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Streit über das Siegel : Kann Wasser bio sein?

Ein Sturm im Wasserglas? Bild: obs

Die Deutschen trinken immer mehr Mineralwasser. Die Getränkeindustrie könnte zufrieden sein. Doch eine kleine Brauerei aus Bayern verkauft Mineralwasser mit „Bio“-Siegel und verärgert die Branche. Jetzt müssen die Gerichte entscheiden.

          3 Min.

          Als sich 1986 in Tschernobyl der Super-GAU ereignet hat, nahm in Deutschland der Mineralwasserkonsum sprunghaft zu. Schnell setzte sich die Erkenntnis durch, dass Millionen Jahre altes Tiefenwasser von Umweltkatastrophen an der Erdoberfläche völlig unberührt ist. Und so drehte der deutsche Bürger den Wasserhahn zu und die Wasserflasche auf. Nun ist Fukushima 9000 Kilometer weit entfernt, und allen verunsicherten Verbrauchern, die trotzdem an der Qualität von Mineralwasser zweifeln, rät Wolfgang Stubbe zur Besonnenheit. „An das Mineralwasser, wie es in Deutschland anerkannt ist, braucht man keinen Geigerzähler zu halten“, sagt der Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Mineralbrunnen.

          Henning Peitsmeier
          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Keine Frage, Mineralwasser ist „in“. Noch vor dem Reaktorunfall in Tschernobyl trank der Durchschnittsdeutsche davon im Jahr nur 56 Liter. 25 Jahre, mehrere Lebensmittelskandale und unzählige Fitness- und Gesundheitstrends später sind es gut 130 Liter. Dank der Mineral- und Tafelwasserverordnung aus dem Jahr 1984 kann sich der Wassertrinker auf eine immer gleichbleibende Qualität verlassen. Die Branche wächst, Brunnenbetriebe und Getränkehersteller könnten also zufrieden sein. Doch eine kleine Brauerei aus der Oberpfalz hat für einen nachhaltigen Schluckauf gesorgt. Die Ökobrauerei Lammsbräu aus Neumarkt verkauft seit einiger Zeit teures Mineralwasser mit „Bio“-Etikett: Nicht nur natürlich rein sei das Wasser, sondern auch biologisch korrekt.

          Siegel für besonders natürliches Wasser

          Die großen Getränkekonzerne sind irritiert. „Was kann natürlicher sein als Wasser aus einer natürlichen Quelle?“ fragt sich etwa der Sprecher von Nestlé Deutschland. Der Schweizer Lebensmittelkonzern, der in Deutschland aus den Quellen Fürst Bismarck und Neuselters schöpft, hat mit Vittel und S. Pellegrino edle Marken im Sortiment, für die der Verbraucher viel Geld bezahlt, weil er sich einen höheren Nutzen verspricht als vom No-Name-Wasser aus dem Plastikschlauch. Aber ein besonderes Gütesiegel prangt auf den schicken Flaschen von Vittel oder S. Pellegrino nicht.

          Ein Bio-Siegel ziert die Mineralswasserflasche der Biobrauerei Lammsbräu
          Ein Bio-Siegel ziert die Mineralswasserflasche der Biobrauerei Lammsbräu : Bild: dapd

          Das gibt es nur auf dem „Bio Kristall“ der Neumarkter Lammsbräu. „In Deutschland kennen wir Biobier und sogar Biosprit“, sagt die Brauereigeschäftsführerin Susanne Horn, „da ist die Zeit einfach reif für Biomineralwasser.“ Schadstoffbelastung und Umweltverschmutzung machten leider auch vor den Mineralquellen keinen Halt, argumentiert sie. Heute Schädliches sei in der Verordnung von 1984 noch gar nicht erfasst. Deshalb hat die Brauerei die Qualitätsgemeinschaft Biomineralwasser eV ins Leben gerufen und 50 Kriterien definiert, die ein echtes Ökowasser erfüllen muss. Eine kontinuierliche Überprüfung von Wasserqualität und Abfüllbedingungen durch unabhängige Institute soll den Weg zu einem Bio-Siegel in ganz Europa ebnen. Weit gekommen ist die bayerische Brauerei nicht. Vor wenigen Wochen bezeichnete das Landgericht Nürnberg-Fürth das Bio-Siegel auf den Wasserflaschen als irreführend. Es werde fälschlicherweise der Eindruck erweckt, dass das Biomineralwasser „im Vergleich zu konventionellen Mineralwässern besondere Qualitätskriterien aufweist“, lautete das vernichtende Urteil.

          Firma legt Berufung ein

          Die Wettbewerbszentrale hat auf Unterlassung geklagt, nachdem sich mehrere Mineralwasseranbieter über die Lammsbräu-Flaschen beschwert hatten. „Wasser ist per se ,bio'“, sagt Christiane Köber von der Wettbewerbszentrale, „es wird nicht hergestellt wie biologisch angebaute Lebensmittel, sondern schlicht aus einer Quelle geschöpft.“

          Mit dem Urteil findet sich die kämpferische Lammsbräuchefin nicht ab. „Wir haben Berufung eingelegt“, sagt Horn. Es gehe ihr nicht um irgendeinen Marketinggag, behauptet die 37 Jahre alte Kauffrau, sondern um „die Sache“. Bei den großen Getränkekonzernen will sie „Angst vor einem neutralen Qualitätsurteil“ ausgemacht haben. Das Bio-Siegel stellt ihrer Meinung nach sehr wohl auf die Herstellung ab, schreibt es doch die Zusammensetzung des Wassers und damit die Produktsicherheit und Schadstoffminimierung vor. Auch ein schonender und auf Nachhaltigkeit ausgerichteter Umgang mit der Mineralquelle und ein ressourcenschonender Vertrieb samt umweltfreundlicher Gebinde und kurzer Transportwege sind unerlässlich für die Zertifizierung.

          Biobier bringt den Hauptumsatz

          Bisher hat die Neumarkter Lammsbräu mit ihren 90 Mitarbeitern 2000 Hektoliter Biomineralwasser verkauft. Das ist nicht viel angesichts eines jährlichen Ausstoßes von 110 000 Hektolitern, mit dem das mittelständische Familienunternehmen 11 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet. Den Löwenanteil macht das Biobier aus. Es wurde 1987 von Franz Ehrnsperger, dem Inhaber in sechster Generation, eingeführt. Ehrnsperger wollte sich nach der Tschnernobyl-Katastrophe beim Bier nicht allein auf das deutsche Reinheitsgebot verlassen. Er wollte nicht hinnehmen, dass chemische Pestizide und Kunstdünger die Ökosysteme Boden und Grundwasser schädigen und sie aus dem Gleichgewicht bringen. Deshalb überredete er mehrere Landwirte, ihre Betriebe auf ökologische Landwirtschaft umzustellen. Heute bezieht die Neumarkter Lammsbräu Hopfen, Gerste und Malz von 110 Biobauern im Umkreis von 150 Kilometern. 16 verschiedene Sorten Biobier hat Lammsbräu im Angebot und 9 verschiedene Biolimonaden.

          Damals sperrte sich die gesamte Branche gegen den Biotrend, Ehrnsperger wurde sogar aus dem Brauer-Bund ausgeschlossen. Doch heute lassen sich viele Brauereien nur allzu gern von neutralen Gutachtern in die Braukessel gucken, um das Biosiegel tragen zu dürfen. „Bier besteht zu 97 Prozent aus Wasser“, sagt Lammsbräuchefin Horn. Womit wir wieder beim Thema wären. Es beschäftigt demnächst das Oberlandesgericht. Und dann womöglich den Bundesgerichtshof in letzter Instanz.

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