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Stellenstreichungen bei Barmer GEK : Das Internet schrumpft die Krankenkassen

  • -Aktualisiert am

Die Filiale hat ausgedient. Bild: dpa

Die Krankenkassen müssen sparen. Immer häufiger ersetzen daher Computer Menschen. Das hat gravierende Konsequenzen.

          3 Min.

          Der Tresen hat ausgedient, Deutschlands Krankenkassen gehen online: Beratung gibt es am Telefon rund um die Uhr, Versicherungsbescheinigungen an sieben Tagen in der Woche im Internet, Behandlungshinweise per Computer-Chat von morgens bis abends – ein sicherer Zugang, so wird es zumindest versprochen, über die Internetseite der Kasse macht es möglich.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Wien.

          „Unsere Analysen zeigen, dass immer mehr Versicherte ihre Anliegen am Telefon oder im Web erledigen und weniger in die Geschäftsstellen kommen“, sagt der Vorstandsvorsitzende der Krankenkasse Barmer GEK, Christoph Straub. Schneller, besser und vielleicht auch persönlicher als am Tresen der Filiale in der Fußgängerzone kann die Ansprache in der schönen neuen Kassenwelt ausfallen. Vorteile hat sie aber allenfalls für diejenigen, die vor dem Tresen stehen. Denn für Tausende Beschäftigte ist in diesem Konzept kein Platz mehr. Die Barmer GEK will, wie am Montag von dieser Zeitung schon vorab berichtet, 3500 ihrer 16.900 Vollzeitstellen bis 2018 abbauen. Nach Köpfen gezählt, werden noch mehr Leute gehen müssen. Denn in den Kassen ist der Anteil Teilzeitbeschäftigter – darunter viele Frauen – traditionell besonders hoch.

          Die Barmer GEK ist nicht allein

          Die Barmer GEK steht damit zwar im Rampenlicht, aber nicht allein. Das Konzept „mehr Beratung mit weniger Leuten“ ist in der Branche weit verbreitet. Die Zeiten, in denen Kosteneffizienz in der Sozialversicherung keine Rolle spielte, sind spätestens seit Einführung der ersten Zusatzbeiträge vorbei. Große Kassen wie die DAK oder die KKH mussten das mit dem Verlust Zehntausender Kunden büßen. Entsprechend eifrig sind sie dabei, ihre Strukturen zu optimieren, Kosten zurückzufahren, sich auf den schärfer werdenden Wettbewerb in der Krankenversicherung einzustellen. Angesichts steigender Behandlungskosten fürchten sie, dass künftig die Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds an die Kassen nicht mehr ausreichen werden und sie Zusatzbeiträge von ihrem Mitgliedern verlangen müssen.

          Die DAK, die drittgrößte Ersatzkasse, hat sich still und leise eine Schlankheitskur verpasst: Zählte sie 2010 noch 13.300 Vollzeitstellen, sollen es am Ende dieses Jahres nicht viel mehr als 10.000 sein. Dabei unterzeichnen die Zahlen die Wirklichkeit, weil zwischenzeitlich mehr als 1000 neue Mitarbeiter durch Fusionen hinzugekommen sind. Die kleinste der vier großen Ersatzkassen, die KKH, ist gerade dabei, jeden zehnten Arbeitsplatz abzubauen. Der Beschäftigungstrend in den gesetzlichen Krankenkassen, der sich in den vergangenen Jahren stabilisiert hatte, wird nach unten zeigen.

          Die Rosskur ist dringend notwendig

          Das gilt auch für die Zahl der Geschäftsstellen vor Ort. Bei der DAK soll sie von einst 813 auf bald 574 sinken. Das wäre immer noch mehr als die Barmer GEK am Ende dieses Jahres mit 400 haben will. Der nach seinen 8,7 Millionen Versicherten gezählte Marktführer Techniker Krankenkasse wächst, obwohl er weniger als 300 Filialen hat. Neue unveröffentlichte Daten zeigen, wie notwendig die eingeschlagene Rosskur ist. Obwohl die Wirtschaft brummt, die Zahl der Arbeitsplätze zunimmt und damit so viele Beitragsgelder wie nie zuvor in das Kassensystem fließen, haben die Ersatzkassen 2012 denkbar schlecht abgeschnitten. Die KKH macht 4,8 Millionen Euro Verlust, die DAK 3,6 Millionen Euro Gewinn, bei der Barmer bleiben vom 28-Milliarden-Euro-Haushalt 91 Millionen Euro Überschuss. Dass die Techniker Kasse mit 88 Millionen Euro in den Miesen steckt, liegt allein daran, dass sie ihren Mitglieder 476 Millionen Euro Prämie ausgeschüttet hat.

          Ähnlich ernüchternd fällt der Vergleich der Verwaltungskosten aus. Nach Zahlen des Ersatzkassenverbands kostete jeder Versicherte die DAK voriges Jahr 149 Euro, die Barmer GEK 145 Euro, während KKH und HEK knapp 139 Euro Verwaltungskosten je Versicherten auswiesen. Besser war, die kleine HKK ausgenommen, nur die TK mit 130 Euro Verwaltungskosten je Versichertem. Sie hat auch die größten Reserven auf der Bank.

          Die nach den Ersatzkassen zweitgrößte Kassenart, die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK), unterhalten nach eigenen Angaben bundesweit 1380 Geschäftsstellen, das seien 230 mehr als noch 2009. Das schlägt sich in den Verwaltungskosten nieder. Die langen 2012 bei 147 Euro je Versicherten und damit 8 Euro über dem Schnitt aller 134 Kassen. Die nach Fusionen noch elf AOKs beschäftigen rund 60000 Menschen. Anders als die Ersatzkassen und viele Betriebskrankenkassen sind die Ortskassen nicht in ganz Deutschland aktiv, sondern auf ihre Region begrenzt. Sie werden nicht vom Bund sondern durch die Länder beaufsichtigt. Das führte immer wieder zu Klagen darüber, dass die Kassen unterschiedlich bewertet und kontrolliert würden.

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