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Tegut-Übernahme : Schweizer im Öko-Supermarkt

  • -Aktualisiert am
Tegut-Filiale in Fulda
          2 Min.

          Bisher ist Herbert Bolliger in Deutschland vor allem dadurch aufgefallen, dass er die Konkurrenz beschimpfte. Der Chef der Schweizer Supermarkt-Kette Migros wetterte im Jahr 2009 zum Markteintritt von Lidl in der Schweiz: „Darf ich bei Lidl einkaufen? Jetzt, wo uns der deutsche Finanzminister Steinbrück auf der schwarzen Liste hat.“ In Anspielung auf Peer Steinbrücks Vergleich der Schweizer mit Indianern, denen die deutsche Kavallerie droht, ergänzte Bolliger: „Ich weiß nicht mal, ob ich als Indianer bei Lidl mein Pferd anbinden kann!“

          Offenbar hat Bolliger den Markteintritt deutscher Discounter in der Schweiz als Angriff betrachtet. Jetzt schlagen die Indianer zurück: Migros Zürich kauft in Deutschland zu. Die Genossenschaft erwirbt die Supermarktkette Tegut mit 290 Filialen im Umkreis von 150 Kilometer rund um den Firmensitz Fulda. Von Januar an gehört der Familienbetrieb zum Migros-Imperium.

          „Die größte Akquisition, die wir je gemacht haben“

          Der Häuptling bei der Übernahme ist aber nicht Bolliger, sondern der Chef von Migros Zürich, Jörg Blunschi. Der kennt sich aus in Deutschland, hat er doch einst bei Migros Basel an der deutschen Grenze gearbeitet und dort den Ableger Migros Deutschland geleitet.

          Schon Ende August gab Blunschi die Kooperation mit dem deutschen Bio-Händler Alnatura bekannt. Der Chef von Alnatura, Götz Rehn, ist wiederum gut bekannt mit den Eignern von Tegut, der Familie Gutberlet. So erfuhr Blunschi, dass Tegut Schwierigkeiten hat, und brachte sich ins Gespräch. Auch Rewe war an Tegut interessiert, weiß Blunschi, aber er machte das Rennen - und ist ziemlich stolz: „Das ist die größte Akquisition, die wir je gemacht haben.“

          Dass Blunschi bei diesem Deal den Häuptling gibt und nicht Migros-Chef Bolliger, liegt an der ungewöhnlichen Konstruktion der Kette. Sie besteht aus mehreren Regionalgenossenschaften, die recht eigenständig agieren und selbst bestimmen, wie sie ihre Gewinne verwenden. Darüber sitzt der Migros-Genossenschaftsbund, der bei vielen Themen nichts zu sagen hat. „Wir Schweizer haben es eben nicht so mit Königen und Fürsten“, erklärt Blunschi das komplizierte Konstrukt. Selbstverständlich hat er sich aber mit Herbert Bolliger abgesprochen. Der war, als er im Mai erstmals davon hörte, nicht so begeistert. „Er hat gesagt, das sei mutig“, erzählt Blunschi, habe aber sein Okay gegeben.

          Einige Filialen schließen, andere werden aufgemotzt

          Mutig ist die Übernahme in der Tat - wenn man nur auf die Migros Zürich schaut. Mit rund drei Milliarden Euro Umsatz ist sie nämlich noch nicht einmal dreimal so groß wie Tegut. Trotzdem betonen die Genossen, dass sie sich Tegut leisten können - und haben große Pläne mit ihrem neuen deutschen Ableger. Den Namen Tegut soll er behalten, die Filialen sollen sich aber verändern. Einige werden geschlossen, andere aufgemotzt. Zudem finden die Deutschen bei Tegut künftig auch Migros-Produkte. Die Migros-Eigenmarke für Schokolade, Chocolat Frey, kann Blunschi sich gut in Deutschland vorstellen. Ebenso die Billig-Eigenmarke M-Budget, die alles von Müsli bis Klopapier macht. Den Verkauf von Alkohol und Zigaretten aber, die Migros in der Schweiz nicht führt, will er nicht einstellen.

          Herbert Bollinger
          Herbert Bollinger : Bild: picture alliance/KEYSTONE

          Die Tegut-Mitarbeiter werden alle übernommen, der Chef Thomas Gutberlet auch - jedenfalls vorerst. „Es ist nicht Stil der Migros, dass wir den Vertrag mit jemandem kündigen, mit dem wir noch keinen Tag zusammengearbeitet haben.“ Sofort ausgetauscht wird allerdings der Aufsichtsrat. Hier sitzt bisher die Eigentümerfamilie Gutberlet (Vater und Mutter des derzeitigen Chefs) sowie Vertreter einer ganz besonderen Spezies: der anthroposophisch orientierten Unternehmer. dm-Gründer Götz Werner ist dabei und Johannes Stellmann, Geschäftsführer der Wala-Heilmittel, denen auch die Kosmetikmarke Dr. Hauschka gehört. Die Antroposophen müssen gehen und werden durch Genossen ersetzt. Ihr Chef wird selbstverständlich Blunschi.

          Der traut sich was im umkämpften deutschen Einzelhandel. Geht das Konzept auf, so soll Tegut in ein bis zwei Jahren auch expandieren, vor allem nach Bayern und Baden-Württemberg. „Edeka und Rewe sind darüber sicher nicht begeistert“, freut sich Blunschi. In ganz Deutschland werden die Migros-Indianer aber nicht auf den Kriegspfad gehen. „Bis ich in Rente gehe, wird es Tegut sicher nicht bundesweit geben“, prognostiziert der 51-Jährige.

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