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Stationärer Einzelhandel : Ein Klick vom Ladengeschäft entfernt

Nordrhein-Westfalen, Köln: «Call us» (Ruf uns an) steht auf der Glasscheibe eines Geschäftes in der Innenstadt und wirbt für ein Abhol-Angebot. Bild: dpa

In vielen Bundesländern dürfen Kunden Produkte vor Geschäften abholen. Das sei eine Hilfe, sagen Händler. Denn gerade zähle jeder Euro.

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          Als die Entscheidung kommt, ist Bernd Ohlmanns Erleichterung groß. In einer E-Mail schreibt er gleich vier Ausrufezeichen, am Telefon spricht er von „großer Freude“. Ohlmann ist Geschäftsführer des Handelsverbands Bayern. In dem Bundesland werden wohl viele Einzelhändler etwas aufatmen. Denn die Landesregierung hat am Mittwoch zwar die Kontaktbeschränkungen verschärft, den Händlern in Bayern aber eines erlaubt: Von Montag an dürfen Kunden zuvor bestellte Produkte vor den stationären Ladengeschäften abholen.

          Stefanie Diemand

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Was zunächst nach keiner großen Sache klingt, ist für Verbandsgeschäftsführer Ohlmann ein sehr gutes Zeichen. Viele Händler fühlten sich lange benachteiligt, sagt er. Denn eine einheitliche Regelung gibt es in der Bundesrepublik bisher nicht: Während in Bundesländern wie Hessen online oder telefonisch bestellte Produkte schon eine Weile auch vor dem Ladengeschäft abgeholt werden dürfen, gilt das in Sachsen bis heute nicht. Neben Bayern beschloss zum Beispiel auch Baden-Württemberg in dieser Woche, die Abholung zu erlauben.

          Vor Ort für die Kunden da sein

          Vor allem das Prinzip „Click & Collect“ ist seit der Corona-Pandemie in aller Munde. Der Fachbegriff beschreibt, dass Kunden Waren im Internet bestellen, um sie dann im Laden abzuholen. Das soll den Online-Handel mit dem stationären Handel verknüpfen. Die Idee ist nicht neu, schon seit Jahren wird über „Cross-Channel“-Konzepte diskutiert, also die Verbindung mehrerer Verkaufskanäle. Durch den Lockdown der Ladengeschäfte gewinnen diese aber an Bedeutung. Das Abholen der Ware soll kontaktlos stattfinden, zum Beispiel indem die Ware vor das Auto auf dem Kundenparkplatz abgestellt wird. In der Regel wird dafür vorher ein Zeitfenster vereinbart, um lange Schlangen zu vermeiden. Solange die Ladengeschäfte geschlossen sind, bleibt vielen Händlern zudem nur der Versuch, die Kunden in den Online-Shop zu locken – oder eben an die Abholstelle vor das Ladengeschäft. „Es ist für Buchhandlungen essentiell, Kunden und Kundinnen die kontaktlose Abholung bestellter Bücher anbieten zu können“, sagt zum Beispiel Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins. Er hofft, dass auch Sachsen noch nachziehen wird.

          Händler wie Ikea oder Ceconomy, zu dem die Elektronikmärkte von Media-Markt und Saturn gehören, boten ihren Kunden schon vor der Pandemie die Möglichkeit an, Waren nach der Online-Bestellung abzuholen. Während des Lockdowns sei das besonders gefragt. „Der Ausbau von Click & Collect und des Online-Planungs- und Beratungsservices haben wesentlich dazu beigetragen, dass wir weiterhin für unsere Kunden da sein konnten“, sagte etwa Dennis Balslev, Geschäftsführer Ikea Deutschland, kürzlich. Auch der Vorstandsvorsitzende von Ceconomy, Bernhard Düttmann, betonte im Dezember, wie wichtig es für das Unternehmen sei, auch vor Ort für seine Kunden da sein zu können.

          Immer mehr Händler bauen seit der Corona-Pandemie auf Alternativen zum Ladengeschäft: Nach einer aktuellen Umfrage des Handelsverbandes Deutschland (HDE) unter 600 Unternehmen nutzen fast drei Viertel der Handelsunternehmen alternative Vertriebswege. Dazu zählen neben der Warenabholung auch Lieferangebote oder Online-Marktplätze. Rund ein Drittel der Unternehmen gibt an, Online-Shopping anzubieten.

          Der letzte Strohhalm?

          Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) bezeichnete die Warenabholung am Mittwoch als „vielleicht letzten Strohhalm“ für die Händler. Ganz allein das Abholen von Waren wird aber die Umsatzrückgänge nicht kompensieren können, weiß auch Bernd Ohlmann vom bayerischen Handelsverband. „Der Heilige Gral ist das nicht“, sagt er. Ihm zufolge brauche es neben einer Anpassung der staatlichen Hilfen auch langfristige Konzepte für eine mögliche Öffnung der Geschäfte. Auch profitieren Läden wie Ikea, Media-Markt und Saturn nicht nur vom Abholangebot, sondern vor allem auch von ihrem wachsenden Online-Geschäft.

          „Ein Abholservice kann nicht alles kompensieren, aber gerade zählt jeder Euro“, sagt Ohlmann. Das mag auch ein Grund sein, weshalb der HDE sich wünscht, dass das Abholen von Waren ohne weitere Beschränkungen erlaubt wird. Der Branchenverband fordert, dass die Beschränkung der Bewegungsfreiheit in Corona-Hotspots nicht für das Einkaufen von Lebensmitteln gelten soll – und auch nicht für das Einsammeln von bestellten Produkten vor dem Ladengeschäft.

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