https://www.faz.net/-gqe-6l048

Stuttgart 21 : Grube betont Verantwortung für die Bahn

Bahnchef Rüdiger Grube am Montag in Stuttgart Bild: dpa

Selbst wenn er wollte, dürfte er keinen Baustopp für Stuttgart 21 akzeptieren, sagt Bahn-Chef Rüdiger Grube. Ein Scheitern zöge milliardenschwere Folgen nach sich. Trotz der Schlichtung hat die Bahn zwei weitere Aufträge für das umstrittene Bahnprojekt ausgeschrieben.

          Rüdiger Grube lässt keinen Zweifel an seiner Haltung: „Es kann und darf keinen Baustopp und keinen Vergabestopp geben“, ruft er vor rund 800 Politikern und Unternehmern aus, die sich auf Einladung der IHK Region Stuttgart vom Bahnchef persönlich über das Projekt Stuttgart 21 informieren lassen wollen. Die Nachricht verbreitet sich in Windeseile und führt politisch gleich zu Ärger, zumal Grube noch nachlegt und die Erwartungen an den Schlichter Heiner Geißler hinterfragt: „Das Wort Schlichtung erinnert an Tarifverhandlungen. Da geht es um ein bisschen mehr oder weniger. Hier geht es um Ja oder Nein.“

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Trotz der andauernden Schlichtung hat die Bahn zwei weitere Aufträge für das umstrittene Bahnprojekt ausgeschrieben. Die im europäischen Amtsblatt TED seit Freitag ausgeschriebenen Bauarbeiten umfassen Tunnel, Schächte und Unterführungen. Der Schlusstermin für den Eingang der Angebote ist bereits der 25. Oktober.

          Grube will die Chance nutzen, die Anwesenden nicht nur mit Argumenten für Stuttgart 21 zu munitionieren, sondern auch seine eigene Position zu beschreiben. „Ich bin Vorstandsvorsitzender der Bahn. Ich habe Verantwortung für die Bilanz der Bahn. Das hat mir die Politik ins Gebetbuch geschrieben“, ruft er aus. „Ich muss das Unternehmen führen wie Daimler oder Bosch oder ein anderes. 300 000 Menschen wollen pünktlich ihr Gehalt.“ Der Vertrag zum Projekt Stuttgart 21 sei sehr starr, erläutert Grube. Er enthalte gar keine Ausstiegsklausel, lediglich eine Sprechklausel, welche Verhandlungen zwischen den Projektträgern bei Kostenüberschreitungen regelt. „Das heißt, wir als Bahn haben einen Vertrag, den wir abarbeiten müssen. Und ein Vertrag ist dazu da, dass er erfüllt wird.“ Sein Mandat als Vorstandsvorsitzender erlaube es nicht, einen Baustopp zu veranlassen, der pro Monat rund 10 Millionen Euro kosten würde.

          Polizeiautos stehen Anfang September vor dem Abrissgelände des Nordflügels

          „Noch nie habe ich in 16 Monaten so viel gelernt“

          Die Forderung der Projekt-Gegner, die Kosten offenzulegen, sei nicht realisierbar, erklärt Grube weiter, weil es um Unterlagen gehe, die für die Preisbildung relevant seien. Ein wenig Entgegenkommen will Grube aber schon zeigen: „Ich wäre bereit, einen Wirtschaftsprüfer zu akzeptieren, der urteilt, ob die Kalkulationen ordnungsgemäß sind.“ Grube warnte davor, dass alles Geld verloren sei, das von der öffentlichen Hand, aber auch der Bahn für Stuttgart 21 bewilligt wurde. „Wissen Sie, wo das Geld dann landet? Bei Herrn Schäuble im Bermuda-Dreieck. Das ist dann weg.“ Die Bewilligung sei ans Projekt gebunden, das Geld stünde auch für den von Gegnern vorgeschlagenen Umbau des Kopfbahnhofs nicht zur Verfügung. Und allein die dann dringend notwendige Renovierung des heutigen Bahnhofs würde 1,8 Milliarden Euro kosten. „Aber auch dafür gibt es keine Finanzierung“, betont er.

          Stuttgart 21 könnte für den Bahnchef eines unter vielen Projekten sein, denn insgesamt manage die Bahn AG ein Projektvolumen von 89 Milliarden Euro. Tatsächlich bringt es Grube zum Stöhnen: „Noch nie habe ich in 16 Monaten so viel gelernt.“ Gleich nach Amtsantritt habe er sich alle Projekte zeigen lassen, bei Stuttgart 21 sei ihm sofort eine Besonderheit aufgefallen: Alle Kostenpositionen in dem kurz vor seinem Amtsantritt geschlossenen Finanzierungsvertrag seien mit der Anmerkung „Planungs- und Kostenstand 2004“ versehen gewesen. Eine Neuberechnung habe er daher sofort veranlasst. Aufgrund höherer Baukosten und steigender Sicherheitsanforderungen sei man auf einen Kostenrahmen von 4,5 Milliarden Euro gekommen, doch für die Bahn rechne sich das Projekt selbst bei 4,8 Milliarden Euro noch.

