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Steigende Schülerzahlen : Privatschulen sind Fluch und Segen für das Bildungssystem

Die Türen stehen nicht jedem offen: Privatschule bei Frankfurt Bild: Eilmes, Wolfgang

Privatschulen gewinnen gegen den Trend weiter an Schülern. Ihnen wird vorgeworfen, die Gesellschaft zu spalten. Ökonomen geben aber zu bedenken, dass sie die Qualität des ganzen Schulsystems anheben.

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          Ganztagsschule, bilingualer Unterricht, individuelle Förderung, fortschrittliche Pädagogik - Privatschulen werben damit, besser zu sein als staatliche Schulen. Eltern zieht dies an, immer mehr schicken ihre Kinder auf Schulen in freier Trägerschaft. Während die Zahl der Schüler insgesamt aus demographischen Gründen sinkt, steigt sie an den privaten Schulen. Das Wachstum ist zwar nicht mehr so hoch wie im vergangenen Jahrzehnt, als der Pisa-Schock den Deutschen noch tief in den Knochen saß.

          Lisa Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

          Doch immerhin sei in den vergangenen drei Jahren die Zahl der Schüler an den privaten Schulen um 3 Prozent gestiegen, die der Privatschulen um 6 Prozent, sagt Florian Becker, Sprecher des Verbands Deutscher Privatschulverbände (VDP). Von gut 11 Millionen Schülern besuche ein Zwölftel eine freie Schule. Doch Bildungsfachleute sind sich nicht einig, ob diese Entwicklung für die Gesellschaft mehr Segen oder Fluch ist.

          Befürworter betonen, private Einrichtungen befriedigten besser die Bedürfnisse von Schülern und Eltern und verliehen dem ganzen Bildungssystem positive Impulse. Kritiker heben hervor, ihre Wirkung bestehe vor allem darin, die Gesellschaft zu spalten.

          „Die Schüler profitieren von ihrem Umfeld“

          In den Pisa-Tests haben Privatschüler besser abgeschnitten. Woran dies liegt, ist jedoch umstritten. Mit besserer Pädagogik habe es nichts zu tun, behauptet der Bildungsökonom Manfred Weiß. „Die Schüler profitieren von ihrem Umfeld“, erklärt der Forscher am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt. Weiß hat den sozialen Hintergrund der Schüler und die Zusammensetzung der Schülerschaft aus den Zahlen herausgerechnet.

          Sein Ergebnis: In vielen Ländern kehrt sich der Leistungsvorsprung der Privatschüler in einen Nachteil um, auch in Deutschland. Das heißt, sie schneiden bei Pisa nur deshalb besser ab, weil sie und ihre Mitschüler vermehrt aus bildungsnahen Elternhäusern kommen. „In einem solchen Umfeld kann man zum Beispiel einen anspruchsvolleren Unterricht machen“, erklärt Weiß.

          Für Deutschland gibt es keinen direkten repräsentativen Vergleich zwischen staatlichen und privaten Schulen. Eine Studie von Weiß lässt aber Rückschlüsse auf die größte Gruppe der Privatschulen, die kirchlichen Schulen, zu. Denn diese waren unter den von ihm untersuchten freien Schulen besonders stark vertreten. Verglichen hat er die Leistungen von jeweils zwei Neuntklässlern an einer privaten und einer staatlichen Einrichtung, die denselben sozialen Hintergrund und dieselben kognitiven Fähigkeiten haben.

          An Privatschulen herrscht ein besseres Klima

          Sein Befund: Unter den Realschulen sind die privaten etwas besser, unter den Gymnasien die staatlichen. Privatschulen seien oft ein Spiegelbild der öffentlichen Schulen und pädagogisch nicht besser, schlussfolgert Weiß. Unumstritten ist hingegen, dass an Privatschulen ein besseres Klima herrscht und die Eltern zufriedener sind. Das sei aber nicht auf ein leistungsfähigeres Unterrichtskonzept zurückzuführen, sagt Weiß. „Dass die Eltern zufriedener sind, hängt auch damit zusammen, dass Menschen positiver bewerten, was sie selbst ausgesucht haben.“

          Und das bessere Klima komme auch daher, dass sich die privaten im Gegensatz zu den staatlichen ihre Schüler aussuchen könnten. „Da kommen Gleichgesinnte zusammen, es gibt weniger Konflikte.“ Helmut Klein vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln bestreitet, dass die privaten ein Abbild der staatlichen Schulen seien. „Sie müssen nur auf Gleichwertigkeit, nicht auf Gleichartigkeit achten. Sie können ein individuelles Programm fahren.“ Das täten freilich auch immer mehr staatliche Schulen.

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