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Stromerzeuger in der Krise : RWE vor erstem Verlust seit 60 Jahren

  • -Aktualisiert am

Kontrollverlust: Die Kraftwerke von RWE, wie hier in den Niederlanden, sind längst Spielball der Energiepolitik geworden Bild: Bloomberg

Deutschlands größter Stromproduzent kommt nicht voran: Wegen der schweren Situation in der Branche muss RWE weitere Abschreibungen in Milliardenhöhe auf konventionelle Kraftwerke vornehmen.

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          Deutschlands größter Stromerzeuger RWE steuert auf den ersten Verlustabschluss seit mehr als sechs Jahrzehnten zu. Zusätzlich zu den stark abschmelzenden Erträgen der Stromerzeugung werden Wertkorrekturen beim Kraftwerkspark den Jahresabschluss 2013 belasten. Am Dienstag hat das Essener Versorgungsunternehmen für das vierte Quartal einen zusätzlichen Wertberichtigungsbedarf von rund 3,3 Milliarden Euro bekanntgegeben.

          Diese Abschreibungen werden zwar das schon 2012 fast um ein Drittel auf 1,3Milliarden Euro geschrumpfte Nettoergebnis völlig abschmelzen. Aber sie zehren nicht an der Liquidität und werden auch nicht im sogenannten nachhaltigen Nettoergebnis berücksichtigt. Das um Einmaleffekte bereinigte nachhaltige Ergebnis ist die Basis für die Ausschüttung an die Aktionäre und soll 2013 nach bisherigen Prognosen mit rund 2,4 Milliarden Euro fast konstant bleiben. So stellt RWE in der jüngsten Mitteilung auch nicht die früher vom Vorstand für das Geschäftsjahr 2013 in Aussicht gestellte Dividende von einem Euro je Aktie in Frage. Dieser Satz bedeutet ohnehin eine Halbierung der für die beiden Vorjahre gezahlten Dividende. Während im Dax fast alle Titel ihre Vortagsverluste wettmachen konnten, gehörten die RWE-Aktien mit Kursverlusten zu den Schlusslichtern im deutschen Leitindex.

          Stellenabbau angekündigt

          Der Abschluss 2013 umfasst das erste volle Geschäftsjahr, das der im Sommer 2012 auf den Vorstandsvorsitz aufgerückte Peter Terium zu verantworten hat. Die Einschnitte bei RWE erinnern an Eon im Jahr 2011. Damals hatte Johannes Teyssen als neuer Eon-Chef im Nachgang zur Reaktorkatastrophe von Fukushima und dem deutschen Atomausstieg mit einer beispiellosen Aufräumaktion Deutschlands größten Energieversorger in den Keller geschickt. So hatte sich 2011 das den Eon-Aktionären zurechenbare Konzernergebnis dramatisch um 8 Milliarden Euro auf 2,2 Milliarden Euro Fehlbetrag verschlechtert.

          Der Mitte 2011 begonnene Preisverfall im Stromgroßhandel verursacht in ganz Europa den Betreibern von Gas- und Steinkohlekraftwerken erhebliche Probleme. „Mit dieser Wertberichtigung tragen wir insbesondere den tiefgreifenden Veränderungen der Rahmenbedingungen auf dem europäischen Erzeugungsmarkt Rechnung“, wird Terium in der Unternehmensmitteilung zitiert. Er verwies auf die Sparprogramme, mit denen RWE in der Stromerzeugung die Ertragskraft wieder stärken will.

          Die im Schlussquartal vorgenommenen starken Wertabschläge sind eine Reaktion auf die im vierten Quartal erarbeitete Mittelfristplanung, die von schweren Jahren mit deutlich niedrigeren Ergebnissen ausgeht. Vor diesem Hintergrund hatte Terium schon Mitte November bis Ende 2016 den Abbau von zusätzlichen 6750 Stellen – davon 4700 in Deutschland – angekündigt. Für den Konzern bedeutet dies eine Verringerung der Belegschaft um 13.000 Menschen innerhalb von fünf Jahren. Dadurch sollen die Kosten um 1,5 Milliarden Euro gesenkt werden. Wie stark der Ergebniseinbruch bei RWE 2013 ausfällt, wird Terium erst am 4.März der Öffentlichkeit präsentieren. Unter den Analysten rechnet Michael Schäfer von Equinet mit etwa einer Milliarde Euro Verlust.

          Abschreibungen doppelt so hoch wie 2012

          Für die ersten neun Monate hatte RWE stabile 1,6 Milliarden Euro als betriebliches Ergebnis bekanntgegeben. Positiv hatte sich bis dahin eine rund eine Milliarde Euro schwere Ausgleichszahlung des russischen Lieferanten Gasprom ausgewirkt. Mit einem Schiedsverfahren hat RWE auch rückwirkend eine Korrektur der nicht mehr marktgerechten Gaseinkaufspreise durchgesetzt. Trotzdem hat der rapide Ertragsverfall in der Stromerzeugung schon in den ersten neun Monaten tiefe Spuren im Zwischenbericht hinterlassen. So sind schon in den ersten neun Monaten das Vorsteuerergebnis um 41 Prozent auf 1,7 Milliarden Euro geschrumpft und das Nettoergebnis noch stärker um fast 68 Prozent auf 609 Millionen Euro eingebrochen. In diesen schlechten Zahlen sind schon 800 Millionen Euro Abschreibungen auf Kraftwerke der niederländischen Tochtergesellschaft Essent enthalten. Somit betragen die Wertkorrekturen im gesamten Jahr 2013 mehr als 4 Milliarden Euro. Der Betrag ist fast doppelt so hoch wie im Geschäftsjahr 2012. Damals waren 2,3 Milliarden Euro Wertberichtigungen vorgenommen worden, wovon allein 1,7 Milliarden Euro den niederländischen Kraftwerkspark betrafen.

          Von den jetzt veröffentlichten 3,3 Milliarden Euro Wertkorrekturen entfallen 2,9 Milliarden Euro auf die konventionelle Stromerzeugung in Kohle- und Gaskraftwerken. Die übrigen 400 Millionen Euro betreffen den Beteiligungsbereich und das Segment Erneuerbare Energien.

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