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Steve Jobs : Posthumer Erfolg mit der Brille

Zwei Bügel, ein Nasensteg und zwei kreisrunde Gläser: Das Modell Steve Jobs Bild: dpa

Das Brillenmodell des verstorbenen Apple-Gründers Steve Jobs kommt aus dem Schwarzwald. Und ist auf einmal gefragt wie nie.

          Trug Steve Jobs eine Brille? Wer nicht gerade zu den Verehrern des Apple-Gründers gehört, wird einen Moment nachdenken müssen - so perfekt puristisch war dessen Brille: Zwei Bügel, ein Nasensteg und zwei kreisrunde Gläser. Ulrich Fux graust es erkennbar, wenn er solch eine Beschreibung hört, und der Optikermeister setzt flugs zu detaillierten Erklärungen an, warum das menschliche Auge gar nicht gut zurecht kommt mit kreisrunden Gläsern. Deshalb waren auch die Gläser des Apple-Chefs leicht abgeflacht. Und von wegen Nasensteg: Fünf Jahre wurde an diesem kleinen Metallteil getüftelt, bis es endlich angenehm für jede erdenkliche Nase war. Mit Brillen sei es genau so wie mit den i-Produkten von Apple: scheinbar einfach, aber perfekt durchdacht.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Das Brillenmodell Lunor Classics round PP war Steve Jobs 450 Dollar wert. In New York habe er sie gekauft, erzählt Fux, der Vorstandschef der Lunor AG. Wahrscheinlich habe Jobs mehrere dieser Brillen erworben im Lauf seines Lebens, denn er habe sie seit 14 Jahren getragen. „Wir haben das lange Jahre gar nicht gewusst“, sagt Fux. In New York bei Robert Marc, wo die Prominenten aus- und eingehen, konnte auch Steve Jobs unerkannt einkaufen. In Deutschland ist das anders, zumindest manchmal. „Als Gerhard Schröder eine Lunor kaufte, war er wahrscheinlich noch nicht mal zur Tür draußen, da rief der Optiker schon bei uns an, so stolz war er“, sagt Fux.

          Die Brille, die Steve Jobs trug, wollen jetzt viele haben. Das Internet hilft ihnen dabei. „Vorstand, Aufsichtsrat und Mitarbeiter trauern um Steve Jobs“, heißt es auf der Lunor-Homepage unter einem Foto des verstorbenen Unternehmers. Man wolle nicht Nutznießer von Jobs‘ Tod sein, betont Fux. Die Wirkung ist dennoch zählbar. Allein in den vier Wochen nach seinem Tod verzeichnete die Lunor-Homepage 12.300 Zugriffe aus Deutschland und 10.000 aus den Vereinigten Staaten - ziemlich viel für ein Sechs-Mann-Unternehmen mit Sitz in Althengstett im Schwarzwald. Besonders freut sich Fux, dass auch das Interesse aus Brasilien und Russland exorbitant angestiegen sei, und auch aus anderen Märkten, in denen Lunor aber noch nicht vertreten sei.

          Avantgarde aus Deutschland

          Gut möglich, dass der Apple-Gründer posthum zum besten Werbeträger für die Marke Lunor wird. Und auch für Brillen aus Deutschland, die längst zur Rarität verkommen sind. Zwar wurde mit Brillen im vergangenen Jahr ein Umsatz von gut 4 Milliarden Euro erzielt, doch die Ware kommt beinahe komplett aus Asien. Nur 5,6 Prozent der hier verkauften Brillen wurden auch hier produziert, hat der Branchenverband Spectaris ermittelt. Einer der Großen in dieser sehr überschaubar gewordenen Branche ist die Mitterbauer GmbH & Co. KG aus Thyrnau im Passauer Land. Bei Mitterbauer wird auch die Steve-Jobs-Brille von Lunor hergestellt. Etwa 600 Brillen dieses Modells habe man in den vergangenen drei Wochen produziert, sonst seien es im ganzen Jahr nicht einmal hundert Stück gewesen, berichtet Helmut Mitterbauer. Nicht dass er mit seinen 40 Mitarbeitern jetzt Sonderschichten fahren müsste - bei 150.000 Brillen im Jahr fällt die zusätzliche Nachfrage kaum ins Gewicht. „Aber es ist gut, dass die Leute sehen, dass die Brille tatsächlich von hier kommt“, sagt er.

          Ganz unabhängig von Steve Jobs gewinnen Brillen aus Deutschland wieder an Bedeutung. Wurden vor zwei Jahren nur 466.000 Brillen in Deutschland hergestellt, waren es im vergangenen Jahr 617.000 Stück - fast ein Drittel mehr. Als Grund sieht Peter Frankenstein, Leiter Consumer Optics im Verband Spectaris, den Erfolg einiger junger Betriebe mit guten Designern, die auf Weltmessen als Avantgarde wahrgenommen würden, etwa die Berliner Unternehmen Mykita, IC oder Whiteout & Glare sowie Flair aus Oelde. „Wenn Sie sich bei Architekten, Designern oder IT-Fachleuten umschauen, tragen viele von ihnen deren Modelle“, sagt Frankenstein.

          Während bei Lunor durch Steve Jobs gerade die randlose Brille noch einmal Erfolge feiert, geht der Trend in eine andere Richtung, hin zu auffälligen Kunststoff-Brillen. „Immer weniger Menschen haben Angst, mit der Brille ihr Gesicht zu verändern“, erläutert Frankenstein. Was gerade chic ist, wird auf Messen in Mailand, Paris oder München präsentiert. Kaum ein Anbieter kommt ohne zwei neue Kollektionen im Jahr aus. In der Nachkriegszeit dagegen dauerte es schon mal zehn bis 15 Jahre, bis ein neues Modell angeboten wurde. Auch die meistverkaufte Brille von Lunor liegt ganz im Trend: ein markantes Gestellt aus Acetat in havannabraun.

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