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Streit im Volkswagen-Konzern : Dienen – bisher nur an der Porsche-Spitze

  • -Aktualisiert am

Seit knapp fünf Jahren Chef bei Porsche: Matthias Müller Bild: Reuters

Volkswagen-Patriarch Ferdinand Piëch ist mit Konzernchef Martin Winterkorn unzufrieden. Sollte es ihm gelingen, Winterkorn abzuservieren, stellt sich die Frage: Wer kommt dann? Einer sagt schon, dass er bereit ist.

          Februar 2014. Im Scheinwerferlicht steht ein saphirblauer Porsche Macan. Porsche-Chef Matthias Müller posiert davor mit Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel. Die Kameras haben, was sie brauchen: ein tolles Auto und prominente Leute anlässlich der Werkserweiterung von Porsche in Leipzig. Im Dunkel des Hintergrunds beobachtet Ferdinand Piëch die Szene: „Schön“, sagt der VW-Patriarch. Für einen, der mit spärlich plazierten Wörtern einen Weltkonzern regiert, ist das fast ausreichend. Was findet er schön? „Das Auto ist das Wichtigste“, kommt es von Piëch.

          Über Matthias Müller, der mit dem kleinen Geländewagen Macan sein Meisterstück als Porsche-Chef abgeliefert hatte, sagte Piëch nichts. Dabei könnte er damals schon längst einen Plan für diesen Manager gehabt haben. Jetzt, ein gutes Jahr später, nachdem der Aufsichtsratsvorsitzende von Volkswagen wiederum mit einem einzigen Satz zum VW-Vorstandsvorsitzenden Winterkorn auf Distanz gegangen ist, sieht es ganz danach aus, als hätte es diesen Masterplan längst gegeben. Seine Eckpunkte: Matthias Müller wird Nachfolger von Martin Winterkorn an der Spitze des VW-Konzerns und sorgt so einerseits für Kontinuität und zugleich für eine Neuausrichtung für das Zeitalter des autonomen Fahrens.

          Der bisherige BMW-Manager Herbert Diess, der in diesem Sommer die Führung der Marke Volkswagen übernimmt, könnte sich einstweilen bewähren und dann als Nachfolger von Müller zur Verfügung stehen. Alternativ könnte das Andreas Renschler sein, Jahrgang 1958 wie Diess, der jüngst von Daimler als Nutzfahrzeugvorstand zu Volkswagen wechselte.

          Müller ist nicht abgeneigt

          Müller ist schon fast 62 Jahre alt. Doch Alter ist etwas Relatives im VW-Konzern: Aufsichtsratschef Piech wird an diesem Freitag 78, Vorstandschef Martin Winterkorn wird Ende Mai 68. „Ich bin für nichts zu alt“, sagt Müller, dessen schlohweißer Haarschopf etwas Jungenhaftes hat. Er lässt keinen Zweifel daran, dass es ihm bei Porsche in Stuttgart gefällt, schon der schnellen Autos wegen, dass er sich aber einem Ruf nach Wolfsburg nicht verschließen würde: „Ich stehe für jede Aufgabe zur Verfügung. Warum sollte ich mich verschließen?“, sagte Müller bei der Bilanzpressekonferenz in diesem März auf die Frage, ob er als Winterkorn-Nachfolger zur Verfügung stehe. Damals war noch nicht abzusehen, dass Winterkorn seinen bis Ende 2016 laufenden Vertrag vorzeitig beenden will oder muss.

          Diese Haltung des Zur-Verfügung-Stehens dürfte ein Charakterzug sein, der Ferdinand Piëch gut gefällt. Er, der Enkel des VW-Käfer-Konstrukteurs Ferdinand Porsche, denkt dynastisch; da spielt das Dienen eine große Rolle und Selbstbewusstsein eine kleine. Schmerzlich hat das zum Beispiel Wendelin Wiedeking zu spüren bekommen, der Porsche in den 90er Jahren vor der Pleite bewahrt hat, dann aber mit seinen Allmachtsphantasien auf Piëchs Widerstand stieß. Der gefährliche Übernahmepoker hat den Familien Porsche und Piëch letztlich immerhin eine Mehrheit am Volkswagen-Konzern gesichert, doch Wiedeking hat man auf Piëchs Initiative hin verstoßen.

