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Nachfrage eingebrochen : Siemens-Konzern steht vor der Zerreißprobe

Schlechte Geschäfte mit der Windkraft: Das Produktprogramm wird zusammengestrichen, 6000 Beschäftigte von Siemens Gamesa verlieren ihre Arbeit. Bild: Mario FOURMY/REA/laif

Tausende Stellen sind in der Kraftwerkssparte in Gefahr. In anderen Bereichen ist die Lage bei Siemens noch dramatischer. Daran kann auch ein neuer Auftrag nichts ändern.

          Am Montag hat Siemens einen Auftrag über zwei riesige, hocheffiziente Gasturbinen der Königsklasse – genannt H-Klasse – aus den Vereinigten Staaten erhalten. Doch das ändert nichts an der krisenhaften Tatsache, dass die Nachfrage nach großen Turbinen dramatisch eingebrochen ist, die Produktionskapazitäten der vier globalen Anbieter für große Turbinen aber fast vier Mal so groß sind. Das zwingt Siemens zum Handeln – zum Abbau von etlichen Tausend Stellen und womöglich zur Schließung von Standorten in der konventionellen Kraftwerkstechnik.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Genauso dramatisch sieht es für den Münchner Technologiekonzern in der Windkraft aus. Auch wenn das Anfang April mit der spanischen Gamesa gegründete Gemeinschaftsunternehmen Siemens Gamesa Renewable Energy zwischen Juli und September ein Auftragsplus von 40 Prozent für Windräder an Land (Onshore) und auf See (Offshore) hereingeholt hat, ist die Situation nicht minder ernst: Das in Spanien angesiedelte und in Madrid an der Börse gehandelte Unternehmen, an dem die Deutschen mit 59 Prozent die Mehrheit halten, hat den Abbau von 6000 Arbeitsplätzen an 24 Standorten angekündigt. Damit steht mehr als jede fünfte Stelle im Unternehmen mit seinen knapp 27.000 Beschäftigten in der Welt auf dem Spiel.

          Lösungen sollen beschwichtigen

          In wenigen Wochen hat sich die Atmosphäre im Siemens-Konzern extrem zugespitzt. Im schlimmsten Fall stünden im Siemens-Universum, mit den vermuteten 3000 bis 4000 gefährdeten Arbeitsplätzen in der Kraftwerkstechnik, in Summe also mehr als 10.000 Stellen zur Disposition. So sucht man nach Lösungen, um etwa in der Division Stromerzeugung, Öl und Gas (Power and Gas) in Deutschland eine drohende Konfrontation mit Arbeitnehmervertretern und der Gewerkschaft IG Metall in Deutschland zu verhindern. Offenbar will das Management mit dem Vorstandsvorsitzenden Joe Kaeser und der verantwortlichen Personalvorständin und Arbeitsdirektorin Janina Kugel Lösungen anbieten, die beschwichtigen sollen.

          Das zumindest ist aus Unternehmenskreisen zu erfahren. Um Solidarität im Unternehmen und damit den sozialen Frieden zu erhalten, müsse man auch mal einen Prozentpunkt in der Marge opfern, heißt es. Es gebe eine Chance, den Mitarbeitern eine bessere Perspektive zu öffnen als den Verlust des Arbeitsplatzes. Der Begriff „Solidarität“ wird in den nächsten Wochen oft zu vernehmen sein, ist aber nicht allein im Dialog mit der Belegschaft gefordert, sondern auch mit Investoren und Aktionären. Die müssten ihre Erwartung in die Gewinne zurückschrauben. Aber: Sozialer Frieden sei ein Gut, das es zu bewahren gelte, ist zu hören.

          Aufgaben intern verschieben

          Der könnte auf der Kippe stehen. Mit dem in früheren Abbau-Programmen benutzten Instrumentenkasten von freiwilligen Abfindungen, Umschulungen, Altersteilzeit oder Übernahme in andere Konzernbereiche sind die Probleme allein nicht mehr zu bewältigen.

