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Tengelmann-Streit : Die Front gegen die Supermarktfusion bröckelt

Norma zieht seine Klage gegen den Verkauf von Kaiser’s Tengelmann zurück. Bild: dpa

Norma zieht seinen Einspruch gegen den Verkauf von Kaiser’s Tengelmann an Edeka zurück, ein anderes Unternehmen könnte folgen. Dann sähe es für Rewe düster aus.

          Da waren es nur noch zwei: Völlig überraschend hat der Discounter Norma seine Beschwerde gegen die Ministererlaubnis für den Verkauf von Kaiser's Tengelmann an Edeka zurückgenommen. Er habe sich mit dem Vorstand der Norma „verständigt“, ließ Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub mitteilen. Norma sprach zwar von weiterhin bestehenden kartellrechtlichen Bedenken. „Im Sinne und zum Wohle der Beschäftigten“ habe man sich aber zu diesem Schritt entschieden. Nun stehen noch die Einsprüche von Rewe und Markant der Übernahme im Wege. Doch wie gerüchteweise zu hören ist, denkt auch Markant über einen Rückzieher nach. Das Unternehmen selbst äußerte sich dazu zunächst nicht. Für Alain Caparros, den Vorstandsvorsitzenden der Kölner Rewe, würde es noch unangenehmer: Er wäre völlig isoliert und hätte den schwarzen Peter für die drohenden Stellenstreichungen allein in der Hand.

          Helmut  Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Brigitte Koch

          Wirtschaftskorrespondentin in Düsseldorf.

          Haub jedenfalls macht sich Hoffnungen, dass es doch noch zu einer „zeitnahen Gesamtübernahme“ seiner rund 450 Supermärkte mit gut 15.000 Beschäftigten durch die Hamburger Edeka-Genossen kommen wird. „Die soziale Verantwortung gebietet es, einer solchen Lösung nicht im Wege zu stehen, wenn die daraus entstehenden möglichen Nachteile anderweitig ausgeglichen werden können. Dies ist uns gelungen, und ich hoffe, dass dies auch mit den beiden übrigen Beschwerdeführern gelingt“, sagte er. Bei Rewe zumindest sieht es danach allerdings nicht aus. Knallhart, und nicht nur einmal, sondern immer wieder, hat Caparros klargestellt, dass es ihm nicht um Geld gehe, sondern um strategische Wachstumsoptionen, also Filialen.

          Zu unserem Interview mit Rewe-Chef Caparros geht es hier entlang.

          Denn Rewe will sich vom Branchenprimus Edeka nicht noch weiter abhängen lassen. „Mit Kaiser's Tengelmann wird Edeka zum Monopolisten in Berlin und in München. Das können wir nicht dulden“, hat Caparros im Gespräch mit der F.A.Z. gesagt. Zu einem Rückzug seien die Kölner nur dann bereit, wenn sie die Kaiser's-Tengelmann-Filialen in Berlin bekämen und zusätzlich einen großen Teil des Netzes an Rhein und Ruhr. Hinter diese Position kann Caparros nicht zurück – jedenfalls nicht, ohne seinen Ruf und seine Glaubwürdigkeit zu verspielen. Oder Edeka und Tengelmann müssten sehr tief in die Taschen greifen, um ihm eine goldene Brücke zu bauen. Die unerwartete Wendung in dem Tauziehen habe an der Rewe-Position nichts geändert, hieß es aus Köln. Dort sieht man nun erst recht Bedarf für einen Mediator, der versucht, doch noch eine Kompromisslösung herbeizuführen.

          Heillos zerstrittene Beteiligte

          Auch Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) ruft nach einem solchen Schlichter. Doch der mit der Suche nach einem dafür geeigneten Kandidaten beauftragte Verdi-Vorsitzende Frank Bsirske kommt bei seinen Bemühungen anscheinend nicht recht weiter. Bisher gibt es keinerlei Anzeichen dafür, dass es gelingt, die heillos zerstrittenen Beteiligten wieder an einen Tisch zu bringen. Über den Inhalt der Verständigung zwischen Tengelmann und Norma schweigen sich die beiden Unternehmen aus. In Branchenkreisen wird vermutet, dass es auf eine Mischung aus Abstandszahlungen, Vorkaufsrechten und Sonderkonditionen für Kaiser's-Tengelmann-Filialen hinausläuft. Einen Hinweis auf mögliche Größenordnungen liefert das Protokoll des Krisengipfels vom 6. Oktober, bei dem Edeka, Tengelmann, Rewe, Norma und Markant sich auf Eckpunkte einer Gesamteinigung verständigt hatten: „Norma wird im Volumen von ,wirtschaftlich gesunden' Bruttoumsätzen von 150 Millionen Euro befriedigt und zieht auf dieser Grundlage alle Rechtsmittel gegen die Ministererlaubnis zurück“, heißt es darin. Im Klartext: Auch die bisher vor allem in Süddeutschland stark vertretene Norma-Kette hätte ihr Netz mit Filialen von Kaiser's Tengelmann verstärken können.

          Markant geht es in erster Linie darum, eine Entschädigung für das Ausscheiden von Kaiser's Tengelmann aus seinem Einkaufsverbund durchzupauken. Dem Verbund gehören mehrere große Ketten an, darunter unter anderem Kaufland, Real, Tegut/Migros und Globus. Aus den Eckpunkten ist bekanntermaßen nichts geworden: Vor genau einer Woche waren die Gespräche abgebrochen worden, weil man sich nicht über Bewertungsfragen, Kaufpreise und Rechtsrisiken einig wurde. In Nordrhein-Westfalen holt Haub schon Angebote für seine Filialen ein. Seine vermutlich nicht ganz billigen Zugeständnisse und Lockrufe in praktisch letzter Minute lassen erahnen, was die Ministererlaubnis für den Komplettverkauf an Edeka wert sein muss.

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