          Ob Stuttgart 21 kommt oder nicht - die IHK bedachte ihn mit Vorschusslorbeer und verlieh ihm den „Merkur“. „Das ist der Schutzpatron der Gewerbetreibenden“, erklärte IHK-Präsident Herbert Müller. „Das ist die höchste Auszeichnung, die wir zu vergeben haben. Und falls jemand meint, dass Sie den „Merkur“ zu früh bekommen, so denke ich, dass Sie in diesen Zeiten einen Schutzpatron gut gebrauchen können.“

          Stuttgart 21: Grundwasser gegen Mineralwasser

          Für Stuttgarter Bürger ist der Fall klar, mag das Wort „Grundwassermanagement“ auch noch so sperrig sein: Die Mineralwasserquellen dürfen keinen Schaden nehmen durch „Stuttgart 21“. Schließlich ist Stuttgart nach Budapest die Stadt mit dem größten Mineralwasservorkommen in Europa. Täglich sprudeln 43 Millionen Liter Wasser aus den Quellen, an insgesamt 19 Stellen in der Stadt gibt es öffentlich zugängliche Brunnenfassungen, und drei Mineralbäder werden daraus gespeist.

          Diffizil ist die Sache wegen der Wechselwirkungen zwischen Grundwasser und Mineralwasser. Während das Grundwasser von oben drückt, hat das erst ab etwa 60 Meter Tiefe vorkommende Mineralwasser Auftrieb, weil es kohlensäurehaltig ist. Zwischen beiden Wasservorkommen liegt eine wasserundurchlässige Gesteinsschicht, weshalb es nicht zu einer Vermischung kommt. Um dieses sensible Gleichgewicht durch den Bahnhofsbau und auch während der Bauarbeiten nicht in Gefahr zu bringen, sind dem Thema „Grundwassermanagement“ allein 150 Seiten im Planfeststellungsbeschluss gewidmet.

          Seit Jahren beschäftigt sich ein Arbeitskreis ausschließlich mit dem Thema Wasserwirtschaft; Ziel war es, mit Hilfe von Bohrungen und geohydraulischen Versuchen ausreichende Erkenntnisse über die in den einzelnen Schichten miteinander kommunizierenden Wasserströmungen zu gewinnen. Ein wesentliches Zugeständnis an die Wasserverhältnisse im Stuttgarter Untergrund ist die Erfordernis, das insgesamt 800 Meter lange Bauwerk nicht als eine einzige Baugrube auszuheben, sondern in mehrere Bauabschnitte zu teilen, um die Belastung fürs Grundwasser räumlich und zeitlich zu entzerren. Ein 17 Kilometer langes Netz von Leitungen dient dazu, Grundwasser abzupumpen, zu reinigen und wieder in den Boden zu leiten. Herzstück des Systems ist eine Aufbereitungsanlage, die neben dem Südflügel des Bahnhofs errichtet wird. Dafür wurden am 1. Oktober die ersten 25 Bäume im Schlossgarten gefällt. Bahn-Chef Rüdiger Grube fordert, die Betonwanne für die Aufbereitungsanlage müsse noch vor dem Wintereinbruch gebaut werden, sonst komme es zu monatelangen Verzögerungen.

          Weitere Themen

          Bedeutet der Uploadfilter das Ende des freien Internets? Video-Seite öffnen

          Reform des Urheberrechts : Bedeutet der Uploadfilter das Ende des freien Internets?

          Internet-Plattformen sollen dazu gezwungen werden, keine Inhalte auf ihren Seiten zuzulassen, für die die Urheber keine Lizenz erteilt haben. Dabei könnten so genannte Uploadfilter zum Einsatz kommen. Sie erkennen urheberrechtlich geschützte Texte, Bilder oder Audiodateien automatisch und blockieren ein Hochladen.

          Droht ein Endlos-Stau? Video-Seite öffnen

          Speditionen fürchten Brexit : Droht ein Endlos-Stau?

          Ein ungeregelter Brexit könnte Logistiker vor ungeahnte Probleme stellen. Es könne helfen, sich so gut es geht auf die verschiedenen Szenarien vorzubereiten. Doch dazu bleibt kaum noch Zeit.

          Topmeldungen

          Brexit-Verschiebung : Erst mal Luft holen

          Die Verschiebung des Brexits soll Klarheit in Westminster schaffen. Aber Obacht: Es ist viel Druck im Kessel der britischen Politik. Hoffentlich explodiert er nicht.

          Neue Seidenstraße : China ist längst in Italien angekommen

          Italien wird Teil von Chinas Seidenstraße. Gegen die Kritik aus vielen EU-Ländern verteidigt sich Italien: Der deutsche Handel mit China sei doch viel größer. Viele übersehen, Chinas Investoren sind schon längst in Italien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.