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Tarifpolitik : Arbeit an der Kette

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Wie die Glieder einer Kette: Wenn die Zeiten härter werden, wollen Gewerkschaften Stellen erhalten. Doch wie sicher ist sicher? Bild: Fotolia

Beschäftigungssicherung ist ein sperriger Begriff. Doch für die IG Metall ist er ein Zauberwort. Arbeitsplätze zu retten ist in der Krise zur vornehmsten Gewerkschaftspflicht geworden. Im Fall von Volkswagen zu einer lohnenden dazu.

          Zu Tarifverhandlungen gehört, dass die Kontrahenten zum Schluss einen Verhandlungsmarathon absolvieren und hernach ermattet, aber leidlich zufrieden die Ergebnisse verkünden. So auch beim jüngsten Tarifabschluss der Metall- und Elektroindustrie: Da saßen sich Arbeitgeber und IG Metall 15 Stunden lang gegenüber, bevor Donnerstag früh weißer Rauch gen Himmel stieg. Muss das sein?

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Nein, es geht auch anders: Am Dienstag dieser Woche luden Volkswagen und IG Metall zur Pressekonferenz nach Hannover und verkündeten, dass die Mitarbeiter in den deutschen VW-Werken nun bis Ende 2014 vor betriebsbedingten Kündigungen geschützt seien. Vorangegangen waren drei Verhandlungsrunden; Nachtschichten gab es nicht. Zwar hatten die Parteien „nur“ über die Frage der Beschäftigungssicherung zu befinden. Alle übrigen Punkte des neuen Haustarifvertrags, wie die Entgelterhöhung um 4,2 Prozent, waren schon im Herbst 2009 ausgehandelt worden. Gleichwohl hätte es Streit geben können – doch nicht bei VW.

          Volkswagen tickt anders

          Der Wolfsburger Automobilkonzern tickt anders. Vermutlich hätten sich die vermeintlichen Gegner schon nach einer Sitzung zum demonstrativen Händeschütteln vor die Kameras stellen können. Denn im Grunde stand das Ergebnis von vornherein fest. Aber so rückte die frohe Botschaft über Jobgarantien noch näher an die Betriebsratswahlen Anfang März heran. Nicht dass Bernd Osterloh dieses Bonbon wirklich nötig hätte, um im Amt des VW-Betriebsratsvorsitzenden bestätigt zu werden. Aber zusätzlichen Rückenwind gibt es ihm allemal.

          Eine Hand wäscht die andere. So funktioniert Volkswagen. Und so erklärt sich nach Ansicht vieler Beobachter auch die Zusage, ausgerechnet die vergleichsweise unproduktiven deutschen Werke in den nächsten fünf Jahren unter Beschäftigungsschutz zu stellen. „Man muss das in einem größeren Zusammenhang sehen. Im Zuge der Porsche-Übernahme stehen im Aufsichtsrat wichtige Entscheidungen an. Da ist es für VW wichtig, Ruhe an der Arbeitnehmerfront zu haben“, sagt Arndt Ellinghorst, Autoanalyst der Credit Suisse. Vor allem der VW-Chefkontrolleur Ferdinand Pich ist ein Meister darin, Gewerkschaft und Betriebsrat mit allerlei Zugeständnissen für sich und seine Zwecke einzunehmen. Nirgendwo ist das Machtgeflecht zwischen Aufsichtsratschef, Management und Gewerkschaft so stark wie bei Volkswagen.

          Rein betriebswirtschaftlich ist die Jobgarantie nicht nachzuvollziehen. Sie widerspricht dem Ansinnen des Vorstands, die Produktivität Jahr für Jahr um 10 Prozent zu erhöhen. Volkswagen hat sich zwar auf die Fahnen geschrieben zu wachsen. Bis 2018 will der Konzern mehr als zehn Millionen Fahrzeuge verkaufen, nach 6,3 Millionen im vergangenen Jahr. Aber die Wachstumsimpulse werden in erster Linie außerhalb Europas erwartet, was vor allem die Produktionsstätten in Asien und Amerika und eben weitaus weniger diejenigen in Deutschland stützt.

          Produktion ist, wo der Absatz wächst

          Nach Aussage von Stefan Bratzel, Auto-Professor an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach, gibt es in der Autoindustrie einen klaren Trend, die Produktion dorthin zu verlagern, wo der Absatz wächst. Da die Automärkte in Westeuropa stagnierten, sei es riskant, Beschäftigungsgarantien für deutsche Werke abzugeben. „Das macht Großkonzerne wie VW unflexibler. Und je länger diese Garantien laufen, umso unsicherer wird die Wette, die man damit eingeht.“ VW werde es auf diese Art kaum gelingen, so hohe Produktivitätsfortschritte zu erzielen, dass die Kostennachteile der Hochlohnstandorte in Deutschland aufgewogen werden könnten. Tatsächlich gehört die Quersubventionierung der deutschen Standorte schon seit langem zu den Grundprinzipien des Konzerns.

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