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Takeda übernimmt Nycomed : Milliardenübernahme in der Pharmabranche

  • -Aktualisiert am

Nycomed-Abfüllanlage in Singen Bild: picture-alliance/ dpa

Der größte japanische Pharmakonzern Takeda übernimmt den Schweizer Arzneimittelhersteller Nycomed für 9,6 Milliarden Euro. Nycomed gehört bislang verschiedenen Investmentgesellschaften und hatte vor vier Jahren in Deutschland Altana Pharma geschluckt.

          Der größte japanische Pharmakonzern Takeda übernimmt für umgerechnet 9,6 Milliarden Euro den Schweizer Arzneimittelhersteller Nycomed, in dem vor einigen Jahren ein großer Teil des einstigen Dax-Konzerns Altana Pharma aufgegangen ist (siehe Kasten). Takeda will mit der Übernahme, die in den vergangenen Tagen schon erwartet worden war, unabhängiger vom schwierigen Heimatmarkt und von seinem Amerikageschäft werden, wo billigere Nachahmermedikamente (Generika) den Umsatz bedrohen (siehe Japanische Takeda will Nycomed kaufen). Gleichzeitig schafft Takeda den Sprung in die Märkte wichtiger Schwellenländer wie Russland, die Türkei oder Brasilien, wo Nycomed rund 40 Prozent seines Umsatzes macht.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          „Durch die Übernahme von Nycomed erhält Takeda auf einen Schlag Zugang zu den schnellwachsenden Schwellenländern“, sagte der Takeda-Vorstandsvorsitzende Yasuchika Hasegawa in Tokio. Auch der Umsatz in Europa, wo Takeda bislang nur schwach vertreten ist, soll sich mit dem Kauf verdoppeln. Von Rang 29 steigt Takeda in Europa auf den 18. Platz unter den Pharmaunternehmen auf. Das Dermatologie-Geschäft von Nycomed in den Vereinigten Staaten wird nicht verkauft.

          Für das Geschäftsjahr 2010/11 (31. März) hatte Takeda einen Umsatz von 1,42 Billionen Yen (rund 12,3 Milliarden Euro) gemeldet. Der Gewinn erreichte 248 Milliarden Yen. Das japanische Unternehmen steht damit auf Rang 15 der Pharmaunternehmen der Welt und erzielt 45 Prozent des Umsatzes in Japan und 40 Prozent in den Vereinigten Staaten.

          Takeda-Chef Hasegawa vor Journalisten in Tokio

          Standorte in Konstanz, Singen, Hamburg und Oranienburg

          Die Zürcher Nycomed wird von Nordic Capital und von der Private-Equity-Sparte von der Credit Suisse Group kontrolliert. Das Unternehmen erzielte im vergangenen Jahr einen Gewinn vor Steuern und Abschreibungen in Höhe von 774,9 Millionen Euro. Nycomed findet unter den Arzneimittelfirmen der Welt auf Platz 30, macht aber 40 Prozent seines Umsatzes auf Wachstumsmärkten wie Asien, Lateinamerika oder Russland. Mit der Übernahme will das japanische Unternehmen zu den größeren Konkurrenten aus den westlichen Ländern aufschließen und seinen Rang als global operierendes Unternehmen unterstreichen. Die Übernahme solle aus Reserven und mit Bankkrediten finanziert werden, hieß es.

          Nach den Worten von Nycomed-Chef Hakan Björklund würden Synergieeffekte von 4 Prozent der Kosten oder rund 260 Millionen Euro in drei Jahren realisiert. Allerdings stünden nicht Synergien, sondern die strategischen Neuaufstellungen im Vordergrund, sagte Björklund in einer Telefonkonferenz. „Für die Arbeitnehmer ist dies eine sehr gute Nachricht, weil sie künftig in einem Unternehmen mit wahrhafter globaler Reichweite tätig sein werden“, ergänzte er. Arbeitsplatzzusicherungen gab er allerdings nicht.

