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„Too big to fail“ : Große Banken zahlen weniger Zinsen

Große Banken können sich zu günstigeren Konditionen Geld leihen. Bild: dpa

Wer als „systemrelevant“ gilt, hat es besser: Große Geldinstitute finanzieren sich günstiger, weil im Krisenfall der Staat einspringen muss. In Europa beträgt der Vorteil 50 Milliarden Euro.

          Die großen Banken können sich zu günstigeren Konditionen Geld leihen als ihre kleineren Konkurrenten. Das bestätigen zwei Studien, die nun veröffentlicht wurden. In den Vereinigten Staaten untersuchte die Notenbank Federal Reserve die Größenvorteile aufgrund der Bedeutung großer Institute für das Finanzsystem („too big to fail“). Für Europa schätzen die Volkswirte der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) die jährliche Zinsersparnis für die 100 größten Banken auf 50 Milliarden Euro. Die Finanzierung der größten deutschen Häuser – darunter Deutsche Bank, Commerzbank, DZ Bank oder Bayern LB – sinkt aufgrund der Annahme, dass der Staat im Krisenfall mit Kapital einspringen muss, um rund 10 Milliarden Euro.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          In der größten Volkswirtschaft der Welt entfacht die Fed-Studie die Debatte über ungerechtfertigte Vorteile der Großbanken aufs Neue. In den Vereinigten Staaten streiten Politiker und Aufseher darüber, ob das Risiko des „too big too fail“ durch die neuen Regulierungen schon hinreichend verringert wurde oder nicht. Ironischerweise hat die Konzentration der Großbanken mit der Finanzkrise noch zugenommen, weil gefallene Institute auf Druck der Aufseher von anderen übernommen wurden.

          Im Durchschnitt zahlen die fünf größten Banken an der Wall Street – JP Morgan Chase, Bank of America, Citigroup, Wells Fargo und Goldman Sachs – 0,31 Prozentpunkte weniger Risikoaufschlag für Anleihen, selbst wenn sie das gleiche Rating aufweisen wie ihre kleineren Konkurrenten. Das Ergebnis basiert auf Daten von 1985 bis 2009. Die Großbanken würden ermutigt, größere Risiken einzugehen, warnt João Santos, ein Vizepräsident der Fed von New York und Autor der Analyse. Zugleich treibe der Wettbewerbsnachteil aber auch kleinere Konkurrenten in zusätzliche Risiken.

          Kleine Institute kritisieren die Bevorzugung der Großbanken

          Ratingagenturen berücksichtigen in der Beurteilung der Kreditwürdigkeit die Wahrscheinlichkeit einer staatlichen Unterstützung im Krisenfall. Diese ist umso wahrscheinlicher, je systemrelevanter die Bank ist. Die Systemrelevanz resultiert in der Regel aus ihrer Größe. Der OECD-Studie zufolge verbessert sich das Rating für solche Institute im Schnitt um fast drei Stufen. Die höhere Kreditwürdigkeit senkt die durchschnittlichen Zinskosten um 1,3 Prozentpunkte. Daraus ergibt sich ein jährlicher Finanzierungsvorteil von mehr als 50 Milliarden Euro. Jedoch stellen OECD-Volkswirte fest, dass die Zinsersparnis aufgrund der Systemrelevanz in der vergangenen Jahren gesunken ist. Sie verweisen auf die aufsichtsrechtlichen Einschränkungen. In der Europäischen Bankenunion sollen die Banken einen aus ihren Beiträgen gespeisten Abwicklungsfonds aufbauen. Darüber hinaus sollen in Schieflagen zunächst die Gläubiger haften, bevor Staaten Mittel bereitstellen. Dies erhöht das Risiko der Investoren von Bankanleihen.

          Darauf hat in dieser Woche die Ratingagentur Fitch hingewiesen und den Ausblick für 18 europäische Großbanken auf negativ herabgesetzt. Damit erhöht sich die Gefahr einer Herabstufung, weil die Bonitätsprüfer in Zukunft eine schwächere staatliche Unterstützung erwarten. Davon sind die Deutsche Bank und die Commerzbank betroffen. Auch die OECD-Studie hat diese Entwicklung berücksichtigt. Hatten die Volkswirte den Finanzierungsvorteil für die größten deutschen Institute Ende 2011 noch auf 20 Milliarden Euro geschätzt, hat sich dieser Betrag nun halbiert.

          Trotzdem kritisieren die kleinen Institute – in Deutschland die Sparkassen sowie die Volks- und Raiffeisenbanken – die Bevorzugung der Großbanken. Sie fühlen sich benachteiligt und fordern von den Großbanken aufgrund ihrer Systemrelevanz und der damit verbundenen Risiken höhere Beträge in den europäischen Bankenfonds.

          Die amerikanische Notenbank kommt zu dem Ergebnis, dass neben den Großbanken auch die größten Finanzhäuser wie zum Beispiel Versicherer und die größten Unternehmen besonders günstige Finanzierungsbedingungen haben. Solche Vorteile seien aber im Bankensektor am frappierendsten. Vertreter der amerikanischen Banken kritisieren die Studie, weil sie auf veraltetem Datenmaterial beruhe. Tatsächlich sind mit der erst 2010 beschlossenen Finanzmarktreform den Banken strengere Regeln gesetzt worden. Der neu eingerichtete Finanzstabilitätsrat wurde zudem ausdrücklich ermächtigt, im Krisenfall mit Hilfe der Einlagensicherung Banken abzuwickeln und sie nicht mehr aufzufangen.

          Damit kann vermutet werden, das die Kostenvorteile der Großbanken seither kleiner geworden oder verschwunden sind. Eine frische Studie der Beratungsgesellschaft Oliver Wyman für das Clearing House, eine Organisation der Großbanken an der Wall Street, deutet darauf hin. Danach war der Finanzierungsvorteil der Großbanken gegenüber kleineren Mitbewerbern Ende 2012 vernachlässigbar klein. Doch Richard Fisher, Fed-Präsident von Dallas, bezweifelt das. Für den Bankenkritiker, der seit langem eine geringere Größe fordert, zeigt die Studie die Grenzen der Gesetzeslage.

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