          In Summe würden solche bislang genutzten Möglichkeiten nicht reichen, ist zu vernehmen. Es drohen betriebsbedingte Kündigungen, die Teil der Verhandlungsmasse werden dürften. Hohe Flexibilität von den Beschäftigten wie von Betriebsräten und Gewerkschaften ist offenbar gefordert.

          Rund 5000 Stellen müssen im Konzern in Deutschland jährlich aufgrund von Fluktuation oder neu geschaffenen Stellen besetzt werden. Auf diese setzt anscheinend das Management. Sie könnten durch betroffene Mitarbeiter im Bereich Power and Gas besetzt werden, wenn diese in andere Divisonen, vor allem aber in andere Regionen wechselten. Genauso wird wohl überlegt, Aufgaben unter den neun deutschen Werken und Standorten von großen zu kleineren zu verschieben. Am größten Standort Mülheim (4500 Mitarbeiter) könnte eher auf Arbeitsplätze verzichtet werden als an von der Schließung bedrohten ostdeutschen Werken wie in Görlitz (800 Mitarbeiter) oder Erfurt (500), die in ohnehin strukturschwachen Regionen stehen.

          In Erfurt demonstrierten bereits Siemens-Mitarbeiter aus Angst vor einer Schließung des Werks. Jetzt sollen möglicherweise Aufgaben verschoben werden.

          Die Auftragslage ist knapp

          In der zweiten Novemberhälfte sollen die Belegschaftsvertreter im Wirtschaftsausschuss mit den Plänen des Vorstandes konfrontiert werden. Es könnte allerdings auch schnell mit beschwichtigenden Tönen vorbei sein. Unternehmenskreise sprechen nämlich davon, dass auf alle Fälle etwas „passieren“ werde, wenn es statt eines Miteinanders zum Gegeneinander käme. Mit anderen Worten: Siemens ist entschlossen, tiefgreifende Maßnahmen notfalls auch mit Härte durchzusetzen.

          Zu ernst ist die Lage. Der Auftragsbestand von Power and Gas erreicht zwar noch 40 Milliarden Euro. Doch General Electric mit einem Anteil von 50 Prozent größter Anbieter im Markt für große Turbinen kämpft um knappen Aufträge zu extrem schlechten Preisen genauso wie Siemens als Nummer zwei (30 Prozent), Mitsubishi aus Japan und Ansaldo aus Italien. Mit 130 Turbinen verfügt allein Siemens über eine Produktionskapazität, die höher ist als die in den nächsten Jahren erwarteten rund 110 Bestellungen.

          Siemens schafft sich einige Probleme selbst

          Nicht viel anders sieht es bei Siemens Gamesa aus. Der Umsatz im Geschäftsjahr 2016/2017 (30. September) stieg zwar noch um 5 Prozent auf knapp 11 Milliarden Euro, das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) sank um 18 Prozent auf 774 Millionen Euro. Im zweiten Halbjahr, also seit der Fusion, sackte das Ebit aber um 63 Prozent ab, der Umsatz um 12 Prozent. Der Einbruch der Märkte in Indien und in Ländern in Europa, geänderte Ausschreibungsbedingungen zu Marktpreisen sowie wegfallende Subventionen nun auch in den Vereinigten Staaten sorgen schon genug für gravierende Umbrüche und völlig neue Spielregeln.

          Zusätzlich erschweren selbst verursachte Schwierigkeiten etwa mit hohen Abschreibungen auf Lagerbestände die Lage. Ein nahezu komplett ausgewechselter Vorstand innerhalb von sechs Monaten verzögert die notwendige Integration und lässt das Management immer noch nach Strategien suchen. Die sollen im Februar 2018 vorgestellt werden. Das Ausmaß der Schwierigkeiten zeigt sich in der Ankündigung, dass das Angebot von Onshore-Anlagen wegen der unübersichtlichen Vielzahl von Produkten um 65 Prozent eingedampft werden soll.

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