          Müllers Aufgabe war es, Porsche nach der Ära Wiedeking aufs Neue zu sanieren. „Die Schubladen in Weissach sind leer“, hatte Ferdinand Piëch nach Wiedekings Abgang mit Blick auf das dortige Entwicklungszentrum konstatiert: In Stuttgart hatte man jeden Cent in die VW-Übernahmeschlacht gesteckt, das Kerngeschäft aber vernachlässigt. Müller setzte sich bei seinem Amtsantritt vor knapp fünf Jahren zum Ziel, bis 2018 die Zahl der verkauften Autos auf 200000 verdoppelt zu haben und für Porsche eine Umsatzrendite von dauerhaft mindestens 15 Prozent zu erzielen. Bei all dem wollte er keinesfalls als beinharter Sanierer erlebt werden, sondern Porsche als attraktiven Arbeitgeber profilieren und für die Kunden den Mythos Porsche pflegen.

          Das „sportlichste Elektroauto der Welt“

          An all diese Aufgaben kann Müller einen Haken machen, viel früher als geplant. Schon voriges Jahr hat Porsche dank des neuen Geländewagens Macan die Verkaufszahlen auf knapp 190000 Autos erhöht. Und das vierte Mal schon hat Porsche das Renditeziel von 15 Prozent übertroffen. Dabei betont Müller vorsichtshalber immer wieder, es könnte auch mal anders kommen: Man hat schließlich Vorleistungen zu erbringen, die Autoindustrie ist schließlich gerade im Begriff, sich neu zu erfinden. Mehr oder weniger aus Versehen hat Müller schon bestätigt, dass Porsche als siebte Baureihe ein Elektroauto in petto hat. Müller weiß, dass damit im Moment kein Blumentopf zu gewinnen ist, weil für die Kunden der Komfort fehlt: Reichweite, Ladezeit, Infrastruktur sind unbefriedigend. Aber wenn es so weit ist, soll Porsche dabei sein, mit dem „sportlichsten Elektroauto der Welt“.

          Das Vorausschauende hat Müller schon früher bewiesen. Er war in seiner Zeit bei Audi auch für den A2 zuständig. Das Drei-Liter-Auto mit seiner teuren Alukarosserie floppte, aber Müller sagt, er habe viel daraus gelernt. Von Visionen für die breite Palette an VW-Marken ist nichts bekannt, aber bisher war Müller dazu ja nicht gefragt. „Porsche-Fahrer erwarten kein Smartphone auf Rädern und auch nicht den größten Touchscreen in der Mittelkonsole“, sagt Müller, der selbst von Kindesbeinen an Rennluft geschnuppert hat, über seine Klientel. Das Verständnis für solche Zukunftsthemen darf man von ihm gleichwohl erwarten: Nach einer Werkzeugmacherlehre bei Audi hat Müller in München Informatik studiert, und seine Karriere als Führungskraft bei Audi startete er im IT-Bereich.

          Ob und wie schnell Müllers Qualitäten ihn an die Spitze des Volkswagen-Konzerns befördern, hängt auch von der Haltung der Arbeitnehmer-Vertreter im Aufsichtsrat ab. Falls es dort Vorbehalte geben sollte, ließen diese sich an Zahlen kaum festmachen: Die Porsche-Belegschaft wuchs in den letzten fünf Jahren um mehr als 70 Prozent auf 22400 Mitarbeiter. Und an der Bezahlung gibt es sowieso nichts zu mäkeln: mit dem April-Gehalt bekommen die Porsche-Mitarbeiter 8600 Euro extra.

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