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Energiekosten : Heidelberg Cement warnt vor Werksschließungen

Die Bagger von Heidelberg Materials könnten bald weniger Kalkstein aus den Steinbrüchen fördern. Bild: dpa

Für die Produktion von Zement wird viel Energie benötigt. Heidelberg Cement bereitet sich wegen der hohen Energiekosten auf Produktionskürzungen vor – und fordert einen Strompreisdeckel.

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          Der Baustoffkonzern Heidelberg Cement hat vor Werksschließungen in Deutschland gewarnt. Wenn der Strompreis nicht dauerhaft falle, müsse das Unternehmen das ein oder andere Werk komplett vom Netz nehmen, darauf habe man sich vorbereitet, sagte der Vorstandsvorsitzende Dominik von Achten. Nach seinen Worten hat der Konzern das Gros des Stroms zwar langfristig eingekauft, einen Rest allerdings müsse sich das Unternehmen kurzfristig am Spotmarkt besorgen. Die hohen Energiepreise müssten dringend gesenkt werden. „In Deutschland und Europa stehen echte Fragezeichen hinter den Standorten.“

          Bernd Freytag
          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Mainz.

          Nach den Worten von Finanzvorstand René Aldach geht Heidelberg Cement davon aus, dass die Energiekosten im laufenden Jahr um eine Milliarde Euro auf 3,1 Milliarden Euro steigen. Für jedes Werk habe das Unternehmen ein eigenes Einsparszenario entwickelt. Da die Anlagen sehr flexibel gefahren werden könnten, würden Teile der Produktion jetzt schon ins Wochenende verlagert, wenn der Strompreis tendenziell niedriger sei.

          Ohne einen Strompreisdeckel, möglichst europaweit, werde man keine Ruhe in den Markt bekommen, sagt Konzernchef von Achten. Es sei regelmäßig zu beobachten, dass die Energiepreise fielen, sobald nur über einen Preisdeckel gesprochen werde. Von Achten geht davon aus, dass die Strompreise schon jetzt auch spekulativ getrieben werden, weil der Bund Gas zu fast jedem Preis einkaufe. Dieses Problem sei nur mit einem Preisdeckel dauerhaft zu lösen. Auf die Frage wie hoch dieser seien müsse, nannte er eine akzeptable Spanne von 150 bis 200 Euro je Megawattstunde. Nach Darstellung von Finanzchef Aldach schwankt der Preis an der Strombörse aktuell sehr stark, von teils mehr als 1000 Euro bis unter 100 Euro je Megawattstunde. Eine Planung sei so nicht möglich.

          Die Hoffnung auf den grünen Zement

          Heidelberg Cement ist der zweitgrößte Zementhersteller der Welt, zudem zweitgrößter Produzent von Beton und von Zuschlagstoffen wie Sand und Kies. Global betreibt der Konzern knapp 150 Zementwerke, zehn davon in Deutschland.

          Wenn Werke in Deutschland oder Europa wegen der hohen Energiepreise schließen, würde sich nach von Achtens Darstellung die Menge verknappen und die Preise für Zement und Beton steigen. Eine Verlagerung der Produktion an günstigere Standorte sei kein Thema. Der Transport von Zement sei über lange Strecken unwirtschaftlich. Wer von außerhalb in die EU importiere muss zudem einen C02-Grenzausgleich bezahlen. Bauprojekte in Deutschland würden aber auch bei einer Verdopplung des Betonpreises nicht gefährdet, sagt von Achten. Beton mache im Schnitt unter 5 Prozent der Baukosten aus.

          Hoffnungen setzt der Konzern, der sich gerade in Heidelberg Materials umbenennt, in „grünen“ Zement und Beton. Von Achten geht davon aus, dass Kunden bereit sind, deutlich mehr für diese Baustoffe zu bezahlen, wenn sie ohne oder mit deutlich weniger Kohlendioxidausstoß belastet seien. Da der Großteil der Treibhausgase in der Produktion von Zement frei wird – beim Brennen von Klinker entweicht unweigerlich CO2 – forciert Heidelberg Cement das sogenannte CCS, also das Abscheiden und Speichern von Kohlendioxid.

          In seinem norwegischen Werk hat der Konzern das nach eigenen Angaben größte Pilotprojekt im industriellen Maßstab gestartet: Das CO2 soll dort getrennt und im Meeresboden verpresst werden. 2024 will Heidelberg Cement den ersten CO2-freien Zement der Welt anbieten. Weil der Transport teuer ist, will das Unternehmen – ähnlich wie im Strommarkt – die CO2-Ersparniss auf die gesamte Produktion anrechnen. So könnten auch Kunden in Deutschland indirekt grünen Zement aus Norwegen kaufen.

          Noch werden solche CCS-Projekte erheblich staatlich gefördert. Von den gut 300 Millionen Euro Kosten in Norwegen trägt der norwegische Staat nach Angaben von Heidelberg Cement 80 bis 85 Prozent. Im Schnitt rechnet der Konzern in der Anfangsphase der Projekte mit staatliche Hilfen von rund 50 Prozent. Die erwarteten Kosten für das Unternehmen selbst beziffert Finanzvorstand Aldach auf 1,5 Milliarden Euro bis 2030. Die Tonne Zement würde sich so grob um 60 Euro verteuern, allerdings spare sich der Konzern absehbar dann auch den Kauf von CO2-Zertifikaten, die aktuell etwa gleich viel kosten. Zur Zeit sind allerdings nur wenige Konzerne auf den Zukauf angewiesen, sie bekommen die Zertifikate noch kostenlos, die zugeteilten Mengen werden allerdings schrittweise beschränkt. Heidelberg Cement habe zur Zeit genügend Zertifkate und müsse keine zukaufen.

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