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Süßkraut Stevia : Angriff auf den Zucker

So süß: Stevia-Pflanze auf einer Plantage in Paraguay Bild: AFP

Kalorienfrei und zahnschonend: Das lateinamerikanische Süßkraut Stevia könnte schon bald den Zuckermarkt in Europa durcheinanderwirbeln. Die Aktionäre von Europas größtem Zuckerhersteller Südzucker sind beunruhigt.

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          „Was ist, wenn Stevia kommt?“ Diese Frage sei jetzt häufiger zu hören, sagt Konzernsprecher Dominik Risser. Seit sich die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) im April positiv zu einer möglichen Zulassung des Süßstoffwunderkrauts äußerte, beschwören manche schon eine Revolution auf dem Zuckermarkt. Eines zumindest dürfte nach dem positiven Vorbescheid klar sein: Spätestens im kommenden Jahr wird die EU-Kommission den neuen Süßstoff als Nahrungsmittelzusatz EU-weit zulassen. „Daran führt kein Weg mehr vorbei“, sagt Anja Krumbe vom deutschen Süßstoffverband.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

          Was die Europäer in Aufregung versetzt, hat andernorts auf der Welt eine lange Tradition. In seiner ursprünglichen Heimat Paraguay wird die bis zu einem Meter hohe laubblättrige Pflanze schon seit Jahrhunderten verwendet, um den traditionellen Mate-Tee zu süßen. Aber auch gesundheitsfördernde, gar heilende Effekte werden dem Kraut nachgesagt. Allein die Blätter sind 30-mal süßer als Rohrzucker. Das Extrakt Steviosid soll bis zu 300-mal süßer sein. Zugleich ist der Süßstoff nahezu kalorienfrei, greift den Zahnschmelz nicht an und ist selbst für Diabetiker zu genießen.

          Der Stevia-Anteil in Lebensmitteln wächst rasant

          In Internetforen tobt schon seit langem ein Streit über die Vorteile und Risiken von Stevia. Der früher häufig geäußerte Verdacht, der Konsum von Steviosid beeinträchtige die Fruchtbarkeit oder verändere gar das Erbgut, wurde durch die Empfehlung der Efsa zumindest für geringe Mengen des Süßstoffes ausgeräumt. Anhänger des neuen Stoffs verweisen überdies auf die lange und offenkundig problemlose Nutzung in Südamerika – und sie verweisen auf Japan, wo Stevia schon seit den siebziger Jahren zugelassen ist.

          Eine Stevia-Feld nördlich von Asuncion

          Für die Lebensmittelindustrie jedenfalls birgt die Pflanze enormes Vermarktungspotential: ein „natürlicher“ Zuckerstoff, der nicht mit den Vorbehalten gegen die Chemiesüßer Aspartam und Cyclamat zu kämpfen hat und zugleich weder dick macht noch die Zähne schädigt. Das Problem an der Marketingwunderwaffe sei jedoch der manchmal noch bitterere Nachgeschmack und der fehlende „Bodyeffekt“, wie Südzucker-Sprecher Risser sagt. Für Backprodukte und Schokoriegel, die Volumen brauchten, sei sie nicht geeignet.

          Seit die amerikanische Lebensmittelbehörde im Dezember 2008 das Extrakt Rebaudiosid A zugelassen hat, wächst der Stevia-Anteil in Lebensmitteln rasant. Nach Angaben des amerikanischen Stevia-Anbieters GLG Life Tech wird der Umsatz der mit Stevia-Produkten gesüßten Lebensmittel von 100 Millionen Dollar im vergangenen Jahr auf 2 Milliarden Dollar im nächsten Jahr steigen. In vorderster Reihe haben sich die großen Getränkeanbieter positioniert: Coca-Cola süßt seine Limonadenreihe „Sprite Green“ mit der eigenen Stevia-Marke „Truvia“, PepsiCo, der Lebensmittelriese Kraft, der Getränkekonzern Hanson – alle haben schon Stevia-Produkte auf dem Markt.

          Coca-Cola hatte sich Patente gesichert

          Kritiker bemängeln, dass die neue Beliebtheit der alten Pflanze erst eingesetzt hat, als einige klassische Zuckeraustauschstoffe ihren lukrativen Patentschutz verloren. Seither habe der Widerstand der chemischen Industrie spürbar nachgelassen. Zudem wird der Stevia-Absatz in den Vereinigten Staaten – zumindest indirekt – von politischen Kampagnen gegen Fettleibigkeit gestützt. Wichtigster Anbieter ist der amerikanische Mischkonzern Cargill (Jahresumsatz: 117 Milliarden Dollar), der auf Basis langlaufender Lieferverträge mit Coca-Cola die Marke Truvia mitentwickelt hat. Coca-Cola hatte sich frühzeitig Patente für das Extrahieren von Stevia-Extrakten gesichert und so eine Markteintrittsbarriere geschaffen. Das Partnerunternehmen Cargill heuert derzeit angeblich Hunderte Bauern in China an, um den erwarteten Ansturm auf Stevia zu meistern.

          Coca-Cola, Cargill, die japanische Morita und die European Stevia Association waren denn auch die Treiber hinter den Zulassungsanträgen für die Europäische Union. Beflügelt wurde der Vorstoß vom Verhalten der französischen Regierung, die das Extrakt Rebaudiosid A Ende 2009 auf zwei Jahre befristet zugelassen hatte. Der französische Lebensmittelriese Danone kündigte umgehend den ersten Diätjoghurt auf Stevia-Basis an. Coca-Cola erklärte, die Rezeptur für die französische „Fanta Still“ entsprechend zu ändern. Die Amerikaner fügten eilfertig hinzu, Stevia solle auf keinen Fall das umstrittene Süßungsmittel Aspartam ersetzen, dessen Unbedenklichkeit von der EU schließlich festgestellt worden sei.

          Dahinter steckt ein Kalkül, schließlich sind Stevia-Süßstoffe zwar billiger als Zucker, aber immer noch teurer als klassische Süßstoffe. Mit der massenhaften Verbreitung könnte der Preis für Stevia-Süßstoffe schnell sinken. Das Marketingargumentarium spricht ohnehin für das Süßkraut aus Südamerika. Das potentielle Marktvolumen ist jedenfalls riesig. Der globale Zuckermarkt wird auf 70 Milliarden Dollar Umsatz geschätzt – weitere rund 1,5 Milliarden Dollar werden mit Zuckeraustauschstoffen umgesetzt.

          Der Süßstoffverband erwartet nach eigenem Bekunden keine Verdrängung. Stevia werde als neuer Baustein die Kette der bestehenden Produkte lediglich ergänzen. Auch Südzucker-Chef Wolfgang Heer fährt das Thema eher klein. „Wir sehen Stevia als interessantes Substitut für künstliche Süßstoffe“, sagt er. Von einem Angriff auf den Zuckermarkt spricht er nicht.

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