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F.A.Z. exklusiv : Verfall eines Pharma-Standorts

Novartis-Logo auf einem Gebäude des Konzerns in Mumbai Bild: Reuters

Novartis schlug sein Vorprodukte-Werk in Frankfurt los – seitdem geht es mit ihm nur noch weiter bergab. Inzwischen ist der schlimmste anzunehmende Fall eingetreten.

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          Harter Stellenabbau am früheren Novartis-Standort in Frankfurt: Nach dem Verkauf des dortigen Vorproduktwerks an den Chemie-Investor ICIG vor weniger als einem Jahr soll am Ende nur noch jede sechste Stelle übrigbleiben, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung von Arbeitnehmervertretern erfuhr. Der Fall zeigt lehrbuchreif das Schicksal eines Konzernstandorts, der durch billigere Anbieter aus Asien in Bedrängnis geraten ist.

          Klaus Max Smolka

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Es geht um die frühere Sandoz Industrial Products in Frankfurt-Höchst, die als Hauptgeschäft ein Vorprodukt für Antibiotika herstellte. Die Novartis-Tochtergesellschaft Sandoz hatte dort zuletzt 300 Menschen beschäftigt. Nun plane der neue Eigentümer eine weitere Welle von Stellenstreichungen, wonach dann knapp 50 Arbeitsplätze verblieben, sagte der Betriebsratsvorsitzende Fabio Miceli der F.A.Z. ICIG-Geschäftsführer Achim Riemann sagte auf Anfrage, er wolle weder bestätigen noch dementieren, „aber die Größenordnung ist nicht falsch“.

          Das Werk gehörte einst zum Hoechst-Konzern und liegt auf dessen früherem Stammsitz. Sandoz hatte es 1998 übernommen und kündigte im Jahr 2015 an, es zu schließen. Arbeitnehmer protestierten, auch der Industriegeländebetreiber Infraserv drang dem Vernehmen nach darauf, das Werk zu halten. So suchte Sandoz einen Käufer und fand ihn im Februar 2016 im Frankfurter Investor International Chemical Investors Group (ICIG); diese 2004 gegründete Gesellschaft sammelt Chemiestandorte ein, die sanierungsbedürftig sind oder unter starkem Kostendruck stehen, und restrukturiert sie.

          In Frankfurt hat ICIG unter anderem schon Allessa übernommen, eine ebenfalls früher zu Hoechst gehörende Einheit. ICIG benannte die von Sandoz erworbene Firma in Corden Biochem um. Sie stellte vor allem das Molekül 7-ACA her, einen Baustein bei der Herstellung von Antibiotika. Wie viele andere Wirkstoffe oder Vorprodukte ohne Patentschutz wird 7-ACA ansonsten vornehmlich von Billiganbietern in Asien hergestellt.

          Von 145 Mitarbeitern sollen noch um die 100 wegfallen

          Wie zu hören ist, zahlte Novartis bei dem Werksverkauf drauf, nämlich knapp 90 Millionen Euro – in Form dreier Geldtöpfe, aus denen ICIG zweckgebunden Geld abrufen kann: je einen für das operative Geschäft, für Abfindungen und Pensionsverpflichtungen. Schon beim Erwerb war dem Vernehmen nach geplant, bis zur Hälfte der Belegschaft abzubauen – was dann auch passierte. Mitarbeiter wurden nach Angaben des Betriebsrats mit 1,5 Monatsgehältern je Dienstjahr abgefunden, maximal mit 285000 Euro.

          Nach Ende dieser planmäßigen Abbaurunde sind noch etwa 145 Mitarbeiter übrig. Von denen sollen nun im nächsten Schritt um die 100 wegfallen, wie Betriebsratschef Miceli und Marco Rosenlöcher sagen, stellvertretender Leiter des Bezirks Rhein-Main der Gewerkschaft IG BCE. Inzwischen ist nämlich der schlimmste anzunehmende Fall eingetreten: Corden Biochem hat die Herstellung von 7-ACA eingestellt. Und weil das inzwischen das einzige Produkt gewesen sei, laufe nichts mehr in dem Werk, sagt Miceli. „Hier steht alles still, momentan produzieren wir gar nichts.“

          Das Ende der hiesigen 7-ACA-Produktion liegt nach Riemanns Angaben an Kampfpreisen der chinesischen Wettbewerber, die Corden Biochem verdrängen wollten als den letzten europäischen Anbieter, der das Antibiotika-Vorprodukt noch an externe Kunden verkaufte; Novartis betreibt zwar noch ein Werk in Österreich, aber nur für den Eigenbedarf. Zwar stehen die 7-ACA-Preise schon lange unter Druck. „Das Preistief lag mal bei 50 bis 55 Dollar (je Kilogramm), aber nie bei 40 Dollar“, sagt Riemann – und auf etwa diesem Niveau bewege sich der Preis seit dem Sommer 2016. „Das ursprüngliche Konzept trägt nicht mehr, weil die Chinesen uns den Markt zerschossen haben.“ Zu den Wettbewerbern gehören etwa Fukan und NCPC. Ob die Chinesen unter Produktionskosten verkauften, sei unklar. Aber in seinen Augen werden sie die Preise nach dem Ausscheiden Corden Biochems sicherlich wieder erhöhen.

          ICIG muss mit Sandoz und dem Betriebsrat verhandeln

          Manche lasten die Lage Novartis an. Denn mit der ursprünglichen Ankündigung, den Standort zu schließen, hätten die Schweizer Kunden aufgeschreckt, die zu anderen Anbieter übergelaufen seien. Novartis weist das zurück. Wie auch immer, ICIG konnte nicht ausreichend Kunden überzeugen, einen höheren Preis zu zahlen, um sich einen unabhängigen europäischen Zulieferer zu erhalten. „Wir haben von Kunden nicht genügend Volumen zu auskömmlichen Preisen bekommen“, sagt Riemann. ICIG wollte 7-ACA als Brückenprodukt nutzen, um in der Zwischenzeit die Produktion anderer Substanzen aufzubauen, etwa von Enzymen für technische Anwendungen. Verhandlungen darüber laufen, wie Riemann sagt. Für diese neue Produktion ist die verkleinerte Belegschaft nach dem Wegfall von 7-ACA gedacht.

          Nur: Im Verkaufsvertrag mit Sandoz ist dem Vernehmen nach eine Mindeststellenzahl bis 2018 festgehalten, nämlich 118 Stellen. ICIG muss also mit Sandoz und dem Betriebsrat verhandeln. Ein Sandoz-Sprecher sagte nur: „Wir sind informiert über das, was am Standort passiert, wir sind in Gesprächen mit dem Eigentümer.“ Der Betriebsrat will erst verhandeln, wenn ähnliche Konditionen in Aussicht stehen wie bei der ersten Abbaurunde – wofür der bestehende Abfindungstopf nicht mehr reicht.

          Miceli mahnt eine Finanzspritze von Novartis an. Schließlich sei Sandoz mit der 90-Millionen-Euro-Mitgift an ICIG günstig davongekommen. Die ursprünglich geplante Schließung wäre nach Schätzung eines von den Arbeitnehmern beauftragten Wirtschaftsprüfers viel teurer gewesen. „Wir erwarten, dass sich niemand aus der Verantwortung stiehlt, weder ICIG noch Novartis“, sagt Rosenlöcher.

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