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Tata spürt den Druck der Straße : Für den Kleinwagen Nano wird es eng

Aktivisten blockieren den Highway, der von Kalkutta nach Delhi führt Bild: AP

Der indische Autobauer Tata hat Angst um seine Vorzeigefabrik für den Kleinwagen Nano: Denn das künftige Werksgelände gehörte einst begalischen Kleinbauern, die ihr Land zurück wollen. Eine Oppositionspartei auf Stimmenfang unterstützt jetzt die Bauern und organisiert Proteste am laufenden Band.

          Der sozial engagierte indische Industriefürst Ratan Tata bangt um seine Vorzeigefabrik für den Kleinwagen Nano. Denn sie gerät in politisches Kreuzfeuer. Unter dem Druck ausländischer Zulieferer droht er mit der Verlagerung des Projektes. Die Tata-Gruppe droht damit, das Automobilwerk für den Kleinstwagen zu verlagern, falls die gewaltsamen Proteste der Bevölkerung gegen die Fabrik nicht enden.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          „Unsere Angestellten und diejenigen unserer Vertragspartner arbeiten unter extremem Druck. Die Mauern um unser Gelände wurden durchbrochen, Leute drangen auf das Gelände vor, Material wurde gestohlen. Wir können keine Fabrik unter Polizeischutz eröffnen und führen“, sagte der Vorsitzende des Verwaltungsrates und Vorzeige-Industrielle Indiens, Ratan Tata, auf der Hauptversammlung von Tata Tea in Kalkutta.

          Tata droht mit Abwanderung

          Tata sagte, die Investitionssumme von 15 Milliarden Rupien (234,2 Millionen Euro) werde sein Unternehmen nicht davon abhalten, im Zweifelsfall die Notbremse zu ziehen und abzuwandern. „Wenn irgendjemand den Eindruck hat, dass wir aufgrund unserer hohen Investitionen nicht mehr gehen könnten, irrt er. Ich kann unsere Manager und deren Familien nicht nach Westbengalen entsenden, wenn sie verprügelt werden, wenn ihre Kinder Angst haben müssen, in die Schule zu gehen“, sagte der Siebzigjährige.

          Demonstration vor dem Werk in Singur

          Die starke Drohung kam angesichts eines Ausrufs der Oppositionspartei Trinamool Congress zu einer weiteren Blockade vor den Toren des Werkes in Singur. Die Demonstranten fordern von der Landesregierung, dass an Tata verkaufte Gelände den Kleinbauern zurückzugeben, die es vorher nutzten. Dabei geht es in erster Linie um das Land, auf dem die Zulieferer angesiedelt werden sollen. Tata dürfte gerade von den ausländischen Lieferanten unter Druck geraten, da sie ihre Leute kaum unter solchen Bedingungen werden arbeiten lassen. „Sie haben genauso in gutem Glauben gehandelt wie wir“, sagte Tata. Bisher haben schon mehr als 50 Zulieferer mit dem Aufbau ihrer Fabriken begonnen. Als prominentester Lieferant gilt Robert Bosch.

          Politisches Klima ist aufgeheizt

          Vor den Parlamentswahlen heizt sich das politische Klima in Indien spürbar auf. Gerade die Landbevölkerung mit ihrer großen Stimmenzahl ist ein wichtiges Ziel von Agitatoren gleich welcher Art. Der Konflikt in Singur zeigt aber auch die tiefe Kluft zwischen Industrie und Landwirtschaft in Indien. Zwei Drittel der Menschen leben immer noch von Landwirtschaft. Singur liegt im Bundesstaat Westbengalen. Dieser gilt trotz seiner kommunistischen Regierung als unternehmerfreundlich. Der Trinamool Congress aber will die Kommunisten augenscheinlich gerade in sozialen Fragen treffen. Ihr Sprecher Shakeel Ahmed erklärte, auch seine Partei sei am Nano-Projekt interessiert, da es „Automobile für den kleinen Mann“ bauen werde. „Ein Abzug wäre eine Enttäuschung“, räumte er ein. Allerdings müsse die Bevölkerung angemessen für ihr Land entschädigt werden.

          „Fragen Sie Herrn Tata, warum sich sein Unternehmen aus Dhaka in Bangladesch und Kalinganagar in Orissa zurückziehen musste“, sagte die Vorsitzende von Trinamool, Mamata Banerjee, mit Blick auf Widerstand gegen Tatas jüngste Investitionsentscheidungen. Nirupam Sen, Westbengalens Minister für Handel und Industrie, erklärte nach einem Treffen mit Tata, die Regierung werde die Entschädigung der Landbesitzer noch einmal prüfen. „Auch Tata hat eingewilligt, den Betroffenen zu helfen“, erklärte Sen. Der Konzern ist in Indien als der sozialste bekannt, viele Millionen fließen Jahr für Jahr in Hilfsfonds. Tata steht unter hohem Druck, denn der Nano wird international beachtet: Er gilt mit einem versprochenen Preis von unter 2000 Euro ab Werk als der billigste Kleinwagen und ist Vorzeigeprojekt auch für Lieferanten wie Bosch. Im Oktober soll der erste Nano die Fabrik in Singur verlassen.

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