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Tagesstätten an der Börse : Mit 120.000 Kindern in den Konkurs

10.000 australische Dollar Schulden je Kind: In den ABC Learnings Centres hat es sich ausgelernt Bild: AP

In Australien machten Banken die Tagesstätten-Kette ABC Learning Centres zum Milliardenkonzern. Bis vor ein paar Monaten war das Konzept das Aushängeschild der hochgelobten Pädagogik „down under“. Nun ist Australiens größte Kette von Kindertagesstätten am Ende. Sie sitzt auf einem riesigen Schuldenberg.

          Noch bis vor ein paar Monaten war ABC Learning Centres Ltd. das Aushängeschild der hochgelobten Pädagogik „down under“. Ein Vorzeigemodell für die erfolgreiche Verbindung von Erziehung und Geschäft. Nun ist Australiens größte Kette von Kindertagesstätten am Ende. Sie sitzt auf einem Schuldenberg von 1,2 Milliarden australischen Dollar (643 Millionen Euro). Sie ist an der Börse notiert, der Kurs ihrer Aktien aber hat um 94 Prozent nachgegeben, und der Handel mit ihr ist seit zwei Monaten ausgesetzt. Seit dem gestrigen Donnerstag haben in der Kette, die in 1100 Zentren mehr als 120.000 Kinder betreut und 16 000 Mitarbeiter beschäftigt, die Konkursverwalter das Sagen.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Eddy Groves, der „schnelle Eddy“, wie sie ihn zwischen Sydney und Perth nennen, war eine Ikone Australiens. Hatte er nicht bewiesen, dass man aus dem Nichts heraus ein großes Rad drehen konnte? Er trug Stiefel aus Straußenleder, flog Helikopter und nannte eine Cessna sein Eigen. Reich wurde er mit einer genialen Geschäftsidee, die dazu noch vollkommen sauber war: Seine eigenen Töchter brachten ihn dazu, eine Tagesstätte für Kinder aufzubauen. Daraus wurde ein Lehrimperium, an dem sich unter anderem auch Singapurs Staatsfonds Temasek Holdings beteiligte. Die führenden Banker der Region nannte Eddy beim Vornamen, er kannte ihre Handy-Nummern. Bis heute sagen sie über ihn, er sei der Typ Geschäftsmann, der den Pinguinen Eis verkaufe. Und so verfügte Eddy Groves, Gründer und Chef von ABC Learning, plötzlich über rund 260 Millionen australische Dollar Vermögen. 2006 galt er als der reichste unter Australiens Entrepreneuren.

          Der Börsengang 2001 war der Anfang vom Ende

          Ruhm ist ihm keiner geblieben, und auch das Geld ist deutlich weniger geworden. Groves musste „sein“ Unternehmen Ende September verlassen. Unter Tränen berichtet er heute davon, dass er den Niedergang nie verstanden habe. „Ich habe alles für ABC geopfert, wirklich alles. Und heute wünschte ich, ich könnte die Zeit noch einmal zurückdrehen auf die Jahre vor dem Börsengang“, sagt er der australischen Journalistin Nabila Ahmed.

          Der Börsengang 2001 machte Groves zum Multimillionär. Aber er war der Anfang vom Ende. Denn nie verstand Groves, damals das Hätschelkind aller Banker, nach welchen Regeln gespielt wurde. Er beauftragte die Firma seines Schwagers mit Wartungsaufträgen im zweistelligen Millionenbereich.

          Mit Schulden weitete er sein Geschäft auf Amerika und Großbritannien aus. Dank des nie enden wollenden Stroms von Krediten vervierfachte Groves in nur gut zwei Jahren die Zahl seiner Tagesstätten. Ende des Geschäftsjahrs 2004 war ABC mit 111 Millionen Dollar verschuldet. Ende des Geschäftsjahres 2007 aber stand die Kreditsumme bei 2,2 Milliarden Dollar.

          Riesiges Franchisesystem aufgebaut

          Groves baute ein riesiges Franchisesystem um seine Marke auf, das er in seiner Bilanz aber nie als solches auswies. Als die Buchprüfer hellhörig wurden, stürzte die Aktie in Minuten ins Bodenlose. Seinen Rekord erreichte der ABC-Börsenkurs 2006 mit 8,80 Dollar, das Unternehmen war damals 4,8 Milliarden Dollar wert. Noch im Mai vergangenen Jahres hatte Temasek 7,30 Dollar je Aktie für einen Anteil von 12 Prozent an ABC gezahlt. Als der Kurs vor zwei Monaten ausgesetzt wurde, lag er noch bei 54 Cent. Als dann noch die Finanzkrise hereinbrach, wollte niemand mehr die hohe Verschuldung tragen. Morgan Stanley übernahm einen Teil des Amerika-Geschäftes, und bescherte ABC damit einen Verlust von 200 Millionen Dollar. Anleger bereiteten Klagen vor. Und Ende September musste Eddy Groves seinen Kindergarten für immer verlassen.

          ABC selber hat als Verwalter am Donnerstag Ferrier Hodgson eingesetzt. Die geschädigten Banken haben ihrerseits die Kanzlei McGrathNicol benannt. Unter den Gläubigern finden sich alle, die in der Region Rang und Namen haben. Die Commenwealth Bank of Australia hat schon 100 Millionen Dollar abgeschrieben. Noch im Dezember vergangenen Jahres beteiligten sich die Bankiers mit einem weiteren syndizierten Kredit über 280 Millionen Dollar. Westpac Banking Corp. hat ABC rund 200 Millionen Dollar geliehen, ihr Konkurrent Australia and New Zealand Banking Corp. gab 182 Millionen Dollar. Einen Jahresabschluss – das ABC-Geschäftsjahr läuft bis zum 30. Juni – gibt es nicht, weil die Prüfer von Ernst & Young sich noch an den Bilanzen abarbeiten.

          Die Pleite ist in Australien ein Politikum

          Längst aber ist die Pleite ein Politikum. Denn über Jahre hatte die australische Regierung auf die Zentren gesetzt. Mit Hunderten Millionen von Dollar hatte Canberra die Kette subventioniert, um australischen Familien die Chance zur Berufstätigkeit zu geben. Kenner schätzen, die Subventionen hätten rund 44 Prozent zum ABC-Umsatz beigetragen. Heute hat ABC jedes dritte australische Kind in seiner Obhut. Deshalb kann es sich das Land gar nicht mehr erlauben, die Kindergärten von heute auf morgen zu schließen. Auch wenn sie einer börsennotierten Privatgesellschaft gehören.

          Schon vergangenen Monat erklärten Minister, natürlich hätten sie Pläne für den Fall, das ABC Learning in Konkurs gingen. Nun dürfte es soweit sein. „Wir sind in ständigen Verhandlungen mit der Regierung, um die Tagesstätten offen zu halten, und bekommen dafür jeden Unterstützung“, sagte Chris Honey, Partner des Insolvenzverwalters McGrathNicol am Donnerstag. Und auch die Stellvertretende Ministerpräsidentin Australiens, Julia Gillard, bestätigte, sie sei in enger Abstimmung mit den Banken. „Unsere Priorität heißt jetzt sicherzustellen, dass die arbeitenden Familien, die sich auf ABC verlassen, weiterhin eine Betreuung für ihre Kinder haben. Und dass die Angestellten von ABC sofortige Sicherheit erhalten“, sagte sie.

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