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Stiftung im Steuerparadies : Ein Labyrinth namens Ikea

In vielen Ländern der Welt gibt es mittlerweile Ikea. Gesteuert wird die Kette vom Steuerparadies Liechtenstein aus Bild: dpa

Hinter Ikea steht ein Geflecht aus Stiftungen. Eine hat ihren Sitz in Liechtenstein und war bislang geheim. Dem Gründer Ingvar Kamprad sichert sie Einfluss - und Steuervorteile.

          Alle kennen Billy. Seit gut 30 Jahren gehört das Bücherregal zum Sortiment des schwedischen Möbelhändlers Ikea, mehr als 40 Millionen Stück sind bislang verkauft worden. Viele kennen auch den Ikea-Gründer Ingvar Kamprad. Die Geschichte des Jungen aus einfachen Verhältnissen, der mit Sparsamkeit und Einfallsreichtum eines der erfolgreichsten Unternehmen der Welt aufgebaut hat, ist oft genug erzählt worden.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Kaum jemand aber weiß, mit welchen Mitteln der inzwischen 84 Jahre alte Patriarch Ikea immer noch kontrolliert und wohin genau die in den mehr als 300 Einrichtungshäusern in 35 Ländern erwirtschafteten Gewinne fließen. Schwedische Journalisten sind nun auf ein bisher unbekanntes Puzzlestück des labyrinthischen Ikea-Imperiums gestoßen - und werfen Kamprad vor, in einer Liechtensteiner Stiftung umgerechnet mehr als 11 Milliarden Euro vor dem Zugriff der Steuerbehörden und den Augen der Öffentlichkeit bewahrt zu haben.

          Als gemeinnützig anerkannt und weitgehend von Steuern befreit

          Die Statuten der seit 1989 in Vaduz registrierten Interogo-Stiftung hat der staatliche schwedische Fernsehsender SVT am Mittwochabend nach der Ausstrahlung eines einstündigen Beitrags über das Thema auf seiner Internetseite veröffentlicht. Weder Ikea noch Kamprad werden in der Gründungsurkunde namentlich erwähnt.

          Ikea-Gründer Ingvar Kamprad

          Allerdings entspricht die Formulierung des Stiftungszwecks - „der Erwerb der Holdinggesellschaft“ und „die Ausübung eines entsprechenden Einflusses auf die Leitung des Konzerns“ - exakt den Prinzipien, nach denen die zuvor schon bekannten Bestandteile der Ikea-Struktur zusammengesetzt sind: Die blau-gelben Möbelhäuser gehören seit 1982 der in den Niederlanden eingetragenen Ingka-Stiftung, in deren Aufsichtsrat Ingvar Kamprad Sitz und Stimme hat. Sie ist als gemeinnützig anerkannt, dadurch weitgehend von Steuern befreit und gilt mit einem geschätzten Vermögen von umgerechnet 26 Milliarden Euro noch vor der „Bill and Melinda Gates Foundation“ des Microsoft-Gründers als die reichste Stiftung der Welt. Mit wohltätigen Projekten jedoch ist sie bisher kaum in Erscheinung getreten, das dafür vorgesehene Budget soll 2010 bei 45 Millionen Euro gelegen haben. Als Stiftungszweck sind die Förderung von Architektur und Design eingetragen.

          Für jedes Billy-Regal ist eine Lizenzabgabe von einem Euro fällig

          Das von Ingvar Kamprad ersonnene Konzept und der Markenname jedoch sind, anders als die Möbelhäuser und die Produktionsstätten, Eigentum der Inter-Ikea-Gruppe mit Sitz in Luxemburg. An sie fließen 3 Prozent des Verkaufspreises von jedem Ikea-Produkt. 2010 waren das bei einem offiziell auf 23,1 Milliarden Euro bezifferten Umsatz 690 Millionen Euro, für jedes Billy-Regal ist eine Lizenzabgabe von einem Euro fällig.

          Zur Kontrolle dieser Holding wiederum dient nach den nun veröffentlichten Erkenntnissen die Interogo-Stiftung im Fürstentum Liechtenstein, dessen Anziehungskraft auf Großverdiener spätestens der Fall des früheren Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Post, Klaus Zumwinkel, bekannt gemacht hat. Nach einer spektakulären Razzia im Februar 2008 gestand er, über eine Stiftung nach liechtensteinischem Recht knapp 1 Million Euro Steuern hinterzogen zu haben. „Diese Statuten dürfen insbesondere auch einer ausländischen Behörde nicht zur Kenntnis gebracht werden“, heißt es nun mit etwas verräterischem Unterton in den Bestimmungen der Interogo. Als deren Stiftungsräte sind zwei Anwälte angegeben, die sich entsprechend zugeknöpft verhalten.

          Kamprad weist den Verdacht der Steuerhinterziehung zurück

          Ingvar Kamprad selbst hat inzwischen in einer Mitteilung die Existenz der Stiftung bestätigt, den Verdacht der Steuerhinterziehung aber zurückgewiesen. Als Kritiker des schwedischen Steuersystems allerdings gilt er schon lange; dass es der Grund für seinen 1979 erfolgten Umzug in die Schweiz war, hat er nie bestritten. „Wir betrachten Steuern als Kosten und versuchen sie so niedrig wie möglich zu halten“, schreibt Kamprad nun. Zwar liegt die Unternehmensbesteuerung in Schweden nach Berechnungen der Wirtschaftsprüfer von KPMG heute mit 26 Prozent unter dem europäischen Durchschnitt, war in den achtziger Jahren jedoch noch doppelt so hoch. Ähnlich wie in Deutschland gehören zur Debatte über die Steuermoral von Großverdienern auch in Schweden deshalb zwei Seiten: Einerseits wird Kamprads Verhalten, das sich juristisch wohl auch jetzt kaum angreifen lässt, als unsolidarisch angeprangert, andererseits das Steuerniveau als zu hoch kritisiert. „Vor allem unsere Erb- und Schenkungssteuern machen Gründern den Generationswechsel schwer“, nimmt nun Olle Termén vom schwedischen Unternehmerverband Kamprads Strategie in Schutz. „Dass er reich ist, finde ich in Ordnung. Und dass er seinen persönlichen Einfluss auf den Konzern als sehr gering darstellt, ist typisch für seinen Charakter. So ist man eben in Smland.“

          Dort hat Ingvar Kamprad schon als Jugendlicher einen Versandhandel mit Streichhölzern, Kugelschreibern und Geschenkartikeln aufgebaut, als erstes Zentrallager diente ein Schuppen vor dem Bauernhof der Familie. Aus dem operativen Geschäft habe er sich schon vor mehr als zwei Jahrzehnten zurückgezogen, betont Kamprad immer wieder. Doch seine drei Söhne, die allesamt Posten im Management des Ikea-Netzwerks haben und seit langem als verhinderte Kronprinzen gelten, sind nach seiner Einschätzung offenbar immer noch nicht dazu in der Lage, ihr Erbe anzutreten. Frühere Mitarbeiter berichten von Alkoholmissbrauch und Führungsschwäche. Die Geheimniskrämerei um Ingvar Kamprads Stiftungen dürfte mehr noch als seinem Konto der Verschleierung dieses Problems dienen. Denn längst nicht so gut wie der Fluss von Einnahmen und Steuern lässt sich die eigene Nachfolge planen.

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