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Streit bei Tchibo : Diese Herz-Brüder

Kaffee machte Tchibo groß - und die Familie Herz zu Milliardären Bild: dpa

Joachim, Michael und Wolfgang Herz besitzen zusammen die Kaffeekette Tchibo und der Konzern Beiersdorf. Doch die Gemeinsamkeiten sind seit Jahren aufgebraucht. Nun eskaliert der Streit zwischen den Brüdern vollends: Joachim Herz schleust einen Berufskläger in die Hauptversammlung.

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          Die seit Jahren währende Fehde unter den Familieneigentümern des Tchibo-Konzerns eskaliert. Erstmals in der Geschichte des Kaffeerösters, dem auch die Mehrheit des Kosmetikherstellers Beiersdorf (Nivea) gehört, wird ein familienfremder und obendrein feindlich gesinnter Aktionär in der Hauptversammlung das Wort erheben: Für das Aktionärstreffen an diesem Donnerstag hat sich der „Berufskläger“ Karl-Walter Freitag angemeldet - mit vier Aktien der Tchibo Holding AG.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Aktien aus dem Familienkreis

          Der Tchibo-Konzern, der im vergangenen Jahr gut 9 Milliarden Euro umgesetzt hat, ist nicht an der Börse notiert. Freitag muss die Aktien also aus dem Kreis der Familie Herz bekommen haben, die zusammen 100 Prozent des Kapitals besitzt. Dabei kommt nur ein Familienmitglied als Verkäufer in Frage: Joachim Herz. Der zweitälteste Sohn des Tchibo-Gründers Max Herz führt schon seit Jahren einen zermürbenden Kleinkrieg gegen seine Brüder Michael und Wolfgang, die jeweils 35 Prozent des Kapitals halten.

          Da Joachim nur 15 Prozent besitzt und seine Mutter Ingeburg (Anteil: 15 Prozent) auf der Seite von Michael und Wolfgang steht, dürfte das Scharmützel wohl ohne Folgen bleiben. Mit zusammen 85 Prozent der Stimmrechte können Michael, Wolfgang und Ingeburg alle Beschlüsse - von der Umbenennung der Holding in „MaxIngVest“ bis zur Dividendenausschüttung - durchboxen.

          Keine Weihnachtskarte für die Mutter

          Dass sich einer dieser drei plötzlich auf die Seite Joachims schlägt, gilt als ausgeschlossen. Michael und Wolfgang sind zwar unterschiedliche Charaktere; der eine eher impulsiv und umtriebig, der andere eher reflektorisch und zögerlich. „Aber am Ende sind sie immer einer Meinung gewesen“, sagt ein Manager aus dem Tchibo-Konzern. Außerdem sind die beiden Brüder auch jenseits von Tchibo geschäftlich eng miteinander verbunden: Ihnen gehören die Filialkette Blume 2000 und der Internet-Buchhändler Libri.

          Die 85 Jahre alte Mutter Ingeburg, so heißt es, sei hell empört darüber, dass ihr eigener Sohn einen familienfremden „Krawallbruder“ wie Karl-Walter Freitag in die Aktionärsgemeinschaft schleuse. Sie sehe dies als Verrat an der Familie und am Erbe ihres früh verstorbenen Mannes. Angeblich hat Ingeburg Herz schon seit Jahren kein Wort mehr mit Joachim gewechselt. Der schicke seiner Mutter nicht mal zu Weihnachten eine Karte.

          Hoher Lästigkeitswert

          Angesichts der klaren Mehrheitsverhältnisse droht das Eigentümergerüst der Tchibo Holding (und damit auch der Beiersdorf AG) nicht durch den Familienstreit zusammenzubrechen. Gleichwohl hat das Ganze einen hohen Lästigkeitswert. Denkbar ist, dass Joachim - wie schon einmal geschehen - die Juristen mit einem Antrag auf Sonderprüfung in Atem hält und dass Freitag - wie nach Einschätzung von Beobachtern schon bei vielen börsennotierten Unternehmen - Formfehler zu provozieren versucht und nach der Hauptversammlung mit Anfechtungsklagen für Unruhe sorgt.

          Die Gründe für diesen grotesken Streit unter Milliardären (allein der Mehrheitsanteil an Beiersdorf ist fast 7 Milliarden Euro wert) reichen bis in das Jahr 1965 zurück. Damals starb Tchibo-Gründer Max Herz und „beglückte“ seine fünf Kinder mit der unklaren Erbregelung, nach der „zwei meiner fähigsten Jungen“ die Mehrheit halten sollten. Sein ältester Sohn Günter, heute 66 Jahre alt, übernahm die Führung und stieg mit Tchibo in das Gebrauchsgütergeschäft ein.

          Der Erfolg weckt den Neid unter den Brüdern

          Der geschäftliche Erfolg weckte den Neid seiner Brüder, wobei vor allem Michael eigene Führungsambitionen entwickelte. Ende 2000 kam es zum offenen Bruch: Unter dem Einfluss der opponierenden Brüder versagte der Aufsichtsrat Günter Herz die Vertragsverlängerung. Drei Jahre später verkauften Günter und Daniela Herz ihre Tchibo-Beteiligung (40 Prozent) für mehr als 4 Milliarden Euro an ihre Geschwister.

          Seit diesem Ausstieg hat sich die Position von Joachim, der sich angeblich schon immer als Außenseiter in der Familie gefühlt und geriert hat, verschlechtert. Im erbitterten Streit der Aktionärslager von Günter und Michael war Joachim stets das Zünglein an der Waage. Dieser Bedeutung wurde er nach Günters Ausstieg enthoben, zumal er die Option ausschlug, 25 Prozent der Holding-Anteile zu bekommen.

          Streitsüchtig, ungezügelt, beratungsresistent?

          Gegen die Interessen der dominierenden Brüder Michael und Wolfgang konnte und kann er nichts ausrichten. Inzwischen geht Joachim, den Familienkenner als streitsüchtig, ungezügelt und beratungsresistent beschreiben, juristisch gegen die 2003 erfolgte Neuordnung der Gesellschafterstruktur vor und macht Ersatzansprüche gegen den früheren Tchibo-Vorstandsvorsitzenden und heutigen Chefkontrolleur Reinhard Pöllath geltend.

          Michael, Wolfgang und Ingeburg Herz wäre es vermutlich am liebsten, wenn Joachim seine Tchibo-Beteiligung in toto verkaufen würde. Denn einen lästigeren Störenfried kann es aus deren Sicht gar nicht geben. Doch für einen Ausstieg gibt es im Moment keine Signale. Denn Joachim möchte in der Familie eine Rolle spielen. Und das schafft er überhaupt nur, wenn er an Tchibo beteiligt bleibt.

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