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778 Millionen Dollar Strafe : Schweizer Zementkonzern Holcim büßt für Terrorfinanzierung

Fusion mit ungeahnten Konsequenzen: Holcim-Chef Rolf Soiron schüttelt die Hand von Lafarge CEO Bruno Lafont bei einer Pressekonferenz im April 2014. Bild: REUTERS

Das Unternehmen bekennt sich schuldig, einst Terrorgruppen in Syrien unterstützt zu haben. Die Strafe folgt auf dem Fuß.

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          Eine Tochtergesellschaft des Schweizer Zementkonzerns Holcim hat sich vor einem amerikanischen Gericht schuldig bekannt, bei früheren Geschäften in Syrien terroristische Organisationen unterstützt zu haben. Dafür zahlt das Unternehmen nun eine Strafe von 778 Millionen Dollar. In der Folge wird das Verfahren eingestellt.

          Johannes Ritter
          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Der Fall beschäftigt die Gerichte schon seit vielen Jahren. Er geht zurück auf die Zeit zwischen 2013 und 2014 und betrifft das französische Unternehmen Lafarge SA, das Mitte 2015 mit der schweizerischen Holcim AG zum größten Zementkonzern der Welt fusionierte. Erst später sickerte langsam durch, dass sich in der Lafarge-Zementfabrik in Syrien östlich von Aleppo Ungeheuerliches zugetragen hatte.

          Das amerikanische Justizministerium (DOJ) fasst die Vorfälle wie folgt zusammen: Nach dem Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs im Jahr 2011 hätten Lafarge und ihre syrische Tochtergesellschaft LCS bewaffnete Gruppen dafür bezahlt, den Betrieb des Werks fortsetzen zu dürfen und so wirtschaftliche Vorteile gegenüber ihren Konkurrenten auf dem syrischen Zementmarkt zu erzielen.

          Sechs Millionen an Terroristen

          Insgesamt seien fast sechs Millionen Dollar an illegalen Zahlungen an die Terrororganisationen „Islamischer Staat“ (IS) und al-Nusrah-Front geflossen, und das in einer Zeit, in der diese Organisationen unschuldige Zivilisten in Syrien brutal misshandelt hätten, sagte der stellvertretende Generalstaatsanwalt Matthew G. Olsen von der Abteilung für nationale Sicherheit des Justizministeriums in einer Presseerklärung.

          Nach Aussage der stellvertretende Generalstaatsanwältin Lisa O. Monaco sendet dieser Fall „die klare Botschaft an alle Unternehmen, insbesondere aber an diejenigen, die in Hochrisikogebieten tätig sind, in robuste Compliance-Programme zu investieren, wachsam auf Compliance-Risiken im Bereich der nationalen Sicherheit zu achten und bei Fusionen und Übernahmen eine sorgfältige Due-Diligence-Prüfung durchzuführen.“ Letzteres darf als Seitenhieb auf Holcim gewertet werden: Die Schweizer wurden von den rufschädigenden Vorfällen im Hause ihres Fusionspartners Lafarge im Nachhinein überrascht – und müssen nun einen hohen Preis dafür bezahlen.

          Der ehemalige Sicherheitschef von Lafarge in Syrien, Jacob Waerness, hatte die damaligen Vorgänge schon vor ein paar Jahren publik gemacht. In einem Buch beschrieb der Norweger unter anderem, wie er im Herbst 2012 eine sechsstellige Summe übergab, um neun entführte Mitarbeiter freizukaufen. Das Geld steckte in einem Plastiksack und dürfte über Umwege in den Händen des IS gelandet sein. Gleiches gilt für Schutzgelder und Wegezölle, die dafür berappt wurden, dass Rohmaterialien in die Fabrik geliefert und Zementprodukte an Kunden in der Region ausgeliefert werden konnten.

          Um die Vereinbarungen mit den Terrorgruppen zu verschleiern, hätten die Lafarge-Manager darauf gedrungen, den Namen „Lafarge“ in den Dokumenten nicht zu erwähnen, schreibt das Justizministerium. Viele der Führungskräfte hätten ihre privaten E-Mail-Adressen verwendet, um den Komplott nicht sichtbar werden zu lassen.

          In einem internen Untersuchungsbericht, den Holcim 2017 in Teilen veröffentlichte, hieß es, dass die für das Geschäft in Syrien zuständigen Mitarbeiter im vermeintlich besten Interesse des Unternehmens gehandelt hätten. Überdies seien sie für ihren Lebensunterhalt auf die Gehälter von Lafarge angewiesen gewesen seien. Doch letztlich hätten die Manager die Lage vollkommen falsch beurteilt und die rechtlichen und rufschädigenden Auswirkungen ihres Verhaltens nicht ausreichend bedacht. Die Untersuchung brachte ferner zutage, dass das Controlling der Franzosen versagt hat: Unzulässige und unsachgemäße Finanzströme in Syrien sind von der Finanzabteilung in Paris nicht erfasst worden.

          Als Muttergesellschaft der Lafarge SA unterstützt Holcim nach eigenen Angaben den Vergleich mit dem DOJ. Die damaligen Vorfälle stünden im kompletten Gegensatz zu den eigenen Unternehmenswerten, schreibt der Konzern in einer Mitteilung. Darin hebt Holcim hervor, dass die damals involvierten Führungskräfte ihre Aktivitäten in Syrien nach der Fusion sowohl gegenüber Holcim als auch gegenüber externen Prüfern verheimlicht hätten. Mit Blick auf die in Frankreich noch laufenden Verfahren zum Syrien-Fall stellt Lafarge fest, dass man weiterhin uneingeschränkt mit den Behörden kooperiere.

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