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Stefan Groß-Selbeck : Der Digital-Berater

Stefan Gross-Selbeck Bild: Andreas Pein

Einst war Stefan Groß-Selbeck Chef von Ebay und Xing in Deutschland. Jetzt steigt er bei der Boston Consulting Group zum globalen Chef der Tochtergesellschaft Digital Ventures auf.

          Stefan Groß-Selbeck gehört zu den schillernderen Figuren der deutschen Internetwirtschaft. Bekannt wurde er vor allem als Deutschland-Chef von Ebay. Vier Jahre lang stand er ab 2004 an der Spitze des Online-Marktplatzes. Danach arbeitete er nochmals für vier Jahre als Vorstandsvorsitzender des Berufs-Netzwerks Xing. Seit 2014 leitet er nun für die Unternehmensberatung Boston Consulting Group das Berliner Büro von deren Digitaltochtergesellschaft „Digital Ventures“. Das Unternehmen soll Großkonzernen beim Aufbau digitaler Geschäftsmodelle helfen. Dafür will Groß-Selbeck in den Traditionshäusern wieder den Gründergeist wecken und Start-up-Mentalität aufkeimen lassen.

          Tillmann Neuscheler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Jetzt steht Stefan Groß-Selbeck vor seinem nächsten Karriereschritt: Die Unternehmensberatung hat den promovierten Juristen zum globalen Chef der Tochtergesellschaft „Digital Ventures“ befördert. Er löst den Amerikaner Jeff Schumacher ab, der die Sparte bislang von seinem Büro in Manhattan Beach in Los Angeles geleitet hat und jetzt in den Aufsichtsrat wechselt. Stefan Groß-Selbeck leitet damit ab sofort ein Team von weltweit rund 700 Mitarbeitern. Er bleibt mit seiner Familie in Potsdam wohnen, wird künftig aber viel mehr reisen müssen. Sein Gesellenstück hat er mit dem erfolgreichen Aufbau des Berliner Büros abgelegt. Rund 200 Mitarbeiter arbeiten für „Digital Ventures“ mittlerweile in Deutschland – vor vier Jahren waren es noch weniger als 30. Das Berliner Büro wächst von allen neun Standorten weltweit am schnellsten. Allein in Berlin sind derzeit rund 60 weitere Stellen offen, sagt Groß-Selbeck im Gespräch mit der F.A.Z. Er sucht vor allem Software-Entwickler, Daten-Analysten, Produktmanager und Designer. Denn die neuen digitalen Geschäftsmodelle basieren meist auf der intelligenten Nutzung von Daten. Die Nachwuchssuche wird dabei immer schwieriger. Auch die Wettbewerber buhlen um die jungen Digitaltalente. McKinsey hat in Berlin sein eigenes „Digital Lab“gegründet.

          Der Durchbruch in Deutschland gelang „Digital Ventures“ mit einem Sharingdienst für Elektroroller, den Groß-Selbecks Mannschaft für den Automobilzulieferer Bosch entwickelt hat. In Berlin können Nutzer rund 200 Elektroroller der taiwanischen Marke Gogoro mieten. Über eine App kann man die Roller in den Straßen Berlins orten, mieten und später im Stadtgebiet wieder abstellen, wo man will. Auch bezahlt wird über das Smartphone. Bosch betreibt den Dienst als hundertprozentiges Tochterunternehmen namens „Coup“. Für den Stuttgarter Automobilzulieferer ist es der Einstieg in ein reines Endkunden- und Betreibergeschäft – ähnlich wie es Daimler und BMW mit ihren Car-Sharing-Diensten „Car2go“ und „Drive-Now“ vorgemacht haben. Das Pilotprojekt in Berlin war so erfolgreich, dass der Dienst seit dem vergangenen Jahr auch in Paris angeboten wird. Dort sind mittlerweile rund 600 Elektroroller unterwegs.

          Auch andere Ideen sorgten für Schlagzeilen: So testet die Bahn seit mehr als einem Jahr auf einigen Strecken Sitzplatzreservierungen im Nahverkehr. Es läuft gut, wie man hört. Die Digitalberater der Boston Consulting Group hatten sich das Projekt gemeinsam mit der Bahn ausgedacht. Für Volkswagen entwickelten die Berater die Online-Gebrauchtwagenplattform „Heycar“. Sie soll den großen Gebrauchtwagen-Plattformen „Mobile.de“ und „Autoscout“ Konkurrenz machen, über die bislang rund 90 Prozent der Online-Verkäufe abgewickelt werden. Heycar soll den Markt neu aufmischen. Ihre Chance wittern die Berater in der großen Skepsis der Nutzer vor dubiosen Gebrauchtwagenhändlern. Deshalb werden auf der neuen Plattform nur zertifizierte und geprüfte Gebrauchtautos aufgenommen – übrigens aller Marken. Heycar will sich so als eine Art Luxus-Gebrauchtwagenplattform etablieren.

          „Wir sind keine klassische Beratung“, sagt Stefan Groß-Selbeck. Tatsächlich ist an dem Konzept neu, dass die Berater ihren Kunden nicht nur helfen, bestehende Geschäftsmodelle zu optimieren, sondern selbst eigene Geschäftsideen entwickeln. Bezahlt wird deren Leistung daher auch nicht in Form der üblichen Tagessätze, sondern mit einer Kombination aus Gebühren und einer Gewinnbeteiligung. „Wir investieren selbst und übernehmen oft Anteile“, sagt Groß-Selbeck. Viel Geld fließt also nur, wenn die Ideen gut waren und sich am Markt auch durchsetzen. Beteiligt ist BCG Digital Ventures unter anderem an einem „Joint Venture“ mit Voith. Gemeinsam mit dem schwäbischen Maschinenbauer haben die Berater eine Handelsplattform für die Papierindustrie gestartet. Mit der Allianz haben sie zudem ein Gerät für Schwangere entwickelt, um den Herzschlag von Babys abzuhören. Auch daran sind die Berater finanziell beteiligt. Zudem halten die Berater auch Anteile an der digitalen Frachtbörse „Loadfox“ – eine Art Mitfahrzentrale für Fracht, die sie gemeinsam mit dem Nutzfahrzeughersteller MAN entwickelt haben, um Lastwagentouren profitabler zu machen.

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