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Nach Haubs Verschwinden : Wie geht es weiter mit Tengelmann?

Wer soll die Unternehmensgruppe nun weiterführen? Die Tengelmann-Zentrale in Mülheim an der Ruhr. Bild: dpa

Nach dem Verschwinden von Karl-Erivan Haub braucht die Unternehmensgruppe Tengelmann eine neue Leitfigur. Doch wer könnte seine Nachfolge antreten?

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          Auf dem jährlich veranstalteten Tengelmann Ventures E-Day, einem großen Stelldichein der Branche auf dem Mülheimer Firmengelände, war Karl-Erivan Haub stets in seinem Element. Dann fuhr er im Tesla vor, kam ohne Krawatte und trug Jeans und Sneaker. Denn das war das große Anliegen des langjährigen Tengelmann-Chefs: die Trends der Zukunft zu erkennen und die Gruppe fit zu machen für die sechste Generation.

          Christine Scharrenbroch
          Freie Autorin in der Wirtschaft.

          Der im Jahr 2000 an die Spitze von Tengelmann gerückte Haub stellte eine Leitfigur für das 150 Jahre alte Mülheimer Traditionsunternehmen dar. Er war wie sein Vater der Mann mit dem Unternehmer-Gen. Und er war derjenige, der die verschiedenen Interessenlagen der Familie auszutarieren wusste. Sein Verschwinden im Gletschergebiet am Matterhorn reißt also eine riesige Lücke. Wer soll den großen Handelskonzern mit rund 30 Milliarden Euro Umsatz führen?

          Bisher hat sich sein jüngster Bruder Christian, wie Karl-Erivan geschäftsführender Gesellschafter, an die Mitarbeiter gewandt: „Unser Familienunternehmen ist solide aufgestellt und verfügt über ein stabiles und erfahrenes Führungsteam, sowohl in der Holding als auch in den Geschäftsfeldern“, bemühte er sich um eine Beruhigung der Belegschaft. Zugleich bat er darum, den Tagesaufgaben ruhig und besonnen nachzugehen.

          Die nächste Generation ist noch jung

          Zumindest kurzfristig dürfte dem von Unternehmenskennern als sehr sympathisch beschriebenen 53-Jährigen die Rolle zukommen, die sein älterer Bruder ausgefüllt hat. Für einen Konzern, der ein Familienunternehmen bleiben möchte, wäre dies ein logischer Schritt. Allerdings hat Christian Haub seinen Lebensmittelpunkt seit vielen Jahren in Amerika, wo er sich um die im Vergleich zu den europäischen Aktivitäten deutlich kleineren unternehmerischen Engagements der Familie kümmert.

          Der mittlere Bruder Georg war nie direkt mit operativen Handelsthemen befasst, er kümmert sich mehr um Immobilieninvestments. Die nächste Generation, es ist die sechste, ist noch recht jung: Der Sohn und die Tochter von Karl-Erivan, ein Zwillingspaar, auf das der Vater sicherlich große Hoffnungen gesetzt hat, sind erst Mitte zwanzig.

          Seit dem endgültigen Ausscheiden des damals 80-jährigen Vaters Erivan Haub aus dem Beirat vor fünf Jahren gehören diesem wichtigen Aufsichtsgremium ausschließlich familienfremde Mitglieder an. Sich als Unternehmer der Aufsicht durch einen unabhängigen Beirat zu stellen, zählte für Karl-Erivan Haub zur nachhaltigen Unternehmensführung. Entsprechend ist das Gremium kompetent mit auf ihren Spezialgebieten jeweils erfahrenen Mitgliedern besetzt, unter anderem gehört ihm der langjährige Edeka-Chef Alfons Frenk an.

          Sollte sich die verzweigte Familie dafür entscheiden, zum reinen Family-Office zu werden und ein Family-Equity-Modell à la Haniel zu wählen, wäre eine mögliche Konsequenz, zumindest vorübergehend auch die Führungsspitze mit externen Mitgliedern zu besetzen. In den Unternehmensbeteiligungen, wie der Baumarktkette Obi, dem Textildiscounter Kik und dem Nichtlebensmittel-Nahversorger Tedi, sind ebenfalls familienfremde Manager am Ruder. Bislang hat sich Tengelmann noch nicht zur Nachfolge von Karl-Erivan Haub geäußert.

          An 50 Online-Start-Ups beteiligt

          Der in Tacoma bei Seattle geborene Verunglückte hat den Familienkonzern stark geprägt. Durch den wettbewerbsrechtlich umstrittenen Verkauf der Supermarktkette Kaiser’s Tengelmann an Edeka und Rewe kappte er die Wurzeln des einst als Kolonialwarenhandlung gegründeten Unternehmens. Stattdessen investierte Haub als einer der Ersten seiner Branche in den Online-Handel und unterstützte etwa den Modehändler Zalando schon zu einem Zeitpunkt, als dieser noch weitgehend unbekannt war. Auch den Nachwuchs verlor er dabei nicht aus dem Blick. Im vergangenen Herbst stiftete Haub eine Professur für E-Commerce an der Hochschule Ruhr West, um Fachkräfte für den Internethandel zu fördern. Für die Entwicklung des Landes sei es essentiell, junge Menschen zu ermutigen, später in diesem Metier tätig zu werden.

          Den frühen Aufbruch in die digitale Welt habe er seiner Mutter Helga zu verdanken, berichtete Haub einst auf dem E-Day. Als ständiger Gast im Beirat stärkte sie ihrem „Charly“ gegen die Vorbehalte anderer Mitglieder den Rücken für die Investments. Auf dem Podium des Branchentreffens berichtete die alte Dame, sie habe sich erst spät mit der neuen Technik vertraut gemacht. Nun sei ihr iPad wie der neue Boyfriend, der morgens als Erster und abends als Letzter befragt werde.

          Über die deutsche Gesellschaft Tengelmann Ventures ist die Gruppe heute an rund 50 Internetgründungen beteiligt. Neben Zalando zählen dazu der Essenslieferdienst Delivery Hero, der Fahrdienst Uber, die Wohnaccessoires-Plattform Westwing, der Uhrenhändler Chronext, der digitale Krankenversicherer Ottonova und der Online-Bezahldienst Klarna. Über die amerikanische Wagniskapitalgesellschaft Emil Capital Partners ist Tengelmann bei weiteren 27 Neugründungen aus den Vereinigten Staaten, Kanada und Israel wie Amour Vert (nachhaltige Kleidung), Bare Snack (Früchtesnacks) oder Whistle Sport (Online-Sportportal für Kinder) engagiert.

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