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Suhrkamp-Gesellschafter Hans Barlach : Der Störenfried

Der Suhrkamp-Gesellschafter Hans Barlach im Garten seiner Hamburger Stadtvilla. Die Skulptur ist nicht vom Großvater Ernst Barlach, sondern von Wilhelm Lehmbruck Bild: Lucas Wahl

Er wollte Verleger werden und Suhrkamp auf Trab bringen. Jetzt hassen ihn die Autoren und die Suhrkamp-Chefin treibt ihr böses Spiel.

          Hans Barlach, der im Verdacht steht, den Suhrkamp-Verlag zu ruinieren, wohnt und arbeitet in Hamburg-Pöseldorf. Das ist da, wo die Stadt hanseatisch schick ist und die Alster nah. Er öffnet selbst die Tür der weißen Stadtvilla. Der Mann ist kleiner als gedacht, er hat schöne Gesichtszüge.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Barlach war früher nur eine hanseatische Größe. Jetzt ist er als Protagonist eines existentiellen Konflikts in ganz Deutschland bekannt. Ihm gehören 39 Prozent am Suhrkamp-Verlag. Seine Gegenspielerin Ulla Berkéwicz, die Witwe des großen Siegfried Unseld, vertritt 61 Prozent.

          Über das Vermögen des Verlags, den Berkéwicz seit zehn Jahren führt, ist jetzt das insolvenzrechtliche Schutzschirm-Verfahren eröffnet worden: wegen drohender Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung.

          Für ein normales Unternehmen wäre dieses Stadium die Vorhölle, ein Dokument des Missmanagements. Bei Suhrkamp hegen sie dagegen die Zuversicht, sich so des Gesellschafters Hans Barlach entledigen und in alter Manier weiter wirtschaften zu können. Freunde in den Feuilletons beobachten den juristischen Coup voller Respekt. So unglaublich es klingt: Er könnte klappen.

          Über Barlach kursiert eine mächtige Erzählung

          Barlach führt in den ersten Stock der Villa, in einen großen Raum voller Kunst. Auf einem langen Tisch sind viele Süßigkeiten verteilt. An der Wand hängt ein wuchtiges Gemälde des österreichischen Aktionskünstlers Hermann Nitsch, mit einem blutigen T-Shirt im Zentrum.

          Eigentlich wollte Barlach erst mal keine Interviews mehr geben. Die letzten waren für ihn nicht gut ausgegangen. Aber am Mittwoch ist er am Telefon, unprätentiös, freundlich. Er will sich treffen, kann sogar schon am Donnerstag. Es wird ein dreistündiges Gespräch.

          Über sein Verhältnis zu Ulla Berkéwicz sagt er den Satz: „Wir haben keinen Streit.“ Barlach führt Prozesse gegen Suhrkamp und die Geschäftsführung. Meistens gewinnt er, dann geht es in die nächste Instanz. Er will eigentlich sagen, es ist nichts Persönliches. Aber das stimmt natürlich nicht. „Wir haben keinen Streit. Wir haben eine Auseinandersetzung über die wirtschaftliche Führung des Unternehmens. Die ist allerdings gänzlich unterentwickelt.“

          Hans Barlach ist aus Sylt nach Hamburg gekommen, hat seinen Urlaub unterbrochen. Das Insolvenzverfahren hat ihn völlig überrascht, seine Anwälte auch. Er kämpft jetzt um seine Anteile an Suhrkamp. Nervös wirkt er, aber nicht verzweifelt.

          Über Barlach kursiert eine mächtige Erzählung. Er sei der Mann, der Suhrkamp kaputt mache. Weil er als Gesellschafter so viel Geld aus dem Verlag herausziehen wolle. Weil er Suhrkamp mit Prozessen überziehe. Weil er Entscheidungen für den Verlag blockiere. Das Letztere stimmt sogar. Die Suhrkamp-Geschäftsführung will in Berlin-Mitte neu bauen, für mehr als neun Millionen Euro, und das Vorhaben selbst managen. Der ehemalige Projektentwickler Barlach sagt: Bauen ist immer viel teurer als geplant, besonders wenn Profis fehlen. Die Manager sollen sich lieber um die Bücher kümmern.

          Er fühlt sich falsch dargestellt

          Der Schriftsteller Peter Handke schrieb in der „Zeit“ über Barlach: „voll, prall, aufgeblasen prall des bösen Willens“, „Feind“, „Satan“. 70 Suhrkamp-Autoren und Erben von Autoren legten im Januar dieses Jahres in einem offenen Brief nach. „Wir, die Autoren und Erben, lassen nicht zu, dass der Frieden dieses Hauses gebrochen wird“, hieß es dort. „Wir gehören zum Suhrkamp-Verlag, nicht aber in die Gesellschaft eines, der den Verlag auf Spiel setzen will.“

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