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Supermarkt-Kette : Führungsstreit eskaliert - der Lidl-Chef geht

Bei Lidl hängt gerade der Haussegen schief. Bild: dpa

In der Chefetage des Discounters Lidl herrscht Krisenstimmung. Der Chef Seidel nimmt seinen Hut. Als Nachfolger steigt ein Manager mit internationaler Erfahrung auf.

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          Wird aus Lidl ein Vorreiter der Digitalisierung? Ein Musterbeispiel für Qualität im Lebensmittelhandel? Oder geht es zurück zu den Wurzeln des Unternehmens: zum Mini-Sortiment an Billig-Produkten direkt aus dem Karton? Die Fragen bleiben offen. Fest steht: der Streit über die Strategie der Discount-Kette ist so sehr eskaliert, dass Lidl-Chef Sven Seidel seinen Posten geräumt hat.

          Susanne Preuß
          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Seidel verlasse das Unternehmen „aufgrund unterschiedlicher strategischer Geschäftsauffassung im gegenseitigen Einvernehmen“ heißt es über den Abgang des bisherigen Vorstandsvorsitzenden der Lidl Stiftung & Co. KG. Diese Formulierung bedeutet: Der 43 Jahre alte Seidel, der ziemlich genau vor drei Jahren an die Lidl-Spitze befördert worden war, hat sich mit Konzernchef Klaus Gehrig überworfen und kassiert für seinen Abgang eine Abfindung.

          Streng patriarchalisch

          Um seine berufliche Zukunft muss sich der Manager wohl keine Gedanken machen, denn er galt als Modernisierer, der versuchte, Lidl ein neues Profil zu verschaffen und die digitalen Chancen im Handel mit den Stärken eines in Europa erfolgreichen Discounters zu verknüpfen. Seidel, gewappnet mit einigen Jahren Erfahrung bei Porsche Consulting, hat zudem an den Strukturen des schnell gewachsenen Konzerns gearbeitet. Immer wieder wurde dabei die Frage diskutiert, was eigentlich die DNA eines Discounters ausmacht. Der Streit darüber dürfte letztlich auch maßgeblich für die Trennung gewesen sein.

          Den Posten von Seidel als Lidl-Chef übernimmt mit sofortiger Wirkung der 38 Jahre alte Jesper Hojer, der unter anderem schon Lidl Belgien führte und zuletzt den Einkauf der internationalen Lidl-Gruppe verantwortete. Hojer übernimmt auch den eigentlich für Sven Seidel vorgesehenen Platz in einem neuen Führungsgremium in der Schwarz-Gruppe, zu der neben Lidl auch noch die Warenhaus-Kette Kaufland gehört.

          Einen offiziellen Namen hat das Gremium nicht. Von „VVS-Runde“ ist intern die Rede: Hier treffen sich die Vorstandsvorsitzenden von Lidl (nun eben Hojer), und Kaufland (Patrick Kaudewitz) sowie die Sparte Dienstleistungen (also Finanzen, Steuern oder Controlling, geführt von Andreas Strähle) und die Zentralen Dienste, die sich mit Gerd Chrzanowski an der Spitze um die eigenen Produktionsstätten oder die Beschaffung von Investitionsgütern befassen.

          Der in Neckarsulm ansässige Konzern des 77 Jahre alten Dieter Schwarz wird bisher noch streng patriarchalisch von dessen 68 Jahre altem Vertrauten Klaus Gehrig geführt, der Komplementär der Schwarz-Gruppe ist. Er hat in vier Jahrzehnten Lidl aus kleinsten Anfängen heraus aufgebaut. Heute ist die Schwarz-Gruppe der viertgrößte Lebensmittel-Händler der Welt – nach den amerikanischen Konkurrenten Wal-Mart (mit 482 Milliarden Dollar Umsatz), Costco (116 Milliarden Dollar) und Kroger (109 Milliarden Dollar).

          Schwarz setzte nach dieser Liste der Beratungsgesellschaft Deloitte im vergangenen Jahr 94 Milliarden Dollar um – was auf zuletzt kräftiges Wachstum hinweist. Das letzte Geschäftsjahr, über das das Neckarsulmer Familienunternehmen selbst berichtete, endete am 29. Februar 2016 und schloss mit einem Umsatz von 75,7 Milliarden Euro, davon 64,6 Milliarden Euro von Lidl und 21,1 Milliarden Euro von Kaufland. Allein Lidl betreibt 10000 Filialen in Europa und bereitet den Markteintritt in Nordamerika für 2018 vor. Am Ende des vergangenen Geschäftsjahrs beschäftigte der Konzern 375000 Mitarbeiter.

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