          Größter Standort von Nycomed ist Deutschland, wo ungefähr 2800 Menschen arbeiten. Er umfasst Konstanz, wo Forschung und Entwicklung angesiedelt sind, Singen, Hamburg und Oranienburg. Dort wird auch das neue Medikament Daxas zur Behandlung der Raucherlunge hergestellt. Das Präparat ist im September auf den Markt gekommen. Björklund sagte, Takeda habe dieses Mittel wegen seiner Zukunftsperspektiven beim Kaufpreis besonders hoch angesetzt. Die Umsatzerwartung aus dem eigenen Vertrieb liegen bei 500 Millionen Euro im Jahr 2015. Dies vergleicht sich mit einem Verkaufsvolumen des bisherigen Umsatzträgers Pantoprazol von gut 900 Millionen Euro im vergangenen Jahr. Allerdings ist für das Magen-Darm-Präparat der letzte Patentschutz im Januar ausgelaufen.

          Zu seiner eigenen Zukunft sagte Björklund nur, er werde die Übergangsphase bis zum erwarteten Abschluss der Transaktion im September bleiben.

          Die frühere Altana - E in Eckpfeiler von Nycomed

          Am Ende nützte auch der Daueroptimismus des Vorstandsvorsitzenden Nikolaus Schweickart nichts mehr. Die Pharmasparte der Altana AG ging in die Hände der dänischen Nycomed über. Sie erwarb im September 2006 diesen Geschäftszweig für 4,5 Milliarden Euro. Altana war Erfolg und Fehlschlag zugleich. Das Unternehmen brillierte zur Jahrtausendwende mit dem neuartigen Magen/ Darmpräparat Pantoprazol . Dies machte die Wettbewerber aufmerksam, zumal Schweickart nicht müde wurde, die Erfolgsgeschichte ins rechte Licht zu rücken. Zeitweise vergaß die Öffentlichkeit fast, dass die Altana neben dem mit zwei Dritteln des Umsatzes dominierenden Pharmazweig noch ein sehr interessantes, weil hoch spezialisiertes Chemiegeschäft betrieb. Andererseits gelang es Altana Pharma nicht, nach Pantoprazol rasch genug ein ähnlich neuartiges Nachfolgemedikament auf den Markt zu bringen. Da halfen auch die Kooperationen mit kleinen Spezialistenlabors nichts.

          Altana war 1977 als Teil des Quandt-Imperiums aus der Realteilung der Varta AG entstanden. Herbert Quandt brachte die Holding mit Sitz in Bad Homburg bei Frankfurt damals an die Börse. Später trat seine Tochter Susanne Klatten das Erbe an und hielt eine knappe Mehrheit an dem Unternehmen, das in der einstigen Byk Gulden wurzelte. Nycomed kaufte nicht nur Altana Pharma - und strich in der Folge nahezu 1000 Arbeitsplätze in Deutschland. Es unterzog sich auch selbst einer Wandlung. Der Sitz wurde nach Zürich verlegt. Damit war Nycomed nicht nur in der Nähe eines internationalen Flughafens, sondern auch unweit von Konstanz . Dort hatte Altana Pharma ihren Schwerpunkt, dort finden weiterhin Forschung und Entwicklung statt. Zugleich steht im benachbarten Singen eine Produktionsstätte.

          Das von Wesel aus betriebene Chemiegeschäft von Altana nahm einen anderen Weg. Bei der Aufspaltung hatte das Management es als „langfristiges Investment“ angepriesen. Frau Klatten besann sich jedoch anders. 2008 lancierte sie ein freiwilliges Übernahmeangebot, und zwei Jahre später war das Börsenunternehmen Altana nach einem „Squeeze-out“ Geschichte. Altana Pharma ihrerseits ist weiter im Nycomed-Verbund wirksam: Der Hoffnungsträger Daxas gegen Raucherlunge entstammt aus ihren Forschungslabors. (du.)

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