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Stellenabbau : Die HSH Nordbank streicht jeden dritten Arbeitsplatz

Krisengeschüttelte Landesbank Bild: dapd

Die HSH schrumpft zu einer Regionalbank. Der Anteil Hamburgs und Schleswig-Holsteins legt weiter zu. Darüber ärgert sich Christopher Flowers.

          3 Min.

          Paul Lerbinger machte gewiss keinen glücklichen Eindruck: „Ich bin mir der Tragweite dieser Maßnahmen und der Bedeutung für die betroffenen Mitarbeiter bewusst. Ich würde auch lieber eine Bank leiten, die wächst und nicht schrumpft“, sagte der Vorstandsvorsitzende der HSH Nordbank AG am Freitagmittag vor Journalisten in Hamburg. Wenige Stunden zuvor hatte der frühere Investmentbanker, der Anfang April Dirk Jens Nonnenmacher an der Spitze der krisengeschüttelten Landesbank abgelöst hatte, die Mitarbeiter in Kiel über die drastischen Kürzungspläne informiert. Diese hätten sich „tief betroffen“ gezeigt, sagte Lerbinger. Ähnlich wird die Reaktion der Hamburger Beschäftigten ausgefallen sein, denen der Bayer am Nachmittag die Beschlüsse erläutern wollte, die der Aufsichtsrat am Abend zuvor gefasst hatte.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Wie in einem Teil der Freitagsausgabe berichtet, streicht die HSH bis 2014 jeden dritten Arbeitsplatz. Von den derzeit 3300 Stellen sollen 1200 abgebaut werden, davon 830 in Hamburg und Kiel. Damit fallen 900 Stellen mehr weg als ursprünglich geplant. Ausschlaggebend für diesen überraschend harten Schrumpfkurs sind die unerwartet weitreichenden Auflagen, unter denen die EU-Wettbewerbshüter die milliardenschweren Beihilfen der Länder Hamburg und Schleswig-Holstein für die HSH im September genehmigen wollen.

          Nachdem Joaquín Almunia an die Spitze der Wettbewerbskommission gerückt war, kam es in Brüssel zu einer deutlich härteren Gangart. Almunia verzichtete zwar auf die einstige Forderung, die HSH nach erfolgter Sanierung mehrheitlich in private Hände zu geben. Aber im Gegenzug muss nun die Bilanzsumme der Kernbank zusätzlich um 30 Milliarden Euro auf 82 Milliarden Euro gekappt werden. Die HSH muss das Flugzeugfinanzierungsgeschäft, das ausländische Immobiliengeschäft und weitere Teile der Schiffsfinanzierung aufgeben. An die folglich schrumpfende Ertragsbasis müsse man nun die Kosten entsprechend anpassen.

          Bild: F.A.Z.

          Eine neue „Leistungskultur“ entwickeln

          „Wir haben keine andere Wahl. Wenn wir uns weigern, droht der Bank die Abwicklung“, sagte Lerbinger. Daher habe der Aufsichtsrat das Restrukturierungsprogramm ohne Gegenstimmen beschlossen. Es ist aber gut denkbar, dass sich David Morgan, der im Aufsichtsrat die Interessen des Investmentbankers Christopher Flowers vertritt, der Stimme enthalten hat. Die hinter Flowers versammelten Investoren besitzen rund 11 Prozent der HSH. 6 Prozent gehören den Sparkassen in Schleswig-Holstein. Beide Anteilseigner werden aber vermutlich jeweils 1 Prozentpunkt zugunsten der Haupteigentümer Hamburg und Schleswig-Holstein verlieren, die aktuell zusammen gut 83 Prozent halten. Dies hat folgenden Hintergrund: Almunia fordert, dass die Länder für die gewährten Garantien (10 Milliarden Euro) höher vergütet werden. Daher soll die Bank rund 500 Millionen Euro an Hamburg und Schleswig-Holstein ausschütten. Dieses Geld bringen die Länder im nächsten Jahr im Zuge einer Kapitalerhöhung wieder in die Bank ein und erhöhen so ihren Anteil. Flowers finde das „nicht lustig“, gab Lerbinger zu. Ob der Amerikaner deshalb gegen die Auflagen klagen werde, wisse er nicht.

          Die HSH erwartet wegen der Sonderausschüttung und der Kosten für den Personalabbau, die sich auf einen Betrag in mittlerer zweistelliger Millionenhöhe addieren, in diesem Jahr einen Verlust. Im ersten Halbjahr hat der Konzern noch einen Nettogewinn von 338 Millionen Euro erzielt nach einem Minus von 380 Millionen Euro in der entsprechenden Vorjahreszeit. Bis 2014 soll es für die Aktionäre keine Dividende geben. Die Standorte in Amsterdam, Paris und Schanghai sollen geschlossen und weitere nichtstrategische Beteiligungen sollen verkauft werden.

          Lerbinger will das Beste aus der erzwungenen Radikalkur machen und die Bank fortan eben noch stärker in ihrer Stammregion Norddeutschland verankern. Unterhalb der Großbanken und oberhalb der Sparkassen soll sich die HSH künftig vor allem um mittelständische Unternehmen und Unternehmer kümmern. Diese sollen rundum betreut werden, also auch bei der Anlage ihres Privatvermögens. „Ein Reeder soll bei uns nicht nur an die Finanzierung seiner Schiffe denken“, sagte Lerbinger, der die Bank schlanker, schneller und wendiger machen will. Dazu müsse man intern allerdings eine neue „Leistungskultur“ entwickeln. Nach Abschluss der Restrukturierung strebt der Vorstandschef eine Eigenkapitalrendite von 10 Prozent an.

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