Für das laufende Jahr dämpfte Gereke die Erwartungen. In vielen Teilen der Welt sei die politische Lage unsicher, sagte er. Zudem werde die Nachfrage aus der Auto- und der Elektronikindustrie nicht mehr ganz so stark wachsen wie im Jahr zuvor. Tesa habe sich vorgenommen, in diesem Umfeld ein Umsatzplus von 3 bis 4 Prozent zu erreichen und eine Rendite zu erwirtschaften, die nur knapp unter dem Wert des Vorjahres liegen soll.

          Chancen sieht er in der Elektrifizierung und Digitalisierung der Autotechnik. In einem mit moderner Elektronik ausgestatteten Auto könnten bis zu 100 verschiedene Klebe-Anwendungen verbaut sein, sagte er. Um davon einen möglichst großen Teil für sich zu gewinnen, will er in die Forschung investieren und neue Produkte entwickeln. Auch Zukäufe sollen den Konzern voranbringen, nicht nur im Geschäft mit der Autobranche, sondern auch in den anderen Sparten. Dabei habe es Tesa nicht auf große Akquisitionen, sondern auf kleine und mittelgroße Spezialisten abgesehen, die bestehende Geschäfte ergänzten.

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